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Dr. Alexander Van der Bellen geboren 1944, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Von 1994 bis 2012 Abgeordneter zum Nationalrat, anschließend Wechsel in den Wiener Gemeinderat. Zwischen 1997 und 2008 Bundessprecher der Grünen

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Ing. Norbert Hofer geboren 1971, seit 2005 Vizeparteiobmann der FPÖ, seit 2006 Abgeordneter zum Nationalrat. Im Oktober 2013 wurde Hofer zum Dritten Präsidenten des Nationalrats gewählt. Hofer ist u. a. Behinderten- und Pflegesprecher der Freiheitlichen Partei.

 
Gesundheitspolitik 19. April 2016

Die Bundespräsidenten-Kandidaten im großen Ärzte-Woche-Medizin-Check

Wir haben den Bewerbern acht gesundheitsrelevante Fragen gestellt. Lesen Sie heute, was die derzeitigen Umfrage-Favoriten für die Stichwahl, FPÖ-Kandidat Norbert Hofer und der von den Grünen unterstützte Alexander Van der Bellen über Gesundheitsreform, Mehrklassen-Medizin oder Primärversorgung zu sagen haben und was sie für ihre ganz persönliche Fitness tun.

Von der Pflichtversicherung zur Versicherungspflicht

Österreich hat ein solidarisches, aber auch teures und nach Meinung vieler Experten nicht rasend effizientes Gesundheitssystem. Sehen Sie Handlungsbedarf?

Hofer: Den dringendsten Handlungsbedarf sehe ich im Bereich des Föderalismus. Hier gehen Milliarden aufgrund der Partikularinteressen der einzelnen Landeshauptleute verloren. So sollte etwa die Standortplanung der Spitäler Bundessache werden. Damit könnte vermieden werden, dass zwei Schwerpunktspitäler nur wenige Kilometer voneinander entfernt errichtet werden, nur weil eine Landesgrenze dazwischen liegt.

Van der Bellen: Österreich hat im internationalen Vergleich ein gutes Gesundheitssystem. Damit es das bleibt bzw. noch besser wird, wäre es sicherlich sinnvoll, die Primärversorgung zu stärken, auch um Krankenhäuser zu entlasten. Sehr wichtig sind alle Maßnahmen, die einen gerechten Zugang für alle zum Gesundheitssystem sichern, um einer Zwei-Klassen-Medizin vorzubeugen. Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation sollten aus meiner Sicht ausgebaut werden.

Vor einigen Jahren wurde die mögliche Zunahme der Gesundheitsausgaben an das BIP-Wachstum und die Inflationsrate gekoppelt. Zuletzt gab es vermehrt Kritik daran. Ist eine finanzielle Obergrenze für Gesundheitsausgaben aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Hofer: Die Gesundheitsausgaben betragen seit Jahrzehnten um die zehn Prozent des BIP. Dieser Betrag sollte absolut ausreichend sein. Allerdings laufen die Finanzierungsströme in Österreich massiv falsch. Durch einfache Umschichtungen sind hier Milliarden einzusparen, die ohne zusätzlichen Finanzaufwand direkt in die Versorgung der Österreicher fließen könnten. Alleine mit der Umwandlung von teuren Akutbetten in billigere Pflege-, Geriatrie- oder Palliativbetten sind pro Jahr rund vier Milliarden Euro einsparbar.

Van der Bellen: Im Gesundheitssystem ist aus Sicht von Experten genug Geld vorhanden, es ist nur zwischen den einzelnen Versorgungsebenen nicht optimal verteilt.

Gehen Sie lieber zum Wahlarzt als zum Kassenarzt, um sich Wartezeiten zu ersparen? Sehen Sie die von manchen Experten diagnostizierte Sechs-Klassen-Medizin und sollte man dagegen etwas tun?

Hofer: Wir haben eine 22-Klassen-Medizin, denn jede Kasse ist ihre eigene Klasse. Dazu kommen noch die Bevorzugungen durch Privatversicherungen und die Kuvertmedizin. In Bayern mit 11 Millionen Einwohnern gibt es eine Kasse. In Österreich mit 8 Millionen Einwohnern 22 Kassen. Hier läuft etwas falsch. Wir sollten auch überlegen, das System von einer Pflichtversicherung zu einer Versicherungspflicht überzuführen.

Van der Bellen: Das solidarische Gesundheitssystem wird dann in Frage gestellt, wenn es trotz gleicher Krankenkassen-Beiträge zu viele Unterschiede in den Leistungen und im Zugang zum System gibt und immer mehr Menschen das Kassensystem verlassen, um eine für sie optimale medizinische Versorgung zu erhalten. Es ist Aufgabe der Gesundheitspolitik, die kassenärztliche Versorgung so zu organisieren, dass sie für die Versicherten optimale Ergebnisse bringt und die Wartezeiten ein verträgliches Ausmaß haben.

Die Ärztevertretung fühlt sich oft von der Gesundheitspolitik in wichtigen Verhandlungen übergangen. Warum ist das Verhältnis zwischen Gesundheitspolitik und Standesvertretung seit Jahren so angespannt bzw. wie könnten beide Seiten dazu beitragen, um ein konstruktiveres Klima zu schaffen?

Hofer: Das Spannungsverhältnis zwischen Ärzteschaft und Politik hat sich in den vergangenen Jahren durch eine rein ideologisch dominierte Neidpolitik im SPÖ-geführten Gesundheitsressort verstärkt. Leider hat sich die Stöger-Administration als absolut ärztefeindlich positioniert – das nicht zum Wohle der Patienten. Es ist zu hoffen, dass sich diese Situation mit der Ärztin Oberhauser als Ministerin entspannt, auch wenn sie ebenfalls von linker Neidideologie geprägt ist.

Van der Bellen: Warum das Verhältnis so angespannt ist, wissen die beiden Parteien wahrscheinlich selbst am besten. Es geht offenbar vorrangig um die (Neu-) Verteilung von enorm hohen finanziellen Mitteln, die aber begrenzt sind. Das gemeinsame Ziel, eine optimale Krankenversorgung für die Menschen sicherzustellen, wird dabei leider immer wieder aus den Augen verloren.

Welche drei Programmpunkte zum Thema Medizin & Gesundheit müssten aus Ihrer Sicht unbedingt im Programm der nächsten Regierung stehen?

Hofer: Föderalismusreform, Ausbau des niedergelassenen Bereiches, Zusammenlegung der Kassen.

Van der Bellen: Gerechter Zugang für alle zu einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem; Stärkung der Primärversorgung; Stärkung der Gesundheitsförderung.

Zur Flüchtlingsproblematik: Es gibt unter den Asylwerbern viel Kompetenz gerade in Medizin und Pflege, gleichzeitig reden wir über Ärzteknappheit und Personalmangel in der Pflege. Trotzdem scheint es aufgrund bürokratischer Hürden schwierig, diese Kompetenz rasch zu heben und für das Versorgungssystem nutzbar zu machen. Was sollte hier seitens der Politik geschehen?

Hofer: Das Märchen von den Tausenden Ärzten, die aus Syrien zu uns kommen, ist leider nicht wahr. Ganz im Gegenteil kommen mit den Zehntausenden Wirtschaftsflüchtlingen Personen zu uns, die unser Sozial- und Gesundheitssystem ausnützen wollen. Das führt zu langen Wartezeiten, finanziellen Problemen und Frustration beim überlasteten Personal.

Van der Bellen: Die Nostrifikationsverfahren, also die Anerkennung der Berufsqualifikationen, sollten beschleunigt und erleichtert werden – vergleichbar mit den Anerkennungsverfahren, wie es sie für EU-Bürger in diesem Bereich gibt. Wenn jemand eine langjährige Berufspraxis als Arzt und/ oder in der Pflege nachweisen kann, ist es wichtig, dass diese Menschen rasch eine Berufserlaubnis bekommen. Der Zugang zu Qualifizierungsmaßnahmen – inklusive Sprachkursen – müsste rasch ermöglicht werden.

Landesspital oder AKH – wo möchten Sie im Fall des Falles lieber behandelt werden?

Hofer: Dort, wo die Kompetenz für die jeweilige Behandlung vorhanden ist. Es ist nicht gut, in allen Spitälern alle Leistungen anzubieten. Wir brauchen Schwerpunktspitäler. Ich möchte lieber in einem Spital operiert werden, in dem der Eingriff Routine ist und nicht die Ausnahme.

Van der Bellen:Die normale Versorgung in einem Landesspital ist grundsätzlich so gut wie in einer Universitätsklinik. Je spezieller das medizinische Problem, umso spezialisierter wird das Krankenhaus sein, in das man sinnvollerweise geht.

Eigenverantwortung in Gesundheitsfragen wird zunehmend gefordert: Was ist Ihr bevorzugtes Trainingsgerät/ Fitnessprogramm?

Hofer: Ich halte nichts von einem Bonus/Malus-System im Gesundheitswesen, denn egal wie jemand sein Leben führt, er zahlt seine Beiträge ein. Auch ist etwa der Spitzensportler nicht davor gefeit, an einer heimtückischen Krebserkrankung zu leiden. Wer bestimmt, welche Ursache eine Erkrankung hat? Das ist der falsche Weg. Ich persönlich halte mich mit meinem Rudergerät und ausgedehnten Mountainbike-Touren fit.

Van der Bellen: Ich versuche, gesundheitsförderliche Aktivitäten in den Alltag einzubauen – sehr viel zu Fuß gehen, auch mit meinen Hunden und setze auf gesunde Ernährung.

Gefragt hat Volkmar Weilguni.

Anm.: Beiden Kandidaten war es wichtig, ihre Antworten zu gendern. Der Verlag verzichtet allerdings zugunsten eines angenehmen Leseflusses auf das Binnen-I.

Antworten der Kandidaten Dr. Irmgard Griss und Ing. Richard Lugner sind bis dato nicht eingelangt.

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