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75 Prozent aller Berichte über Suizide haben keinen Imitationseffekt zur Folge
 
Gesundheitspolitik 30. September 2016

Niederkrotenthaler: Von Werther- und Papageno-Effekten

3 Fragen, 3 Antworten

Prof. Niederkrothentaler sprach am Rande der „Am Puls“-Diskussion zum Tabuthema Suizid über Werther- und Papageno-Effekt.

Wie wirkt sich legale aktive Sterbehilfe aus?

Niederkrotenthaler:Meine Hoffnung war ja, dass in Ländern, in denen aktive Sterbehilfe legalisiert ist, zumindest die Suizide sinken. Aber das hat sich nicht bestätigt. Es ist im Gegenteil eine Gruppe dazugekommen, Menschen, die tendenziell eher sozioökonomisch besser gestellt sind. Wichtig ist, dass Todeswünsche, aber auch Suizidalität unbedingt in einem Gespräch resultieren sollten – und in Hilfsangeboten. Insofern greift die Diskussion viel zu kurz; es ist nötig viel breiter zu fragen, wie wir mit dem Lebensende und dem Tod umgehen, und wie wir als Gesellschaft mit dem Lebensende, mit Sterben und Tod umgehen. Palliativmedizinische Betreuung braucht eine entsprechende Priorisierung.

Wie detailliert sollte über einen Suizid berichtet werden?

Niederkrotenthaler: 75 Prozent aller Berichte über Suizide haben keinen solchen Imitationseffekt zur Folge. Es geht um das WIE der Berichterstattung. Was wir herausgefunden haben: Wenn in einem Bericht nüchtern auf das Leben der Person fokussiert wird – was hat sie gemacht – z. B.: wie hat sie die Künste gefördert, was hat die Person in der Gesellschaft erreicht –, ohne auf die Suizidmethode zu fokussieren oder vereinfachte Erklärungen zu geben, dann wird üblicherweise kein „Werther-Effekt“ ausgelöst. Freilich ist es eine Frage der Berichtsmenge. Wenn immer wieder über den selben Suizid berichtet wird, kann das vulnerable Menschen überfordern, und einen Werther-Effekt triggern. Wenn die Frage im Raum steht, ob man zum wiederholten Mal über einen Suizid berichten soll, lautet die Empfehlung, darauf wenn möglich zu verzichten.

Was triggert den Effekt?

Niederkrotenthaler:Berichte, die sensationsträchtig die Methode beschreiben, über die Gründe monokausal und simplifiziert spekulieren, und den Eindruck erwecken, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Mit monokausalen Erklärungen kann man sich identifizieren, diese erklären aber nicht allein einen Suizid. Wenn hingegen über Krisenbewältigung berichtet wird: Wie ist ein Mensch mit seiner Suizidalität umgegangen? Was hat er gemacht? Wie hat er sie bewältigt, wie managed er sein Leben? Dann kann das einen suizidprotektiven Effekt haben, den „Papageno-Effekt“. In Onlinemedien ist viel Platz, um über den Umgang mit Krisen zu berichten.

Martin Krenek-Burger, Ärzte Woche 40/2016

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