zur Navigation zum Inhalt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© EGK/Klaus D. Wolf


Prof. Dr. Siegfried Jedamzik
© EGK/Klaus D. Wolf















Porträt

Dr. Jörg. Christian Brokmann
© EGK/Klaus D. Wolf

 
Gesundheitspolitik 8. November 2016

Ruf ihn an!

Notfallversorgung. Bayern und Österreich sind nicht nur sprachlich nächst verwandt, auch bei den Problemen mit der Notfallversorgung könnte man sie für Geschwister halten. Die Bayern basteln an telemedizinischen Lösungen.

Es gibt keine Herausforderungen, nur Probleme, zumindest in der Notfallversorgung hierzulande: Unklare Zuständigkeiten, sektorale Trennung, lückenhafte und unattraktive vertragsärztliche Strukturen, eine fehlende Patientensteuerung sowie Patienten, die ihr gesundheitliches Problem nicht richtig einschätzen können, um nur einige Schwachstellen zu nennen, die das System ineffizient und zunehmend unfinanzierbar machen.

Aus diesen Gründen steigt die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser, sagt Prof. Dr. Siegfried Jedamzik von der Bayrischen TelemedAllianz. Sie sind gleichzeitig Ausgangslage und Motivation für die Initiative „Telemedizinische Triage“. Sie wird nach mehrjähriger Vorbereitung noch heuer starten – in Bayern, nicht bei uns.

Es handelt sich um nur einen von zahlreichen Versuchen, mithilfe telemedizinischer Lösungen zu einer „intelligenten Patientensteuerung im Dschungel des Gesundheitswesens“ zu kommen, erläutert Jedamzik. Solche Lösungen hätten aus seiner Sicht jedenfalls das Potenzial, um das gesamte Problem der überlasteten Ambulanzen schlagartig zu lösen.

Auch in der mobilen Notfallmedizin sind viele Probleme hüben wie drüben die gleichen. Die wichtigsten Baustellen sind laut Dr. Jörg Christian Brokmann, Leitender Arzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Aachen, sich ständig verlängernde Eintreffintervalle. Durchschnittlich dauert es in Deutschland mehr als 26 Minuten, bis ein angeforderter Notarzt am Einsatzort ankommt. Außerdem beklagt man veraltete Kommunikationsmittel, steigende Einsatzzahlen, einen zunehmenden Notärzte-Mangel sowie eine fehlende systematische Qualitätskontrolle.

 

Heilmittel 1: Telemedizinische Triage

Am 1. Dezember startet in Bayern die „Telemedizinische Triage“ nach Schweizer und britischem Vorbild. Dr. Siegfried Jedamzik, niedergelassener Arzt und Geschäftsführer der Bayrischen TelemedAllianz (BTA), sieht darin „den Versuch, im bayrischen Notfallsystem eine intelligente Patientensteuerung zu etablieren“. Damit wollen die Anbieter einen erheblichen Teil der fast 1,8 Millionen „ambulant-sensitiver Krankenhausfälle“ vermeiden – Diagnosen also, bei denen Krankenhausaufenthalte durch eine effektive und rechtzeitige ambulante Versorgung verhindert werden könnten.

Gelingen soll das durch eine Telefon-Triage, bei der eine eigens geschulte, erfahrene medizinische Fachkraft (kein Arzt) anrufende Patienten anhand eines standardisierten Fragebogens IT-unterstützt berät und gegebenenfalls an die richtige Stelle weitervermittelt. Manchmal wird auch zur Selbstbehandlung geraten.

In der Schweiz und Großbritannien habe sich gezeigt, erklärte Jedamzik, dass 80 Prozent der Patienten im Anschluss an die telefonische Beratung keine Notfallambulanz aufsuchen. In vielen Fällen gehe es bei der Triage nämlich nicht in erster Linie um eine akute Versorgung, sondern vor allem darum, den Patienten Unsicherheit und Angst zu nehmen. Das würden auch aktuelle Zahlen aus der Schweiz bestätigen:

- 62 Prozent der Anrufer können sich kurzfristig selbst behandeln. Es handelt sich in diesen Fällen meist um kleine Verletzungen. Der Grund für den Anruf ist eher Angst verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit als der Wunsch nach medizinischer Versorgung;

- 81 Prozent der Anrufer, die ursprünglich beabsichtigt hatten, eine Notfallambulanz aufzusuchen, sehen nach der Telefon-Triage davon ab und wählen eine kostengünstigere Versorgungsstufe;

- Bei Patientenbefragungen zeigten sich rund 90 Prozent der Anrufer mit der telefonischen Triage „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Bei über sechs Millionen Kontakten gab es keine Zwischenfälle oder spätere juristische Auseinandersetzungen, keine einzige Klage.

Was in Bayern parallel zur telefonischen Triage kommen wird, ist eine mobile Triage über eine Mobile-Phone-Applikation mit Anbindung an ein Callcenter. Der Patient geht in diesem Fall den Fragebogen selbstständig durch, bei Unklarheiten oder Detailfragen kann jederzeit per Tastendruck fachlich geschultes Personal hinzugezogen werden.

Die Telemedizin, davon ist Jedamzik jedenfalls überzeugt, „soll und wird Ärzte nicht ablösen oder ersetzen, aber sie wird die Diagnostik, Therapie und Vorsorge verbessern, indem sie dabei hilft, räumliche Distanzen zu überwinden und Behandlungsfehler zu vermeiden. Zusätzlich lassen sich damit auch noch Kosten und Zeit einsparen.“

Da es sich bei der telefonischen Triage gesetzlich nicht um eine Anamnese handelt, greift hier das deutsche „Fernbehandlungsverbot“ nicht. Wobei Jedamzik ohnehin davon überzeugt ist, dass dieses Verbot in den nächsten Jahren fallen wird, weil es angesichts der telemedizinischen Entwicklung nicht mehr zeitgerecht sei.

Heilmittel 2: Der Telenotarzt

Zwischen 2007 und 2012 wurde in der Region Aachen ein Pilotprojekt mit dem Ziel durchgeführt, „unnötige Einsätze“ von Notärzten mithilfe der Telemedizin zu reduzieren. Das sagt Dr. Jörg Christian Brokmann, der leitende Arzt der Zentralen Notaufnahme im Klinikum Aachen. Die anschließende Evaluierung hat den Erfolg des Testlaufs bestätigt, woraufhin das System ab 2014 schrittweise in den Regelbetrieb übergeführt wurde. Nun soll es auf weitere Regionen und Bundesländer ausgeweitet werden.

Den Kern des Systems bildet eine Telenotarzt-Zentrale. Dorthin werden Vitalwerte, Daten, Live-Bilder und -Videos aus den Rettungsfahrzeugen sowie die Audiokommunikation der Helfer in Echtzeit übertragen.

Der diensthabende Telenotarzt hat die Aufgabe, die Rettungsteams vor Ort im Einsatz zu beraten und zu unterstützen. Zudem kann er von der Zentrale aus Sekundärtransporte überwachen und medizinisch koordinieren.

In jedem Rettungswagen wurde dazu ein modernes Videoübertragungssystem eingebaut, das auch das Geschehen außerhalb des Fahrzeuges aufzeichnet, überträgt und dokumentiert. Kommuniziert wird über eine eigene Kommunikationseinheit, die auf unterschiedliche mobile Netze zugreifen kann, wodurch sich eine hohe Übertragungssicherheit von über 99 Prozent ergibt, erläuterte Brokmann.

Von der Zentrale aus können zudem sämtliche relevanten Daten und Vitalwerte in die Notaufnahme des vom Rettungswagen angefahrenen Krankenhauses übermittelt werden, wodurch die Ärzte schon vor dem Eintreffen des Patienten entsprechende Maßnahmen planen und vorbereiten können.

„Der Telenotarzt entlastet damit von der Zentrale aus die boden- und luftgebundenen Notärzte“, ist Brokmann überzeugt. Nicht zuletzt deshalb, weil er mehrere Einsätze parallel ableisten kann und sich zudem Anfahrtszeiten erspart.

Bei der Evaluierung des Pilotprojekts (5.500 Telenotarzt-Einsätze wurden ausgewertet) hat sich herausgestellt, dass mehr als 25 Prozent der bisherigen Notarzteinsätze und sogar mehr als 35 Prozent der bisherigen Verlegungstransporte telemedizinisch kompensiert werden können.

„Die Notfallversorgung mit dem Telenotarzt ist in der Lage, einen Großteil der Einsätze zu bewältigen“, lautet daher das Resümee von Brokmann. Sie sei sicher, leitlinienadhärenter und kosteneffizient und verkürze zudem die therapiefreien Intervalle im Vergleich zu konventionellen Notarzteinsätzen.

Brokmann sieht aber auch die Grenzen der telemedizinischen Notfallversorgung: „Bei allen genannten Vorteilen macht sie allerdings den hochqualifizierten Notarzt nicht verzichtbar.“

Um diese Grenzen möglichst klar zu definieren, hat die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) im März dieses Jahres übrigens eigene „Strukturempfehlungen“ publiziert, bei welchen Indikationen der Telenotarzt und bei welchen der konventionelle Notarzt eingesetzt werden sollte.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 45/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben