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Prof. Dr. Stefan Thurner MedUni Wien, Präsident des Complexity Science Hub Vienna
© Harald Schneider / dpa
 
Gesundheitspolitik 1. Juni 2016

Wie erobert man eine neue Welt

Big Data – Big Benefit? Wie digitale Gesundheitsdaten einen „nutzbaren Sinn“ ergeben.

In Wien überlegte sich die internationale E-Health-Community, wie aus den immer größer werdenden Datenbergen Datenschätze werden. So sollen in Zukunft individuelle Vorhersagen über den Gesundheitszustand eines Menschen aufgrund einiger einfacher Daten möglich sein. Die Wirksamkeit und die Kosten von Präventionsmaßnahmen wären nur einen Mausklick entfernt.

„Every patient experience now generates rivers of data which, if posted intelligently, can trace a detailed portrait of a patient’s health and, when aggregated with other patient data streams, can coalesce into deep reservoirs of knowledge about entire disease states and patient populations.“

Dieser Satz aus der PwC-Pharma 2020-Studie „From vision to decision“ bringt den Ansatz des „E-Health Summit 2016 & eHealth 2016“ auf den Punkt. Altehrwürdiger Rahmen für hochmodernes Denken: die Orangerie des Schlosses Schönbrunn – nicht nur für Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser eine spannende Symbolik zwischen Tradition und Innovation.

Über 300 Teilnehmer aus 18 Staaten, Mediziner, Gesundheitspolitiker und -manager, Sozialversicherer und IT-Spezialisten, waren nach Wien gekommen. Die Frage, die sie umtrieb: Was machen wir mit den vielen Daten, die wir Tag für Tag erheben und abspeichern, wie nützen wir sie? Die Ärzte in der Niederlassung und im klinischen Alltag klagen, durchaus zu Recht, über den administrativen Aufwand, weil sie aus diesem Mehr-Aufwand so wenig Mehr-Wert ziehen können.

Mit ELGA geht es voran

Oberhauser (SPÖ) erinnerte an das Zehn-Jahre-Jubiläum der e-card, als Einstieg der heimischen Gesundheitspolitik in die E-Health-Thematik. Bei ihrer Einführung von den Ärzten noch massiv kritisiert und als „mystisches Ding“ dämonisiert, sei die e-card aus dem Versorgungsalltag der Österreicher nicht mehr wegzudenken. Und genau so werde es auch den aktuellen E-Health-Projekten gehen, allen voran ELGA, davon ist Oberhauser überzeugt. Nach dem gelungenen und problemlosen Start gehe es jetzt Schritt für Schritt, „aber unaufhaltsam“, voran. Erst vor wenigen Tagen wurde das AKH als letztes öffentliches Wiener Spital in ELGA integriert, auch die Steiermark ist im klinischen Bereich bereits flächendeckend ELGA-Land. Im Süden, in Deutschlandsberg, läuft der Probebetrieb für die E-Medikation an, in den zahlreiche niedergelassene Ärzte, nahezu alle Apotheken und auch das regionale Krankenhaus eingegliedert sind (s. Seite 38).

Damit ist Österreich seinen Nachbarn in der DACH-Region einige Schritte voraus. Aber auch dort nehmen die Projekte langsam Gestalt an: In Deutschland wird derzeit an der Errichtung einer Telematik-Infrastruktur gebaut, berichtete Alexander Beyer, Geschäftsführer der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH. Die Datenautobahn für das deutsche Gesundheitswesen soll bis Ende des Jahres einsatzfähig sein und dann den diversen lokalen und regionalen E-Health-Projekten eine Plattform bieten. Die bundesweite Elektronische Patientenakte (ePA) und das Elektronische Patientenfach (ePF) sollen dann Ende 2018 eingeführt werden.

Am 1. Jänner 2017 soll in der Schweiz das Elektronische Patientendossier (EPDG) gesetzlich in Kraft treten und dann mit entsprechenden Übergangsfristen operativ gehen, erläuterte Adrian Schmid, der Leiter von „eHealth Suisse“. Das ePatientendossier sei in vielen Bereichen durchaus mit ELGA vergleichbar, weise aber doch auch gravierende Unterschiede auf. So ist vorerst eine freiwillige Beteiligung des niedergelassenen Bereiches sowie der Patienten vorgesehen, also eine Opt-in-Lösung. Der Gesetzgeber reagierte damit auf Drohungen der Ärzteschaft, andernfalls eine Volksabstimmung in Gang zu setzen, um das Projekt noch vor dem Start zu Fall zu bringen. Nachträglich könnte sich diese erzwungene Vorgangsweise allerdings noch als strategische Meisterleistung erweisen. So habe man Auseinandersetzungen mit den Ärzten wie in Österreich oder Deutschland weitgehend vermeiden können, auf der anderen Seite werde der Markt – sprich die Patienten – bei Funktionieren des Systems entsprechend Druck auf die Gesundheitsanbieter ausüben, sagt Schmid.

Dies zeige sich bei regionalen Anwendungen, etwa im Kanton Genf, wo 14.000 Patienten und mehr als 500 Ärzte in das System hineinoptiert hätten. Unterschiede zwischen ELGA und EPDG gibt es auch, was die Strukturierung der Dokumente betrifft. Da ist die Schweiz in ihren Vorgaben viel weniger rigoros als Österreich, lässt mehr Spielraum und Vielfalt zu.

Aus Daten Wissen filtern

Viel weiter in die Zukunft blickte Dr. Stefan Thurner, Professor für Komplexitätsforschung an der MedUni Wien. Er skizzierte innovative Ansätze, und wie es gelingen kann, bereits vorhandene medizinische Daten zu nutzen, um daraus individuelle Krankheitsverläufe zu prognostizieren, etwa statistische Wahrscheinlichkeiten für das Entstehen von Komorbiditäten oder für Nebenwirkungen von Medikationen. „Aus dem Wissen über die Gesundheitsverläufe von allen Österreichern kann man herausfiltern, welche Krankheiten ich zu erwarten habe, wenn ich derzeit dieses oder jenes Leiden habe, erklärte Thurner: „Man kann also Vorhersagen über den Gesundheitszustand einer Person aufgrund von ein paar einfachen Daten, etwa dem Alter, dem Geschlecht und den derzeitigen Krankheiten machen.“

Solche Erkenntnisse wären auch für die Einschätzung der medizinischen Wirksamkeit und ökonomischen Effizienz von Präventionsprogrammen relevant, so Thurner weiter. Der Gesundheitsplaner etwa könnte damit „in Euro umrechnen, was eine Präventionsmaßnahme kostet und bringt“.

Um aus Big Data „nutzbaren Sinn“ zu generieren, bedarf es allerdings neuer mathematischer Methoden, erläuterte Thurner: „Denn auch wenn man alle Informationen über ein System habe, verstehe man es deshalb nicht. Um zu sinnvollen Aussagen zu kommen, braucht es neuartige Statistiken, neuartiges Wissen über Netzwerke, wie Netzwerke von Netzwerken ausschauen, wie Netzwerke sich gegenseitig beeinflussen und so weiter.“

Erklärtes Ziel ist die effektive Gesundheitsvorsorge

Dieses Wissen zu lukrieren, hat sich das „Complexity Science Hub Vienna“ (CSH) zum Ziel gesetzt, das erst vor wenigen Tagen aus der Taufe gehoben wurde und dessen Präsident Thurner ist. Finanziert wird das CSH vom „Verein zur wissenschaftlichen Erforschung komplexer Systeme“, dem derzeit die Technischen Universitäten Wien und Graz, die Wirtschaftsuniversität Wien, die MedUni Wien sowie das Austrian Institute of Technology (AIT) als Mitglieder angehören. Das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) sei laut Thurner kurz vor dem Beitritt. Im Endausbau sollen bis zu 50 Wissenschaftler am Hub arbeiten. Jede Partnereinrichtung gibt dabei grob die Forschungsrichtung seines dem CSH zugeordneten Personals vor. Für die MedUni Wien wird das zentrale Forschungsthema „Big Data in der Medizin“ heißen.

Neben der Methodenentwicklung will sich das Hub auch dem Modellieren von Systemen widmen, mithilfe derer sich die Wirklichkeit am Computer „nachspielen“ lässt. In diesem Sinne will Thurner das gesamte österreichische Gesundheitssystem mit allen Anbietern, Versorgern und Institutionen nachbauen: „Wir wollen ein 1:1-Modell des österreichischen Healthcare-Systems machen, jeder einzelne Player soll repräsentiert werden. Wir nehmen dazu die bereits jetzt vorliegenden Daten und füttern damit das Modell.“ Auf einer solchen Basis ließe sich dann eine effektive Gesundheitspolitik machen, lautet die Vision Thurners.

Außerdem will sich das neue Forschungszentrum auch als Datensammel- und Servicestelle etablieren, wo Organisationen sicher sein können, dass ihre Daten anonymisiert, legal und sicher bearbeitet und verständlich aufbereitet werden. Und schließlich könnte das CSH zu einem „Zentrum für die Debatte über Daten-Ethik“ werden, sagte Thurner: „Wir werden diese Daten nie wieder wegbringen, es werden sogar mehr werden und wir müssen diskutieren, was das für Implikationen auf Demokratie, Bürgerrechte, Privatsphäre und so weiter hat, das ist alles nicht beantwortet.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 22/2016

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