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© Gert Eggenberger / dpa
Sonnenalm-Molkerei im Görtschitztal musste den Betrieb nach Bekanntwerden der HCB-Belastung einstellen.
 
Gesundheitspolitik 27. Jänner 2017

Mit Kärnten ist zu rechnen

HCB-Skandal. Endlich eine positive Nachricht aus dem Görtschitztal. Die strengen Richtwerte, die nach dem Austritt von Hexachlorbenzol eingeführt wurden, gelten ab Mai 2017 EU-weit. Ein Erfolg für die Kärntner Grünen und für die Wiener Umweltmediziner.

Sonnige Tage für die Grünen. Am Tag nach der Angelobung von Alexander Van der Bellen, trat die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Ulrike Lunacek, flankiert vom Kärntner Umweltlandesrat Rolf Holub und Umweltmediziner Hans-Peter Hutter vor die Presse, um einen „großen Fortschritt für Lebensmittel- und Konsumentenschutz in ganz Europa“ zu verkünden. Erklärung: Die massive Senkung der HCB-Grenzwerte, die nach dem Skandal im Jahr 2014 für die Region Görtschitztal aus medizinischen Gründen eingeführt wurde, wird im Mai EU-weit in Kraft treten. „Ich halte das für einen großen Erfolg, der das Görtschitztal ins Zentrum stellt.“ Lebensmittel würden in Zukunft noch strenger kontrolliert werden, sagt Lunacek.

Dieser Erfolg ist das Ergebnis politischen Lobbyings und wissenschaftlicher Knochenarbeit. Nachdem im November 2014 ruchbar gewurde, dass mit HCB verunreinigter Blaukalk in einem Zementwerk in Klein St. Paul nicht mit der richtigen Temperatur verbrannt worden war und über den Rauchfang entweichen konnte, war Feuer am Dach. Bei Lebensmittelkontrollen fiel auf, dass die gültigen Grenzwerte trotz nachgewiesener Kontamination nicht ausreichten, sagt Holub. Die Folge war Verbitterung in der Bevölkerung. „Für die Menschen im Görtschitztal war das unverständlich, warum sie ihre eigenen Produkte (wegen der medizinisch notwendigen Senkung der HCB-Grenzwerte, Anm.) nicht essen durften, der Nachbar im Nebental aber schon.“

Eine erste Initiative zur Neubewertung der HCB-Grenzwerte blieb erfolglos, die EU-Kommission erteilte der Kärntner Landesregierung schriftlich eine Absage. Holub ergriff darauf die Iniative und verbrachte ab Oktober 2015 viel Zeit in Brüssel. Das persönliche Antichambrieren war erfolgreich, denn „siehe da, vor wenigen Wochen kam die Antwort, ja, man habe die Grenzwerte bei Fleisch und Milch heruntergesetzt“. Um den Faktor 100, wohlgemerkt.

In Görtschitztal gelten diese künftig EU-weit gültigen strengen Normen eben schon länger, woraus Holub einen „Wettbewerbsvorteil“ ableitet, Lunacek spricht sogar von einer „Musterregion“. Gute Nachrichten sind in der von Umweltskandalen gebeutelten Talschaft ohnehin Mangelware (Im Görtschitztal wurden auch Asbest-Altlablagerungen entdeckt, Anm.).

Die Absenkung eines Grenzwertes klingt für Außenstehende zunächst nicht außergewöhnlich, doch genau das ist es. Üblicherweise werden Grenzwerte nach oben verschoben. „Dass Grenzwerte abgesenkt werden kommt im Leben eines Umweltmediziners maximal einmal vor“, sagt Prof. Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien. Die verringerte Aufnahme kontaminierter Lebensmittel sei aber die einzige Möglichkeit, die HCB-Belastung der Bevölkerung zu senken. „Es ist großartig, dass dieses Ausschwemmen auch funktioniert hat. Für die EU-Bevölkerung bedeutet das eine deutliche Verbesserung des Gesundheitsschutzes“.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Zumindest gesetzlich demnächst ja. Auf die Umsetzung werde der Umweltausschuss im Europaparlament achten, sagt Lunacek. HCB sei als Fungizid „bar jeglicher Bedenken in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren“ eingesetzt worden, und dieser langlebige Stoff mache 50 Jahre danach immer noch Probleme. „Wir mussten gravierende Maßnahmen setzen, damit es nicht zu einer weiteren Gefährdung der Bevölkerung kommt“, sagt Hutter, der von dem Erfolg in Brüssel restlos begeistert ist: „Wir finden das alle super“ (siehe Interview).

Lunceks Fazit: „Es ist leider so, dass erst so etwas passieren muss wie im Görtschitztal, damit sich etwas bewegt“, sagt die Europapolitikerin. „Was in Kärnten passiert ist, war ein Unglück. Es hat die Experten aber gezwungen, sich mit Hexachlorbenzol wieder stärker zu beschäftigen.“ Keine Selbstverständlichkeit. Denn: Ist ein Stoff einmal verboten, erlahmt üblicherweise auch das wissenschaftliche Interesse daran.

Für Holub ist der politische Erfolg „natürlich“ auch eine persönliche Genugtuung. „Wir arbeiten sehr viel. Das ist so ähnlich wie ein Lottoschein, den man ausfüllt. Meistens gewinnt man nichts, aber in diesem Fall war es toll, dass wir zeigen konnte, dass man Europa ein bisschen zum Besseren verändern kann.“

Das dunkle Tal

Detail am Ende: Nicht nur die Lebensmittel, auch das gesellschaftliche Klima im Görtschitztal ist vergiftet. Für manche sind die Biobauern bzw. ihre strengen Auflagen schuld an der Misere. In konventionellen Betrieben wären die Rückstände nicht aufgefallen.

„Dirty Dozen“

Hexachlorbenzol ist kein Kochsalz, HCB gehört zum sogenannten „dreckigen Dutzend“ der verbotenen organischen Chlorverbindungen, die im starken Verdacht stehen, karzinogen, mutagen und teratogen zu wirken. Ihre Gefährlichkeit resultiert aus potenzieller Bioakkumulation (Anreicherung im Gewebe), Persistenz, hoher Toxizität, sowie der Möglichkeit zum Ferntransport (z. B. in der Nahrungskette). Einzelne Stoffe sind auch als endokrine Disruptoren bekannt.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 5/2017

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