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Gesundheitspolitik 28. November 2016

CRISPR im Alltag angekommen

Gen-Schere. Nach einem trilateralen Treffen von Bioethikern in Wien wiesen Experten auf das große Potenzial der neuen Technik im Krankenhausalltag hin. Auch der Eingriff in die Keimbahn ist kein Tabu mehr.

Mit der Gen-Schere „CRISPR/Cas“ kann man das Erbgut aller Organismen bis zum Menschen punktgenau verändern. Bioethiker aus Österreich, der Schweiz und Deutschland diskutierten vor Kurzem in Wien, ob das problematisch ist, oder ob es nun geboten sei, damit raschestmöglich Therapien für leidende Menschen zu entwickeln. Potenzial und Nebenwirkungen dieser Technik seien derzeit aber kaum abzuschätzen.

In Europa ist die neue Technik in der Grundlagenforschung weit verbreitet, und es ist leicht möglich, dass sie auch in der medizinischen Forschung schnell Fuß fassen wird, erklärte Dr. Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Auf dem Weg dorthin ist sie schon. In Schweden wollen etwa aktuell Forscher mit Hilfe der Gen-Schere Gründe für das Absterben von Embryonen im Mutterleib und die darausfolgende Unfruchtbarkeit der Eltern erforschen, sagte Dr. Andrea Büchler von der Schweizer Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin.

Veränderungen, die an Folgegenerationen weitergegeben werden, also in der Keimbahn, seien jedenfalls aktuell in Österreich und der Schweiz verboten. Bei der Therapie in „normalen“ Körperzellen (somatische Zellen) müsse man von Fall zu Fall unterscheiden. Das Regelwerk in Europa ist im weltweiten Vergleich sehr streng, erklärten die Expertinnen.

Man dürfe bei der Diskussion um mögliche Risiken nicht die Möglichkeiten der neuen Technik vergessen, meint Druml. „Es gibt im Krankenhausalltag viele Fälle, wo die Mediziner überhaupt keine Möglichkeiten haben, den Patienten ursächlich zu helfen, vielleicht tut sich hier mit der CRISPR/Cas-Technologie eine neue Chance auf.“

Gebote statt Verbote

Wenn etwa ein möglicher Eingriff in die Keimbahn mit keinerlei Risiken verbunden ist, müsse man diskutieren, ob man nicht über Verbote, sondern über Gebote sprechen müsste. Kann man etwa an Zystischer Fibrose erkrankte Personen samt ihrer Nachkommen beinahe risikolos von dem Leiden befreien, ist es ethisch vielleicht schwer vertretbar, ihnen diese Möglichkeit vorzuenthalten.

Mit Hilfe der eingebauten Leitsequenz (Guide RNA) erkennt der CRISPR-Abschnitt zunächst das Ziel, also eine bestimmte Erbgut-Sequenz, die umgeschrieben werden soll. An CRISPR ist der Eiweißstoff Cas9 fixiert, er schneidet das Erbgut, das in Form eines DNA-Doppelstrangs vorliegt, an der gewünschten Stelle. Beide – CRISPR und Cas9 – werden dafür synthetisch hergestellt und etwa mit Mikroinjektionen in die Zellen eingeführt.

An der durchtrennten Stelle im Erbgut werden die Reparatursysteme der Zelle aktiv und heften den DNA-Strang wieder zusammen. Dabei können Gene eingefügt oder ausgeschaltet werden, man kann defekte Erbgut-Teile ersetzen und einzelne DNA-Buchstaben verändern. Dieses „Genome Editing“ haben die Biologinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna als Erste im Jahr 2012 eingesetzt und im Fachmagazin Science beschrieben. Ihre Entwicklung ist für viele Experten Nobelpreis-verdächtig. Damit sind Eingriffe ins Erbgut viel schneller, genauer, einfacher und günstiger, als mit den bisherigen Verfahren. In der Gentherapie könnte die Präzisionsmethode angewendet werden, um etwa Erbkrankheiten wie die Sichelzellenanämie und Zystische Fibrose zu behandeln, auch Eingriffe in die menschliche Keimbahn und Embryonen wären möglich. Mithilfe einer als „Gene-Drive“ bekannten Technik könnte man ein manipuliertes Gen rasch in einer ganzen Populationen verbreiten. Es ersetzt dabei mittels CRISPR/Cas-System selbstständig die zweite Kopie auf dem Schwesternchromosom, bis nach einigen Generationen alle Nachkommen die veränderte Version geerbt haben.

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