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Kurienobmann Mayer will, dass für einen Ambulanzbesuch die Zuweisung eines niedergelassenen Arztes notwendig ist.
 
Gesundheitspolitik 11. Mai 2016

„Noch viel Handlungsbedarf“

Die Ärztekammer geht mit den positiven Ergebnissen der IFES-Umfrage überraschend negativ um.

Alle drei Jahre befragt das IFES-Institut Österreichs Spitalsärzte nach deren Arbeitsbedingungen und ihrer Zufriedenheit mit dem Betriebsklima im Krankenhaus. Hohe Zustimmung gibt es beim Einkommen und auch bei den kürzeren Arbeitszeiten.

Die Bundeskurie Angestellte Ärzte der Ärztekammer (ÖÄK) präsentiert die Ergebnisse der von ihr in Auftrag gegebenen Studie „Österreichs Spitalsärzte 2016“. Kurienobmann Dr. Harald Mayer hätte angesichts weitgehend positiver Entwicklungen Grund genug gehabt, als Standesvertreter stolz auf das Erreichte zu sein. Erstaunlicherweise stehen aber die negativen Seiten, das Arbeitsleid der Spitalsärzte, im Mittelpunkt: zunehmende Arbeitsverdichtung, steigender Zeitdruck, überbordender Administrationsaufwand.

Das ist ein Teil der Wahrheit, der geringere noch dazu. Schaut man sich nämlich die Ergebnisse über eine lange Zeitspanne an – die Studie wurde mit weitgehend identischen Fragestellungen in dreijährigem Abstand bereits fünfmal durchgeführt –, kann man das Resümee ziehen: Die Einführung der Arbeitszeitrichtlinie sowie die jüngste Gehaltsentwicklung haben die Situation der Spitalsärzte – aus deren Sicht – deutlich verbessert und entspannt. „Die Zufriedenheitsaspekte zu Arbeitsausmaß und Einkommen sind beide insgesamt steigend“, sagt IFES-Projektleiter Georg Michenthaler.

Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit ist in den vergangenen zehn Jahren von 59 auf jetzt 48 Stunden gesunken. Dafür verantwortlich ist das novellierte Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KA-AZG), das alleine im vergangenen Halbjahr zu einem Sprung von 54 auf eben 48 Stunden geführt hat. Männer arbeiten heute im Schnitt 50, Frauen 45 Stunden, wobei hier der höhere Teilzeitanteil zum Tragen kommt. Ein bemerkenswertes Detailergebnis der Umfrage: In den Fächern mit den höchsten Arbeitszeitspitzen fällt die Reduktion zuletzt überproportional hoch aus, etwa in der Chirurgie, wo die Arbeitszeit zuletzt gleich um zehn Stunden zurückgegangen ist.

Betrachtet man nur die Turnusärzte, dann zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Turnusärzte der Allgemeinmedizin arbeiten statt 61 Stunden (2006) durchschnittlich nur mehr 46, jene in der Facharztausbildung 50 statt 63 Stunden (2006).

Auch die höchste Stundenanzahl in einer Arbeitswoche habe sich in den letzten zehn Jahren deutlich verringert, erläutert Michenthaler: „Im Jahr 2006 gaben die befragten Ärztinnen und Ärzte noch an, bis zu 75 Stunden in einer Arbeitswoche gearbeitet zu haben. Jetzt liegen wir bei 62 Stunden.“ Bei den Turnusärzten Allgemeinmedizin sank die höchste Stundenanzahl im gleichen Zeitraum von 79 auf 63 Stunden, bei den Turnusärzten in Facharztausbildung von 81 auf 65 Stunden.

Die Verkürzung der Arbeitszeit kommt bei den Betroffenen jedenfalls gut an. Die Beschränkung der maximal zulässigen Dienstzeit auf 25 Stunden wird von 83 Prozent der Befragten ausdrücklich begrüßt, bei den Turnusärzten liegt die Zustimmung sogar bei 93 (Allgemeinmedizin) bzw. 88 Prozent (Facharztausbildung). Am skeptischsten bleiben bei dieser Frage wenig überraschend die Primarärzte, für die es schwieriger geworden ist, Dienstpläne zu erstellen.

Mit der verringerten Arbeitszeit ist auch „das Arbeitsklima entspannter als früher“ geworden, sagte Michenthaler. Ein Indiz dafür ist der massive Rückgang bei der Frage nach Belastungen im Spitalsalltag aufgrund von Mobbing durch Vorgesetzte oder Kollegen. In beiden Fällen hat sich die Zahl jener, die sich dadurch sehr belastet fühlen, zuletzt halbiert, nachdem sie zuvor über viele Jahre hinweg konstant war.

Anders als noch bei der letzten Umfrage 2013 (44 Prozent) ist inzwischen die Mehrheit der Spitalsärzte auch mit ihrem Einkommen zufrieden oder sogar sehr zufrieden (57 Prozent). 60 Prozent der Befragten haben erklärt, durch die Arbeitszeitverringerung keinen Einkommensverlust in Kauf nehmen zu müssen.

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Und was sagt der Obmann zu diesen erfreulichen Entwicklungen? „Das Ergebnis zeigt, dass die Verkürzung der Arbeitszeit ebenso Wirkung zeigt wie die Gehaltsentwicklung. Aber in allen anderen Bereichen gibt es noch viel Handlungsbedarf, da hat sich in den letzten Jahren erschreckend wenig getan“, lautet das Fazit Mayers. So sei man etwa mit den 48 Wochenarbeitsstunden noch immer ein Stück weit von dem entfernt, was sich die Spitalsärzte eigentlich wünschen – das sind nämlich nur 41 Stunden. „Speziell jüngere Kolleginnen und Kollegen wünschen sich eine nochmals verkürzte Arbeitszeit, um die Work-Life-Balance weiter verbessern zu können“, meint Mayer. Daher werden auch die zuletzt aus den Bundesländern gehörten politischen Forderungen nach einer Verlängerung der Opt-out-Möglichkeit, die es erlaubt, mehr als 48 Stunden pro Woche zu arbeiten, wirkungslos bleiben. Schon jetzt nehmen laut Umfrage nur 33 Prozent der Ärzte diese Option in Anspruch.

Es sei nicht alles Gold, was glänzt, weist Mayer auf die Mankos hin, die von der Umfrage bestätigt wurden. 85 Prozent sehen sich einem steigenden Zeitdruck ausgesetzt, gar 90 Prozent mit einer zunehmenden Personalknappheit konfrontiert, was zu einer Arbeitsverdichtung führen würde.

Als ein Problem wird nach wie vor der hohe Dokumentationsaufwand gesehen. 81 Prozent der Befragten fühlen sich dadurch eher oder sogar sehr belastet. Nur 58 Prozent der täglichen Arbeitszeit im Spital werden für ärztliche Tätigkeiten aufgewendet, 35 Prozent für Administration. Besonders davon betroffen sind die Turnusärzte. Bei ihnen steigt dieser Anteil auf über 50 Prozent. „Solange wir mehr als ein Drittel unserer Arbeitszeit mit nicht ärztlicher Tätigkeit verschwenden, gäbe es noch genug Ressourcen zu heben“, meint Mayer und rechnet vor: „Wenn wir die Dokumentation auf die Hälfte der Zeit straffen würden, was etwa durch eine intelligente EDV möglich wäre, weil wir derzeit manche Sachen zwei- oder auch dreimal in das System eingeben müssen, hätten wir 17 Prozent mehr Arztzeit für die Patienten zur Verfügung. Da brauche ich erst einmal gar nicht mehr Ärzte.“

Als großes Problem wird von einer Mehrheit der Spitalsärzte auch das sukzessive Ansteigen der Ambulanzfälle wahrgenommen. „Der Leidensdruck der Ärzte wird immer größer“, so Mayer, „hier Arbeiten machen zu müssen, die nicht Aufgabe der Spitalsärzte sind“. Laut der Umfrage lehnen 35 Prozent diese Entwicklung ab, 60 Prozent würden sie nur dann akzeptieren, wenn der Personalstand entsprechend erhöht wird. Mayer wiederholt seine Forderung nach einer verpflichtenden Leitung der Patientenströme: „Es müssen hier ganz klare Wege für die Patienten festgelegt werden. Patienten sollen die beste Versorgung bekommen, aber sie sollten sich von einem Arzt durchs System führen lassen.“ So sollte für einen Ambulanzbesuch, abgesehen von Notfällen, eine Zuweisung durch einen niedergelassenen Arzt notwendig sein.

Als Arzt in Pension? – eher nicht

Die Belastungen münden in die Einschätzung, wonach 60 Prozent der 1.765 befragten Ärzte meinen, es sei sehr bzw. eher unwahrscheinlich, dass sie ihre Tätigkeit im Spital bis zu ihrer Pensionierung ausüben können. Je jünger die Ärzte, desto skeptischer sind sie diesbezüglich – mit einer Ausnahme: Ganz zu Beginn ihrer Ausbildungsphase, während der sogenannten „Basisausbildung“, sind die Jungärzte noch mehrheitlich zuversichtlich, bis zur Pensionierung durchhalten zu können (52 Prozent halten es für sehr oder eher wahrscheinlich). Aber bereits in der Turnusausbildung, wenn die ersten Erfahrungen mit dem Spitalsalltag gemacht sind, sinkt die Zuversicht dramatisch ab, bei Turnusärzten in Facharztausbildung auf 26, bei den Turnusärzten Allgemeinmedizin sogar auf 17 Prozent.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 19/2016

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