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Im Notfall ist der schnelle Zugriff auf Patientendaten sinnvoll.
 
Gesundheitspolitik 12. Juli 2016

Notfalldaten auf der E-Card – sinnvoll oder überflüssig?

Pilotprojekt deutscher Unfallchirurgen wird in Österreich unterschiedlich bewertet.

In der Region Münster wird derzeit pilotiert, was ab 1. Januar 2018 deutschlandweit zum Einsatz kommen soll: der sogenannte Notfalldatensatz auf der elektronischen Gesundheitskarte. Er soll Notärzte bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen.

2006 schrieb die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) die optimalen Bedingungen für die Versorgung von Schwerverletzten in ihrem „Weißbuch Schwerverletztenversorgung“ fest. Inzwischen ist es zum internationalen Standard in Sachen Notfallmedizin geworden und dient zahlreichen nationalen Gesellschaften, darunter auch der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie, als Vorbild.

Fast zeitgleich mit dem Weißbuch startete die DGU ihre Initiative „TraumaNetzwerk“. Heute gibt es bereits 51 regionale TraumaNetzwerke über ganz Deutschland verteilt, in die 600 Traumazentren integriert sind. Jedes Einzelne davon muss die strengen Qualitätsvorgaben der DGU erfüllen. Dazu zählt unter anderem eine „bedarfsgerechte und moderne elektronische Kommunikation zum Austausch von Patienteninformationen“.

„Die Möglichkeit zu Teleradiologie und Telekonsultation ist schon jetzt eine Anforderung an jedes zertifizierte Traumazentrum. Den telemedizinischen Zugriff auf Notfalldaten erachten wir als sinnvolle Ergänzung“, sagt nun in Berlin DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Reinhard Hoffmann zum Start der jüngsten Initiative seiner Gesellschaft: Demnach soll im Zuge eines bundesweiten Notfalldaten-Managements (NFDM) unter der Verantwortung der Bundesärztekammer zum 1. Januar 2018 auf der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) der sogenannte Notfalldatensatz (NFD) eingeführt werden.

Der NFD enthält alle notfallrelevanten medizinischen Informationen zur Patientengeschichte, etwa Diagnosen, Medikation, Allergien und Unverträglichkeiten. „Der schnelle Zugriff auf Notfalldaten ist wichtig für die Behandlung eines Schwerverletzten“, sagt Hoffmann und nennt als konkretes Beispiel die Einnahme von Medikamenten, die die Blutgerinnung beeinflussen.

Für die zügige Notfallversorgung und die medizinische Vernetzung im Sinne einer modernen elektronischen Kommunikation habe der NFD eine immense Bedeutung, erläutert Hoffmann. Denn häufig lägen den Unfallchirurgen im Notfall wichtige Informationen nicht vor.

Auch angesichts der stetigen Zunahme von älteren Sturzpatienten hat die Einführung des NFD Bedeutung: Ältere Menschen leiden oft an unterschiedlichen Vorerkrankungen und nehmen daher viele Medikamente ein.

„Die notfallrelevanten Daten helfen uns, schnell die richtige Entscheidung zu treffen und einen ungünstigen Krankheitsverlauf infolge gefährlicher Wechselwirkungen von Medikamenten abzuwenden“, sagt Prof. Dr. Michael Johannes Raschke vom Universitätsklinikum Münster. Derzeit durchläuft der NFD einen halbjährigen Praxistest unter realen Bedingungen. Seit Mai legen Ärzte aus der Region Münster für 4.000 Patienten Notfalldatensätze und auf Wunsch der Patienten auch den Datensatz „Persönliche Erklärungen“ an. Dieser enthält Angaben zu einer vorhandenen Patientenverfügung, Organspende-Ausweis, Vorsorgevollmacht. „Ziel des Pilotprojekts ist es, den Prozess der Anlage von Notfalldaten zu analysieren und dabei für den zukünftigen Einsatz zu optimieren“, erläutert der Projektverantwortliche Dr. Christian Juhra.

Der Pilot läuft noch bis November. Geht alles gut, wird mit Anfang 2018 das gesetzlich vorgeschriebene Notfalldaten-Management flächendeckend umgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt kann dann der Hausarzt auf Wunsch des Versicherten den NFD sowie den Datensatz „Persönliche Erklärungen“ auf der eGK speichern.

Der deutsche Plan stößt auch hierzulande auf Zustimmung. Beispielsweise bei der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), die selbst schon wiederholt Überlegungen in diese Richtung angestoßen hat. Auch die ÖGU, die Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie, steht der Idee grundsätzlich positiv gegenüber, sagt deren Präsident Prof. Dr. Mehdi Mousavi auf Anfrage der Ärzte Woche. Er wolle sich im Moment nicht näher dazu äußern: „Aber das Thema ist auch für uns interessant, und ich halte es für sinnvoll, einen Unfalldatensatz auf die E-Card zu integrieren“, ließ Mousavi die Redaktion schriftlich wissen.

Ablehnend reagiert hingegen der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger auf die Frage der Ärzte Woche, ob sich das deutsche Modell eventuell auch als Vorbild für Österreich eignen könnte. „Notfalldaten auf der E-Card bringen nichts“, schrieb Hauptverbandssprecher Dieter Holzweber in einem kurzen schriftlichen Statement. „Bei einem Notfall muss der Patient stabilisiert werden und dann sofort in ein naheliegendes Spital gebracht werden.“

In Österreich, so Holzweber, gäbe es derzeit keine Notfalldatenverordnung. Viele Fragen müssten dazu vorab erst noch geklärt werden: „Was sind Notfalldaten, wer erfasst sie, wer trägt sie ein, wer wartet sie und– last but not least – wer bezahlt das alles?“ Außerdem müsste festgelegt werden, ob es „Opt-in- oder Opt-out-Möglichkeiten für Ärzte und Patienten gibt“.

Eine Speicherung persönlicher Notfalldaten könne jedenfalls, wenn überhaupt, „nur zentral und nicht auf der E-Card erfolgen“, erklärt Holzweber weiter, denn „im Zweifelsfall müsste ja die E-Card dem Notfallpatienten genau zugeordnet werden.“ Aufgrund all der genannten Unklarheiten sei „das Ganze derzeit aus Sicht des Hauptverbandes kein Sozialversicherungsthema“.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 27/2016

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