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Doris Kiefhaber Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Günther Kräuter Volksanwalt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Sigrid Pilz Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwältin

 
Gesundheitspolitik 5. Juli 2016

„Unerträglich und völlig inakzeptabel“

Die Krebshilfe schlägt Alarm: Bis zu acht Wochen wartet man auf einen CT- oder MRT-Untersuchungstermin auch bei lebensbedrohlicher Erstdiagnose. Patientenanwältin Pilz bezeichnet die künstliche Verknappung als zynisch gegenüber schwerkranken Patienten.

Krebspatienten müssen immer länger auf Termine in Röntgeninstituten warten, kritisiert die Geschäftsführerin der Krebshilfe Doris Kiefhaber im „Ö1 Morgenjournal“. Wartezeiten bis zu acht Wochen seien – nicht nur, aber in besonderem Maße – für potenzielle Krebspatienten in einer emotionalen Ausnahmensituation unerträglich und vielleicht lebensgefährlich, sagt sie. Von schnellen Terminen in einer Krisensituation könne vor allem im Osten des Landes keine Rede sein. Die Misere sei „unerträglich und völlig inakzeptabel“. Bei einem Test des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) zeigten sich im Vorjahr Wartezeiten von mehreren Wochen – mit Wien als Spitzenreiter – sowie Bevorzugungen bei Terminen, wenn privat bezahlt werde.

Unterstützung erhält Kiefhaber vom Wiener Ärztekammer-Präsidenten Dr. Thomas Szekeres. Missstände seien „raschest abzustellen“, sagt er. Es sei unzumutbar, dass Tumorpatienten aufgrund der Sparwut der Krankenkassen so lange warten müssten. Grund für die Wartezeit ist eine Honorarvereinbarung zwischen Sozialversicherungen und Wirtschaftskammer, die Deckelungen vorsieht. Szekeres: „Die Krebspatienten sind von der Deckelung rauszunehmen.“ Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser kündigte an „gesetzlich einzugreifen“.

Wertvolle Zeit verstreicht

„Der aktuelle Zustand ist nicht zumutbar, er gefährdet Menschenleben.“

Die Diagnose Krebs versetzt Patienten und Angehörige in eine Art Schockzustand. So sehr sich Ärzte und Krebshilfe auch bemühen, die Erkrankung zu „enttabuisieren“, die Diagnose löst bei Patienten dennoch schwärzeste Fantasien und eine Hochschaubahn der Gefühle aus: Unsicherheit, Bangen und Hoffen – und vor allem Angst, das Leben zu verlieren. Die Verzweiflung ist verständlicherweise groß. Viele Patienten wenden sich an uns, weil sie vor allem die Ungewissheit nicht ertragen. Das Warten auf den Arzttermin, ein Gespräch mit dem Arzt, Warten auf die Diagnose, Warten auf die Operation, Warten auf die Therapie. All das erleben Patienten als sehr, sehr belastend. Das Gefühl, dass wertvolle Zeit verstreicht und dass das, was in einem „wächst“, weiter wachsen kann, ohne dass „etwas geschieht“, ist für Patienten unerträglich. Die Krebshilfe-Beraterinnen versuchen tagtäglich, Patienten und Angehörige zu unterstützen, mit dieser Situation besser umzugehen und zu informieren, dass einige Tage bis zur Operation oder Therapie „keinen Unterschied“ für den Therapieerfolg machen. Wenn es aber darum geht, dass wertvolle Zeit verstreicht, bis die Diagnose gesichert gestellt oder mit der Therapie begonnen werden kann, weil der notwendige CT- oder MRT-Termin erst in sechs bis acht Wochen „möglich“ ist, dann gibt es dafür weder eine Erklärung, noch ist dieser Zustand zumutbar. Das gefährdet Menschenleben.

In den letzten Monaten haben sich immer mehr Patienten oder Angehörige verzweifelt an uns gewandt, weil sie mit Wartezeiten auf CT oder MRT von bis zu acht Wochen konfrontiert wurden. Sie hatten sehr wohl bei der Anmeldung gesagt, dass es um eine Krebsdiagnose geht oder um den Verdacht auf ein Rezidiv oder darum, dass eine Therapieentscheidung von dem radiologischen Befund abhängt. Trotzdem erhielten sie keinen früheren Termin.

Das war der Grund und Anlass, dass die Krebshilfe im Juni Alarm schlug und Sozialversicherungsträger und Wirtschaftskammer öffentlich aufforderte, hier umgehend eine Lösung zu finden. Wir danken allen, die einen konstruktiven Beitrag dazu leisten.

Zweiklassenmedizin ist Realität

„Ankündigungen und gegenseitige Anschuldigungen sind keine Lösung.“

Das Problem der langen Wartezeiten ist offenkundig. Wer in Österreich einen kurzfristigen MRT- oder CT-Termin benötigt, sieht sich, auch nach lebensbedrohlichen Erstdiagnosen, oftmals damit konfrontiert. Die Volksanwaltschaft ist mit vielen Beschwerden konfrontiert, unlängst auch im Rahmen der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ mit dem Fall einer von Krebs geheilten Wienerin, die eine neuerliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustands bemerkte. Eine MRT-Untersuchung sollte klären, ob es zu einer neuerlichen Tumorerkrankung gekommen sein könnte. Trotz der dramatischen Verdachtsdiagnose stellten Röntgeninstitute den frühesten Termin in sechs bis acht Wochen in Aussicht. Für die Volksanwaltschaft ist es weder medizinisch noch menschlich vertretbar, Patienten in einer derart ungewissen Lage sich selbst zu überlassen.

Den ohnehin sozialversicherten Patienten wird von den Instituten mitunter unverblümt mitgeteilt, dass eine Untersuchung bei privater Bezahlung sehr zeitnah möglich sei. Grund für diesen eklatanten Missstand ist eine zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Wirtschaftskammer abgeschlossene Honorarvereinbarung, die eine Deckelung der Honorarsumme vorsieht. Dies führt dazu, dass nicht medizinische Prioritäten, sondern private Bezahlungen, Privilegien oder Beziehungen für die Terminvergabe ausschlaggebend sind.

Um die skandalöse Zweiklassenmedizin im Bereich der MRT- und CT-Untersuchungen ein für alle Mal zu beenden, ist aus Sicht der Volksanwaltschaft nun die Politik am Zug. Die Gesundheitssprecherinnen und Gesundheitssprecher aller Parlamentsfraktionen sollten in einem gemeinsamen Kraftakt über den Sommer unter Einbindung des Gesundheitsministeriums, des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, der Ärzte- und Wirtschaftskammer sowie der Volksanwaltschaft und der Patientenanwaltschaften ein gesetzliches Lösungskonzept erarbeiten. Erfreulicherweise hat das Gesundheitsministerium mittlerweile die Forderung der Volksanwaltschaft eins zu eins übernommen.

Schwerkranke als Opfer im Machtpoker

„Es geht nicht an, dass Dringlichkeit unberücksichtigt bleibt.“

Herr K. wandte sich mit folgender Beschwerde an die WPPA (Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwältin): Mittels Biopsie wurde Krebs festgestellt, die OP war dringlich. Davor musste ein MR gemacht werden. Das Röntgeninstitut (A) (Vertragspartner der WGKK) stellte drei Monate Wartezeit in Aussicht, trotz des Hinweises, dass Zuwarten medizinisch fatal wäre. Auf Nachfrage bot man gegen 500 Euro eine zeitnahe Untersuchung an. Gegenüber der WPPA argumentierte das Institut A mit der Deckelung durch die Krankenkassen und dass eben alle Patienten Dringlichkeit betonen. Bei einem anderen Institut (B) erhielt der Patient um rund 200 Euro einen raschen Termin. Die Kasse will nun nicht zahlen, weil B kein Vertragspartner ist.

Im Handlungsleitfaden für Patienten empfiehlt die SV:

• Radiologische Institute mit Kassenvertrag sind verpflichtet, Ihnen rasch einen Termin zu geben, wenn die Untersuchung dringend ist.

• Wird Ihnen von einem Radiologischen Institut mit Kassenvertrag ein rascher Termin nur unter der Bedingung angeboten, dass Sie die Kosten der verordneten Untersuchung selbst tragen, informieren Sie bitte direkt die Ombudsstelle Ihrer Krankenversicherung über diese Vorgangsweise und wenden Sie sich an ein anderes Institut.

Es ist nicht zu dulden, dass die Streitigkeiten der Vertragspartner auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden. Krebskranke müssen sich verlassen können, dass sie ohne Wenn und Aber und ohne Privatzahlung versorgt werden. Es geht nicht an, dass Dringlichkeit nicht berücksichtigt wird. Es wäre aber an der Zeit, über die Zuweisungspraxis mancher Ärzte nachzudenken. Laut einer amerikanischen Studie ist rund die Hälfte der Überweisungen von Allgemeinmedizinern zur MRT nicht indiziert.

Österreich hat im europäischen Vergleich genügend radiologische Kapazitäten. Die Verknappung ist also künstlich und damit zynisch gegenüber den Patienten.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 27/2016

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