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Gesundheitspolitik 26. September 2016

Theorie hui – Praxis pfui

Lehrpraxis. Alle wollen es, aber keiner will bezahlen. Das gilt auch für die Lehrpraxis. Seitdem die Verpflichtung dazu im Februar eingeführt wurde, streiten die Vertragspartner um die Finanzierung.

Allgemeinmedizin ist ein unter Jungmedizinern ungeliebtes Fach. Viel Verantwortung bei schlechter Honoration und speziell bei Landordinationen lange oft familienfeindliche Arbeitszeiten sind nur einige der Gründe. Dazu kommt nicht zuletzt, dass das Spitalsleben einfach nicht auf die Niederlassung vorbereitet. Mit der Ausbildungsreform von 2015 sollte zumindest dem letzteren Übel abgeholfen werden.

Für derzeit sechs, ab 2022 neun und ab 2027 zwölf Monate muss der zukünftige Allgemeinmediziner am Ende seiner Ausbildung in einer Ordination eine Lehrpraxis durchlaufen. Oder auch nicht, denn der Gesetzgeber hat noch schnell ein Schlupfloch geschaffen, nachdem diese Lehrpraxis auch in sogenannten Lehrambulanzen absolviert werden kann.

Ambulanz hat andere Patienten

Freilich meinen Kritiker, dass eine Ambulanz eben mitnichten das gleiche Patientenkollektiv bietet wie eine allgemeinmedizinische Praxis und dass auch die Ausstattung doch erhebliche Unterschiede aufweist. Dennoch ist diese Variante im Moment beliebt, denn die Finanzierung der Lehrpraxis wurde nicht geregelt – und ist bis heute, über ein halbes Jahr nach Inkrafttreten der Reform – im besten Fall unzulänglich.

Geplant ist ein Gesamtvertrag zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Ärztekammer. Der wird allerdings derzeit noch verhandelt. Wann die Verhandlungen zum Abschluss kommen und der Vertrag unterschriftsreif sein wird, wagen derzeit nur Hellseher zu prophezeien, auch wenn das Ziel ein Abschluss Ende 2016 ist. Eigentlich ist ja noch Zeit bis Ende 2017, da die neue Ausbildung nur jene Jungärzte betrifft, die den Turnus nach Inkrafttreten Mitte 2015 begonnen haben. Allerdings sieht eine Klausel vor, dass jene, die nach der alten Ausbildungsordnung ihren Turnus absolvieren, auf die neue umsteigen können. Was angesichts der Finanzierungssituation wohl nicht allzu viele in Anspruch nehmen werden.

16 Millionen jährlich

Dr. Karlheinz Kornhäusl, stellvertretender Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Obmann der Bundessektion Turnusärzte, wundert sich durchaus darüber, dass das Ministerium zögert: „Es geht hier um etwa 16 Millionen Euro jährlich. Gemessen an anderen Ausgaben, ist das keine sehr hohe Summe.“ Zum Vergleich: Laut Budgetbericht des Finanzministeriums 2014/ 2015 sind im heurigen Jahr 80 Millionen Euro für den Zahnregulierungsfonds vorgesehen, geschädigte AvW-Anleger erhalten laut Medienberichten etwa 150 Millionen Euro vom Bund, und von den über 12.000 Millionen Euro, die z. B. die Hypo Alpe Adria kostete, ist besser gar nicht zu reden.

Grundsätzlich werden Lehrpraktikanten laut Kollektivvertrag wie im Spital bezahlt, aber freilich ohne die Zulagen, etwa für Nachtdienste, und nur für 30 Stunden, da die Ausbildungsordnung 30-Stunden-Wochen in der Lehrpraxis vorsieht. Allerdings bietet z. B. Oberösterreich durchaus die Möglichkeit, zusätzlich noch Nachtdienste im Spital zu absolvieren, sollte der Turnusarzt das wollen. In der Praxis bedeutet die Lehrpraxis dennoch wohl einen spürbaren Einkommensverlust für die meisten jungen Ärzte.

Ausbildung ist Arbeit

Die Lehrpraxisinhaber können sich das Gehalt wohl nur in den seltensten Fällen leisten. Die Frage ist auch, ob sie wollen. Dr. Susanne Rabady von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin: „Ausbildung ist Arbeit. Sie bringt Reibung in Abläufe und erfordert zusätzliche Konzentration.“ Dazu kommt noch eine notwendige Zusatzausbildung, das Lehrpraxisleiterseminar. Im Gegenzug gäbe es dafür „im wesentlichen ideellen Nutzen“, so Rabady. Zwar können die Lehrpraxisinhaber manche Tätigkeiten der Lehrpraktikanten abrechnen, aber die Zahl der Patienten und der Leistungen blieben ja gleich. Rabady weiter: „Zudem können wir von der Ausbildung dieser Ärzte später nicht profitieren, indem wir sie nach Abschluss anstellen. Wir können sie höchstens mit Glück für Praxisvertretungen über einen gewissen Zeitraum gewinnen.“

Dabei ist die Bedeutung der Lehrpraxis für die Ausbildung wenig umstritten. Fast alle europäischen Länder verpflichten ihre zukünftigen Primärversorger zu einer entsprechenden „Lehrzeit“ im Bereich der Primary Health Care, teils zu Beginn, teils am Ende der Ausbildung, teils beides.

Für Michael Wendler, Hausarzt und jahrzehntelang Lehrpraxisinhaber, wäre übrigens eine Lehrpraxis zu Beginn des Turnus oder eine Pflichtfamulatur im niedergelassenen Bereich wichtig. „Die Jungärzte lernen im Spital sonst falsch“, erklärt er. „Sie verlassen sich zu sehr auf die Gerätemedizin, die sie als niedergelassener Allgemeinmediziner nicht haben.“

Länder springen ein

In manchen Bundesländern bestanden und bestehen Modelle zur Finanzierung von Lehrpraxen. Vorreiter war wieder einmal Vorarlberg, dessen System hier als Beispiel genannt sei. Im Ländle bleibt der Turnusarzt beim Krankenhaus einfach angestellt und wird dem niedergelassenen Arzt dienstzugewiesen. Damit läuft sein Gehalt (freilich minus Nachtdienst- und anderen Spitalszulagen) weiter wie gewohnt. Der Spitalserhalter bekommt seinerseits die Gehaltskosten refundiert, und zwar zu je einem Drittel vom Land und vom Bund sowie zu je 16,5 Prozent von den Sozialversicherungen und vom Lehrpraxisinhaber.

Auch in Salzburg bleiben die Ärzte Dienstnehmer der Spitalserhalter, während sie in Oberösterreich beim Lehrpraxisinhaber angestellt sind. Dort muss dieser das Gehalt „vorschießen“ und erhält es zu je einem Drittel von Land, Sozialversicherungen und Bund rückerstattet.

Kärnten steht laut Pressemeldungen kurz vor der Einigung zwischen den Geldgebern, in den fünf anderen Bundesländern ist aber – ein halbes Jahr nach Einführung der Verpflichtung – noch keine Finanzierung in Sicht.

Das Warten auf den Bund

Wien und die Steiermark warten auf eine Bundeslösung. Der steirische Gesundheitslandesrat Mag. Christopher Drexler schreibt in seiner Stellungnahme: „So wie andere Bundesländer wird sich auch die Steiermark zukünftig an der Finanzierung der Lehrpraxen beteiligen. Gemeinsam mit dem Bund und der Sozialversicherung wurde ein Finanzierungsschlüssel festgelegt. Eine diesbezügliche gesetzliche Vorlage wird im Rahmen der nächsten Artikel-15a-Vereinbarung aufgesetzt und sollte bis zum Jahresende beschlossen werden.“ Die steirische Gebietskrankenkasse schlägt in dieselbe Kerbe und verweist auf Dr. Peter Scholz vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

Norbert Schurrer, Pressesprecher der Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, verweist zudem indirekt auf das Primary-Health-Care-Gesetz, das ebenfalls gerade ausgehandelt wird: „Die Finanzierung von Lehrpraxen gibt es deshalb noch nicht, weil es noch kein Konzept gibt, wie es insgesamt mit der Allgemeinmedizin weitergehen soll. Dies kann man nur im Zusammenhang mit der Primärversorgung klären. Eine Lösung sollte aber bundeseinheitlich sein und nicht aus vielen regionalen Lösungen bestehen.“ Für Kornhäusl hat dagegen das eine mit dem anderen herzlich wenig zu tun. Ginge es bei der Frage des PHC-Gesetzes primär um Formen der Zusammenarbeit und der Honorare ¬ aus seiner Sicht – nicht zuletzt um den Wegfall der Deckelungen und Limitierungen, die derzeit seiner Ansicht nach den Gruppenpraxen im Weg stünden.

Das liebe Beamtenmikado

Die Rückmeldung aus dem Büro der niederösterreichischen Finanzlandesrätin Johanna Mikl-Leitner lautet: „In Niederösterreich wurde ein fertiges Modell für die Lehrpraxis Waldviertel als Pilotprojekt inklusive aller organisatorischen und administrativen Regelungen erarbeitet. Die Mitfinanzierung seitens des Landes Niederösterreich ist schon seit Einführung der gesetzlichen Regelung zugesagt und damit gesichert. Was noch nicht geklärt ist, ist die anteilige Mitfinanzierung durch die Ärzte bzw. die Ärztekammer. Sobald die Ärzte-/ Kammer uns eine diesbezügliche Zusage gibt, kann die Umsetzung starten.“

Die niederösterreichische Ärztekammer schreibt: „Für diese Ausbildung (zum Allgemeinmediziner) sind der Bund und die Länder zuständig. Gerne beteiligen wir uns an Gesprächen, aber die Initiative sollte von den Ländern ausgehen.“ Sie trügen mit Seminaren für Lehrpraxisleiter bei.

Die NÖGKK ist „bereit, Versichertengeld dafür in die Hand zu nehmen. Bei den Lehrpraxen handelt es sich aber um kein länderweites, sondern um ein bundesweites Thema. Zuständig sind der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, der Bund, die Länder und die Ärztekammer.“ Dabei hätten sich Bund, Länder und Sozialversicherung bereits über die Finanzierung geeinigt.

Gerade in Niederösterreich zeigt sich also besonders schön das in Österreich so beliebte Spiel: „Der andere ist dran“, das durch die vielen unterschiedlichen Kompetenzen bei ein- und demselben Gebiet erst möglich wird. Ein Schelm, wer an „Beamtenmikado“ denkt.


Livia Rohrmoser

, Ärzte Woche 39/2016

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