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Gesundheitspolitik 1. Juni 2016

Überversorgt

Schweizer Ärzte präsentieren neue Liste unnötiger Behandlungen.

Einige medizinische Behandlungen bringen Patienten keinen Nutzen oder schaden ihnen gar: Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin stellt zum zweiten Mal eine Liste von fünf Maßnahmen vor, auf die verzichtet werden sollte.

Die ärztliche Fachgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) hat während der letzten Monate häufige Behandlungen im stationären Spitalbereich geprüft und Empfehlungen erarbeitet, auf welche davon verzichtet werden kann und sollte. Wie am 25. Mai an einer Medienkonferenz in Basel bekannt wurde, haben die aufgeführten Maßnahmen für Patienten entweder keine Vorteile oder sogar Nachteile.

Auf der Liste stehen Blutentnahmen, Transfusionen, Röntgenuntersuchungen, die Gabe von Schlafmitteln und das Einlegen von Dauerkathetern, wenn dies nur dem Komfort oder zur Überwachung des Urinvolumens bei nicht kritisch kranken Patienten dient. „Diese Maßnahmen bringen für die Behandelten meistens keinen Vorteil, aber Risiken mit sich – einschließlich einer Einschränkung der Lebensqualität“, erläutert Prof. Dr. Christoph Meier, Ärztlicher Direktor des Universitätsspitals Basel und Leiter des Departments für Pharmaceutical Sciences Universität Basel.

Eine der wichtigsten Empfehlungen sei, ältere Menschen während des Spitalaufenthalts nicht zu lange im Bett liegen zu lassen, sondern eine frühe Mobilisation anzustreben. „Diese soll dem raschen Verlust an Muskelkraft und Gangsicherheit vorbeugen und es den Patienten erleichtern, nach der Hospitalisierung bald wieder so autonom wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld leben zu können“, sagt Meier.

Der Dachverband der Schweizerischen Patientenstellen (DVSP) begrüßte die neue Liste. Wenn sich die Medizin bewusst Überlegungen mache, wie die Lebensqualität insbesondere von älteren, teils schwer kranken Patienten gefördert werden könne, sei das der richtige Ansatz, sagt DVSP-Präsidentin Erika Ziltener laut einer Mitteilung der SGAIM.

Bereits vor zwei Jahren lancierte die SGAIM die Kampagne „smarter medicine“ und präsentierte damals eine erste Top-5-Liste für den ambulanten Bereich. Die Diskussion über medizinische Überversorgung, die sich anschließend unter Fachleuten und in der Öffentlichkeit entspann, stand dieses Jahr auch an der nationalen Gesundheitskonferenz „Gesundheit 2020“ des Bundes im Fokus.

Viele Ärzte wenden die Empfehlungen bereits an, so Prof. Dr. Jean-Michel Gaspoz, Co-Präsident der SGAIM. Für eine wissenschaftliche Auswertung des Effekts der Listen sei es noch zu früh. „Mit der Kampagne haben wir auch die Entwicklung von Instrumenten zur Evaluation angestoßen“, sagt Gaspoz.

In Zukunft sollen auch andere ärztliche Fachgesellschaften und das medizinische Personal in die Diskussion um „smarter medicine“ involviert werden. Insbesondere Pflegefachkräfte sollen in die Debatte einbezogen werden, da der Verzicht auf bestimmte Maßnahmen neue Anforderungen an sie schafft.

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