zur Navigation zum Inhalt
© Klaus D. Wolf
 
Gesundheitspolitik 8. November 2016

Europäischer Mehrwert

Global Player. Kein Nationalstaat alleine kann die Herausforderungen der Zukunft bewältigen. Das sagt EU-Mandatar Elmar Brok. Das gelte auch für den Gesundheitsmarkt. Auch dort brauche es mehr Europa. Und es brauche TTIP, um die Entwicklungszeit neuer, lebensnotwendiger Medikamente zu ermöglichen.

Selbst wenn die Themen Medizin und Gesundheitsversorgung lediglich ein Nebenschauplatz sind, Elmar Brok, rhetorisch einer der besten am Münchener Gesundheitskongress, blieben, gelang es mit seinem Plädoyer gegen Nationalismus und Populismus, Ärzte wie Politiker zu begeistern. Unter anderem argumentierte Brok, warum er in CETA, TTIP & Co eine Chance sieht, um hohe Qualitätsstandards – nicht zuletzt im Pharma- und Gesundheitsbereich – abzusichern, statt sie auszuhöhlen. Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus seiner Rede.

Darum profitiert die Gesundheitsversorgung

Brok: „Wir beschweren uns so gerne darüber, dass dieses Europa viel zu viel regelt. Aber was im Europäischen Parlament tatsächlich geschieht, ist, 28 nationale Regeln durch eine europäische zu ersetzen. Das ist in Wahrheit ein Entbürokratisierungsprozess, von dem nicht nur Betriebe und Unternehmen, sondern auch die Menschen direkt profitieren. Das gilt auch für die Gesundheitsversorgung. Wir sehen heute die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Behandlung, bei seltenen Erkrankungen etwa oder wenn man temporär im Ausland lebt oder dort Angehörige hat. Es kann Menschenleben retten, wenn man zu den geeigneten Spezialisten gehen kann und nicht eine Grenze das Kriterium für Qualifikation bildet. Jeden Tag sterben zwölf Menschen in Europa, weil ein benötigtes Spenderorgan nicht da ist. War es da nicht sinnvoll, dass wir gemeinsame Richtlinien geschaffen haben, damit Menschen über Eurotransplant schneller zu lebensnotwendigen Organen kommen? Oder die grenzüberschreitende Überwachung der Arzneimittelsicherheit: Auch hier ist es durch Kooperation und einheitliche Standards zu einer massiven Verbesserung der Patientensicherheit gekommen. Würde jetzt auch noch TTIP kommen, dann würde das bedeuten, dass wir eine dramatische Verringerung von Überprüfungen hätten, weil Arzneimittelprüfungen gegenseitig anerkannt werden. Das würde nicht nur die Kosten für Pharmaunternehmen – und damit auch für ihre Produkte – drastisch verringern, sondern die Entwicklungszeit neuer, lebensnotwendiger Medikamente ermöglichen. Wenn man von dieser Sicht des Mehrwertes ausgeht, wird vielleicht manchem klar, warum wir ein starkes, geeintes Europa brauchen.“

Darum braucht Europa Handelskooperationen

Brok: „Alle großen Player – USA, Lateinamerika, Indien, China, Japan – machen zurzeit Handelsverträge untereinander. Sind wir nicht clever genug und machen auch welche, dann wird man uns bald nicht mehr brauchen. Wenn wir etwa mit den USA keinen Vertrag zustande bringen, dann werden die Industriestandards – etwa auch für medizinische Produkte – in Zukunft nicht mehr hier in Europa festgelegt. Da wird nicht mehr Rücksicht genommen auf hohe Sozial-, Umwelt- und Verbraucherstandards. Dann müssen wir nehmen, was der Rest der Welt vereinbart hat. Wir müssen begreifen, dass wir mit unseren Fähigkeiten und Voraussetzungen – Stichwort: fehlende Rohstoffe – nur dann wirtschaftlich eine Zukunft haben werden, wenn wir aktiv in den Welthandel eingebunden sind. USA und Europa zum Beispiel erwirtschaften 40 Prozent des BIP dieser Erde. Wenn wir gemeinsam die Standards festlegen, hat das für die gesamte Welt Bedeutung. Wenn wir das nicht tun, werden wir sukzessive Marktanteile und Einfluss verlieren, weil andere Player stärker werden, China zum Beispiel: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte China 30 Prozent des BIP dieser Erde, dann ist mit der Industrialisierung Europas Reichtum entstanden. Jetzt will China dorthin zurück, wo es schon einmal war.“

So geht man professionell mit der Flüchtlingswelle um

Brok: „Migration kann man nicht mit Zäunen bekämpfen, sondern nur dadurch, dass man an die Ursachen herangeht. Die Bevölkerung Afrikas etwa wird sich in den nächsten 25 Jahren verdoppeln. Wenn wir unsere Afrika-Politik nicht ändern, wenn wir nicht endlich faire Handelsverträge abschließen, die die Afrikaner nicht benachteiligen und ihnen eine bessere Lebensgrundlage geben, dann wird es zu einer Völkerwanderung kommen, wo kein Zaun dieser Welt halten wird. Das war vor 1.700 Jahren nicht anders, als wir Germanen losgezogen sind, weil es nichts mehr zu essen gab, die Alpen überwunden, Rom zerstört und schließlich ein Königreich in Tunesien gegründet haben, weil Tunesien damals die Kornkammer Europas war. Jetzt dreht sich alles um. Im Gegensatz zu den Römern haben wir den Vorteil, die Entwicklung vorauszusehen und rechtzeitig zu handeln, indem wir den Menschen vor Ort eine Zukunft geben. Es bleibt die Frage, ob wir das gemeinsam begreifen. Wäre ich ein 20-jähriger junger Mann in einer Dorfstraße in Eritrea und hätte die Wahl, morgen von einem Diktator abholt zu werden und die nächsten 30 Jahre ohne Sold in der Armee zu dienen, oder mich auf den Weg zu machen nach Europa, wäre diese Wahl nicht schwer. Denn von meinem Smartphone weiß ich, dass in diesem Europa 7,3 Prozent der Weltbevölkerung 25 Prozent des Reichtums der Welt besitzen und 25 Prozent des Welthandels beherrschen – die EU hat mehr Anteil am Welthandel als die USA und China zusammen. Und ich weiß, dass 50 Prozent aller staatlichen Sozialleistungen dieser Erde an Bürger der europäischen Union ausbezahlt werden, dass die Menschen in der EU seit 70 Jahren in Frieden und Freiheit leben. Glauben Sie mir, aus der Perspektive des jungen Mannes aus Eritrea betrachtet, ist das die Beschreibung des Paradieses. Das ist der Grund, warum andere Länder Mitglieder in der europäischen Union werden wollen und warum andere Menschen nach Europa kommen wollen.“

So bewältigen wir die Herausforderungen der Zukunft

Brok: „Auch wenn der europäische Binnenmarkt der gelungenste, integrierte Binnenmarkt dieser Erde ist – weshalb die Briten trotz Brexits ja unbedingt Teil davon bleiben wollen –, es sind nicht nur die ökonomischen Vorteile, die für ein starkes, geeintes Europa sprechen. Nennen Sie mir nur eine einzige der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, die ein Nationalstaat alleine bewältigen könnte: Klimawandel, Migration, Terrorbekämpfung, äußere und innere soziale Sicherheit? Mehr Europa heißt nicht weniger Nationalstaat. Die Nationen werden in einem vereinten Europa die Träger der kulturellen Identität sein – und die Träger der EU, das ist festgeschrieben. Ich glaube, wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, an dem wir uns entscheiden müssen, wohin unsere Reise geht – oder wie es ein französischer Lyriker formuliert hat: „Europa wird sich einigen oder als Wurmfortsatz Eurasiens enden.“

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 45/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben