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© Apa/Georg Hochmuth
Streikführer und Ex-SPÖ-Mitglied Thomas Szekeres vor 2.000 Ärzten am Stephansdom. Seine Rede ging im Läuten der Glocken beinahe unter.
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Am Stubenring kam Spartacus-Feeling auf, fand eine KAV-Ärztin, die mitmarschierte.

 
Gesundheitspolitik 19. September 2016

Die Fête blanche geht weiter

Ärztestreik. Es läuft gut für die Wiener Ärztekammer. Der Warnstreik hat bei etlichen KAV-Ärzten einen Nerv getroffen. Nach dem Aufmarsch in der Innenstadt stehen nun der KAV und die Wiener Gesundheitsstadträtin Wehsely unter Zugzwang.

Das Rathaus in Wien ist eine Welt für sich. Was draußen passiert, spielt schon auch eine Rolle, aber die Mitarbeiter der Medienabteilung wissen das Unwesentliche vom Wesentlichen fein zu trennen. Also vermeldete die Rathauskorrespondenz am 14. September 2016: „Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely überreichte an 178 Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger Diplome im Wiener Rathaus.“ Auch wichtig. Das war jedoch jener Tag, an dem Wehsely und der Wiener Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres einander nach einem Jahr Pause erstmals wieder en face gegenübersaßen.

Szekeres hat hingegen wenig Grund, kleinlaut aufzutreten. Tut er auch nicht. „Natürlich sind wir guter Hoffnung, dass unsere Forderungen erfüllt werden“, sagte er vor dem Gipfel im Rathaus. Der oberste Wiener Mediziner kam nicht als Bittsteller zur politisch Verantwortlichen. Beim Handshake hatte er noch den Jubel der demonstrierenden Ärzte im Ohr. Unterm Strich wird das ehemalige rote Parteimitglied – obwohl kein Volkstribun – den Tag genossen haben.

Dass überhaupt Hundertschaften von Ärzten ihre Patienten Patienten sein ließen und demonstrieren gingen, daran ist der KAV nicht ganz unschuldig. Streikwilligen Ärzten wurden offenbar dienstrechtliche Konsequenzen angedroht, wie eine Teilnehmerin am Warnstreik, die anonym bleiben wollte, in einem Brief an die Ärzte Woche erklärt:

Es war schon beeindruckend, an diesem Tag die sonst eher heterogene Gruppe der Ärzte in so großer Zahl und so solidarisch zu sehen. Beeindruckend auch deshalb, weil vonseiten der Generaldirektion nicht mit Drohungen gespart wurde, was einen erwartet, wenn mein seine Dienstpflicht verletzt und an diesem besagten Montag nicht zur Arbeit erscheint. Dem voraus ging auch noch die Order dass keine geplanten Ambulanzbesuche, Operationen/Eingriffe verschoben werden dürfen und, sollte das Pflegepersonal in die Umorganisation eingebunden werden, dies an die Direktion zu melden wäre – divide et impera.

Ehrlich gesagt war dieses Droh- Mail, in dem Dienstpflichts-Verweigerer mit Konsequenzen bis zur Kündigung konfrontiert wurden, die eine Drohung von den vielen, die das Fass zum Überlaufen brachte. In Österreich funktionierte die „Jetzt erst recht“-Mentalität ja bekanntermaßen bestens – Stichwort Waldheim. Erstaunlich, dass die KAV-Führung ausgerechnet diesen Knopf drückt.

Na jedenfalls: Ich war dort. Am Lueger- und am Stephansplatz und selbstverständlich am polizeieskortierten Weg dazwischen. Wie tausende meiner Kollegen. Ausgerüstet mit Arbeitsmantel, Trillerpfeife und Ratsche krachmachend und sich gegenseitig über die schlechter werdenden Arbeitsbedingungen beklagend, setzte sich der Tross in Bewegung. Am Stubenring kam Spartacus-Feeling auf, als wir die entlang des Ringes positionierten Steher (380 an der Zahl?) mit aufgespannten Arztmänteln mit der Rückenaufschrift „Ich werde eingespart“ erblickten. Spartacus alias Kirk Douglas hatte allerdings ein ungleich schwereres Los, wenn auch den gleichen stechenden Sonnenschein, als er die Via appia entlanggetrieben wurde. Es wurde schon gescherzt, dass der Sonnenbrand (als indirekter Beweis für die Teilnahme am Streik) dann wohl das Kriterium für die anstehenden Entlassungen bzw. Nicht-Vertragsverlängerungen herangezogen würde.

Ich sah viele bekannte Gesichter von beinahe allen Abteilungen meines Hauses. Aber ironischerweise war ich eine von 70 Prozent der KAV-Ärzte, die nach Angaben des KAV nicht gestreikt haben, denn ich hatte laut Zeiterfassungsprogramm Urlaub. Wenn man die KAV-Berechnung heranzieht, war ich also nur Statist. KAV-Statistiken funktionieren scheinbar wie Rechnen mit Pippi Langstrumpf. Manchmal denke ich, solche Meldungen können eigentlich nur aus der Tagespresse stammen, aber nein, es war der Standard. Alleine die Aussage, 70 Prozent der KAV-Ärzte hätten nicht gestreikt, lässt mich fassungslos zurück und zeigt, wie die aufgrund von Management-Fehlern aufgetretenen Problemen in der GD weginterpretiert werden, weil dort offensichtlich mit falschen Zahlen gerechnet wird. Aber jedem, der das Arbeitszeiterfassungs-System im KAV kennt, schwant, dass unser Arbeitgeber nicht gewusst haben kann, wie viele Arbeitsstunden wir vor der Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes geleistet haben. Sonst kann ich mir diese Vehemenz, mit der Falschinterpretationen präsentiert werden, nicht erklären.

Es wurden schließlich am Stephansplatz all die Punkte angesprochen, die relevant sind. Sogar der Unterstützung des deutschen Ärztekammerchefs können wir uns sicher sein. Ich für meinen Teil hatte das Gefühl, dass die fehlende Zeit für die Ausbildung des Medizinernachwuchses (trotz Entlastung von den Aufgaben des sogenannten mitverantwortlichen Tätigkeitsbereichs) eines der relevantesten/emotionalisiertesten Themen war. Denn gute Medizin lernt man am Patientenbett unter Anleitung eines erfahrenen Arztes. Und obwohl das Studium durch die Einführung des klinisch praktischen Jahres unsere Jungärzte sicher um einiges besser auf die Arbeitsrealität vorbereitet als zu meiner Zeit, können Fachärzte, die zwischen Arbeitszeitverdichtung und Administrationswahnsinn Überstunden abbauen und daher nicht anwesend sind, ihr Wissen nicht effizient weitergeben.

Eine habe ich aber schmerzlich vermisst: die „Daseinsgewerkschaft“. Ein treffendes Plakat titelte „oh younion where art thou?“ Viele meiner Kollegen sind nach Umstellung auf das neue Arbeitszeitgesetz aus der Gewerkschaft ausgetreten. Der Vorwurf, dass die Ärzteschaft im aktuellen Kampf um bessere Arbeitsbedingungen von der Gewerkschaft im Stich gelassen wurde, wurde in der jüngsten Aussendung unserer Personalvertretung so kommentiert, dass ja niemand um Unterstützung gebeten hatte. Abgesehen davon, dass es im Streikvorfeld seitens der Gewerkschaft Stellungnahmen gab, die klar darstellten, dass aufgrund der super Verhandlungsergebnisse zur Einführung des neuen Arbeitszeitgesetzes gar kein Handlungsbedarf bestehe, möchte ich bitte von unser aller Chef ab sofort jeden Tag aufs Neue eine schriftliche Einladung mit der Bitte, doch auch heute wieder im Kampf um das Wohl der Patienten alles zu geben.

Werde ich auch weiterhin machen. Aber nur solange ich keine 12,5 Schichtdienste machen muss.

Sie sind dann mal weg

Unabhängig von der aktuellen Auseinandersetzung geht der Abfluss heimischer Medizinstudenten weiter. In einem Userkommentar („Zwischen den Skalpellen“) auf derstandard.at schrieb der Medizinstudent Lucas Maurice Scheinost: „In einer unterbesetzten Ambulanz hat eben auch der motivierteste und geduldigste Oberarzt nicht die Möglichkeit, eine Untersuchung oder ein Krankheitsbild seinen jungen Kollegen genauer zu erklären und weiterzugeben.“ Die Konsequenzen: „Der Weg ins Ausland wird schon zu großen Teilen während des Studiums oder unmittelbar danach gesucht. Die Schweiz und Deutschland locken mit besseren Arbeitsbedingungen, höheren Gehältern und einer fundierten Ausbildung.“ Die Teilnahme an den Protesten solle als Zeichen der Kritik an den Vorgängen im Wiener Gesundheitssystem gesehen werden und als das aufrichtige Bestreben, dieses zu verbessern.

Die Welt dreht sich weiter. Große Sorgen der Kärntner Ärztekammer-Präsident Dr. Josef Huber: „Alle 13 Ärztinnen und Ärzte, die in Greifenburg (Bezirk Spittal/D., Anm.) gereiht waren, haben die ausgeschriebene Kassenplanstelle nicht angenommen.“ Trotz des hohen Durchschnittsalters der Kärntner Ärzte für Allgemeinmedizin und der dramatisch sinkenden Zahl nachfolgender Allgemeinmediziner scheine für die Politik die Mangelsituation noch weit weg zu sein, Gegenmaßnahmen wurden bisher keine ergriffen. Doch die Unterversorgung rückt immer näher. Greifenburg und Bad Eisenkappel seien erste Brennpunkte, sagte Huber.

Derzeit arbeiten 150 praktische Ärzte in Gemeinden bis zu 3.000 Einwohnern. Etwa die Hälfte erreiche in den kommenden fünf Jahren das Pensionsalter. „Für viele von ihnen wird man keine Nachfolger finden“, sagt Huber. Immer weniger Medizinabsolventen machen die Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Es bleibe zu hoffen, dass Land und Sozialversicherung ihre Ankündigung einer Finanzierung der verpflichtenden Lehrpraxis bald in die Tat umsetzen, damit sich wieder mehr Jungärzte für die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin entscheiden.

Für die Bevölkerung werden erhebliche Probleme entstehen. „Wer wird die Menschen versorgen, zumal der Bedarf nach hausärztlicher Hilfe aufgrund der demografischen Entwicklung eher zu- als abnimmt?“, meint Huber. 40 Jahre lang habeDr. Peter Unterkreuter seine Patienten in Greifenburg Tag und Nacht betreut. Aber wenn er in den nächsten Monaten seinen wohl verdienten Ruhestand antrete, bleibe seine Praxis zu. „Dasselbe Szenario droht vielen Kärntner Gemeinden“, sagt der oberste Kärntner Arzt.

Seit Jahren habe man es verabsäumt, den Beruf des Landarztes attraktiver zu machen. Viele noch Aktive seien aufgrund der wachsenden Bürokratie und der leistungshemmenden Verrechnungsbeschränkungen frustriert.

„Es gibt für sie keinen Anreiz, übers Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Die Jungen haben angesichts dieser Bedingungen keine Motivation, eine Ordination am Land zu übernehmen“, beschreibt Dr. Huber die Situation.

Ein Leistungs- und Tarifsystem, das die hohe Arbeitsbelastung entsprechend berücksichtigt, ist das Gebot der Stunde“, sagt Huber und fordert die Beseitigung rechtlicher Hürden für Hausapotheken: Landärzte sollen uneingeschränkt und zeitlich unbegrenzt das Recht haben, eine Hausapotheke zu führen.

Notwendig seien flexible Formen der ärztlichen Zusammenarbeit, die geregeltere Arbeitszeiten und damit eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf erlauben. Die Finanzierung der Ausbildung von jungen Ärzten bei erfahrenen Allgemeinmedizinern (Lehrpraxis) muss endlich sichergestellt werden. „Die Probleme bei der hausärztlichen Versorgung müssten ein Kernthema der Gesundheitspolitik werden“, erläutert Huber.

Im Wiener Rathaus gab man sich unterdessen weiterhin cool. Der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien wusste, was die Öffentlichkeit interessierte und gab folgende Meldung raus: „Wehsely: Stadt Wien und KAV sind Vorreiter für moderne Pflegeausbildung.“

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 38/2016

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