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Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich Körtner Institutsvorstand Ethik u. Recht i. d. Medizin, Uni Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Germain Weber Präsident der Lebenshilfe Österreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Gernot Tews Leiter IVF- und Kinderwunsch-Institut Prof. Dr. Tews

 

 

 

 

 

 

 

 
Gesundheitspolitik 20. Juni 2016

Vom Antasten des Unantastbaren

Nach Österreich im Vorjahr hat auch die Schweiz das bisher geltende Verbot der Präimplantationsdiagnostik mittels Volksabstimmung aufgehoben. Die ethische Diskussion bleibt.

2015 wurde die Präimplantationsdiagnostik (PID) hierzulande zugelassen, wenn auch in engen Grenzen. Dem Beispiel folgt nun die Schweiz: Mit einer klaren Mehrheit haben die Schweizer Bürger in einer Volksabstimmung einer entsprechenden Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes zugestimmt. Demnach können mittels künstlicher Befruchtung gezeugte Embryos auf schwere Erbkrankheiten bzw. numerische Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 untersucht und gegebenenfalls selektiert werden. Die Bestimmung anderer Eigenschaften, des Geschlechts oder der Augenfarbe, bleibt verboten. Unzulässig ist die Auswahl eines Embryos, der einem kranken Geschwister als Stammzellenspender dienen könnte. Es dürfen höchstens zwölf Embryos in vitro gezeugt werden. Jene, die nicht in den Mutterleib eingepflanzt werden, können für eine spätere Behandlung tiefgekühlt aufbewahrt werden.

Christliche Kreise und Behindertenorganisationen warnen davor, dass behinderte Kinder und ihre Eltern wegen der vermeintlichen Vermeidbarkeit von Behinderungen unter Druck geraten könnten – das war auch Thema auf der Internationalen Ethik-Tagung in Berlin (7. bis 8. Juni). Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe Deutschland, sprach sich dagegen aus, den „Praena-Test“ (der zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft das Blut der Mutter auf das Down-Syndrom untersucht) als Routineuntersuchung anzubieten. Er vermittle den Eindruck, so Schmidt, es sei „ein perfektes Kind möglich. Das gefährde die Akzeptanz von Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit.“

Gefahren rechtfertigen kein Pauschalverbot

„Wer den Zugang zur PID versperrt, betreibt auch eine Form der Exklusion.“

Seit 2015 ist die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Österreich zugelassen, wenn auch nur in engen Grenzen. Kritiker lehnen sie als neue Form der Eugenik ab, die im Widerspruch zum Ziel der Inklusion stehe, wie sie die UN-Behindertenrechtskonvention und der Nationale Aktionsplan Behinderung vorschreiben.

Tatsächlich kursieren fragwürdige Vorstellungen vom perfekten Menschen und von Menschenzüchtung, die auf die Methoden der modernen Biomedizin setzen. Die von ihnen ausgehenden Gefahren rechtfertigen aber kein Pauschalverbot der PID. Entscheidend sind stets die mit ihrem Einsatz verbundenen Zielsetzungen. Das gilt ebenso für die Pränataldiagnostik, die längst zum medizinischen Alltag gehört. Eine Rechtsordnung, die Pränataldiagnostik und (Spät-) Abtreibungen erlaubt, gleichzeitig aber die PID pauschal verbietet, verstrickt sich in Widersprüche. Wer Paaren, bei denen ein hohes Risiko für schwere Erbkrankheiten oder genetisch bedingte Fehlgeburten besteht, den Zugang zur PID versperrt, betreibt auch eine Form der Exklusion. Den Betroffenen bleibt dann nur der Verzicht auf leibliche Kinder und allenfalls die Möglichkeit einer Adoption.

Darf der Staat von den Betroffenen ein solches Opfer verlangen und in elementare Grundrechte eingreifen, wenn er gleichzeitig die routinemäßige Pränataldiagnostik nicht nur duldet, sondern sogar unterstützt? Wiegen das Leiden, die konkreten Ängste und Risiken betroffener Paare weniger schwer als Befürchtungen, die PID könnte möglicherweise langfristig die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen begünstigen, obwohl es für solche Prognosen sozialwissenschaftlich keinen empirischen Anhalt gibt?

Ziel der PID ist keineswegs in jedem Fall die Selektion von vermeintlich unwertem Leben. Eine solche wäre allerdings ethisch verwerflich. Sie kann im Gegenteil der Herbeiführung einer Schwangerschaft und der Geburt eines Kindes dienen, das ohne die Möglichkeit PID gar nicht erst gezeugt würde. Der enge Rahmen an Indikationen, den der österreichische Gesetzgeber für die PID gesteckt hat, löst nicht alle ethischen Konflikte, aber er beweist Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein.

Vorgeburtliche Exklusionspolitik

„Paradox zwischen Exklusion über PND und gesellschaftlicher Inklusion kaum auflösbar.“

Bei der Anwendung von Methoden der Nicht-Invasiven Pränatal-Diagnostik (PID, Bluttest) wird in der Regel von der werdenden Mutter erwartet, sich gegen eine auffällige, medizinisch nicht erwünschte Chromosomen- oder Genbeschaffenheit bei Eizelle oder Fetus zu entscheiden. Bezogen auf Formen genetischer Spielvarianten und damit zusammenhängenden zukünftigen Entwicklungsherausforderungen dieses Menschen, führt diese Aussonderungsmöglichkeit zu einer Schwächung der gesellschaftlichen Position für bestimmte Menschen, zum Beispiel Menschen mit Down-Syndrom. Diese genetisch gesteuerte vorgeburtliche Exklusionspolitik steht in scharfem Kontrast zur politischen Zielsetzung gesellschaftlicher Vielfalt, Gleichstellung und Nicht-Diskriminierung, also im Widerspruch zur sozialen Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

Demnach verhalten wir uns paradox: Einerseits entwickelt sich eine moderne Fortpflanzungspolitik, die, basierend auf Überlegungen der Eugenik, ein gesellschaftliches Angebot unterbreitet, das zur Annahme einer radikalen, ablehnenden Haltung gegenüber einem potenziellen Menschen mit Behinderung einlädt. Die Verantwortung hierfür nehmen die direkt Betroffenen. Andererseits nutzen wir die Prinzipien der Menschenrechte, um eine inklusive Gesellschaft weiterzuentwickeln, in welcher Menschen mit und ohne Behinderung miteinander gleichgestellt zusammenleben. Dieses Paradox wird in einer pluralen Gesellschaft kaum aufzulösen sein, lebt es doch von zwei unterschiedlichen ethischen Sichtweisen gegenüber dem Menschsein: der Mensch als Selbstzweck bzw. der Mensch als Mittel zum Zweck!

Was noch zu bedenken bleibt: Bei aller materieller Unterstützungen ist ein Kind mit Behinderung für Mutter und Familie mit deutlich erhöhtem finanziellen Aufwand verbunden. Dazu kommt, dass die öffentliche Hand Rekurs gegenüber Mutter und Familie führen kann, um Aufwendungen zurückzuverlangen. Allein dieser behindertenpolitisch definierte, materielle gesellschaftliche Kontext, dürfte für die Annahme einer radikalen Haltung bei Anwendung aktueller PND förderlich sein! Im Sinne einer gesellschaftlichen Ethik der Nicht-Exklusion ist hier dringender Handlungsbedarf angesagt.

Eine fast kafkaeske Situation

„Ein Kind knapp vor der Geburt genießt geringeren Schutz als ein 8-Zellen-Embryo in der Petrischale.“

Präimplantationsdiagnostik – Pränataldiagnostik: das ethische Dilemma im Allgemeinen und der Einsatz beider Methoden im Besonderen, Erfahrungen eines IVF-Institutes: Die Gesellschaft ist gespalten – und das seit Jahrzehnten. Dies betrifft nicht die Flüchtlingspolitik, sondern in diesem Fall das Verhältnis zur Behinderung und zu Behinderten. Auf der einen Seite gibt es weitreichende Gesetze zur Unterstützung von Menschen mit Defiziten, auf der anderen Seite verlangt der Staat – und nicht die werdenden Mütter – nach der radikalen Fahndung von Behinderungen, die in der Schwangerschaft nachgewiesen werden können. Ein Aufklärungsfehler, ein übersehender Defekt im Ultraschall – mag er auch noch so klein und schwierig nachzuweisen sein –, eine nicht durchgeführte Blutuntersuchung zur Auffindung von genetischen Dispositionen: All das kann zu Schadensersatzprozessen führen, die den Arzt an den Rand der Existenzfähigkeit drängen.

Um nun den strengen Geruch der Selektion wegzubekommen, hat die Politik entschieden, dass einerseits diese Untersuchungen in der Schwangerschaft zwingend durchzuführen sind (nur der ausgesprochene Wille der werdenden Mutter exkulpiert), andererseits aber dieselbe Handlung in der Zeugungsphase, also im Bereich der In-vitro-Fertilisation, verboten wird, weil dies eben Selektion wäre. Es ergibt sich dadurch die fast kafkaeske Situation, dass das behinderte Kind knapp vor der Geburt, durchaus mit einem Gewicht von 3 Kilogramm und vorhandener Lebensfähigkeit, abgetrieben werden kann und daher einen geringeren Schutz als eben ein 8-Zellen-Embryo in der Petrischale (mit derselben Behinderung) genießt.

Dass genau dieser Umstand schon zu einer Verurteilung des Staates Italien geführt hat (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Kammer II, Beschwerdesache Costa und Pavan gg. Italien, Urteil vom 28.8. 2012, Bsw. 54270/10), war für Österreichs Politik kein Grund, genau denselben Fehler im Fortpflanzungsmedizin-Änderungs-Gesetz 2015 festzuschreiben. Eigentlich eine vorsätzliche Handlungsweise, die viele Patienten in die schwierige Lage bringt, alle juristischen Schritte gegen dieses Gesetz wieder von vorne zu beginnen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 25/2016

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