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© Georg Hochmuth / picture alliance
© Wahlbüro Hundstorfer

Rudolf Hundstorfer geboren 1951, Ex-Präsident des ÖGB sowie früherer SPÖ-Minister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz; Kandidat der SPÖ.

© Peter Rigaud

Dr. Andreas Khol geboren 1941, Verfassungsjurist, Ex-Klubobmann der ÖVP, Präsident des Nationalrates, Präsident des Seniorenrates; Kandidat der ÖVP.

 
Gesundheitspolitik 18. April 2016

Die Bundespräsidenten-Kandidaten im großen Ärzte-Woche-Medizin-Check

Wir haben den Bewerbern acht gesundheitsrelevante Fragen gestellt. Lesen Sie heute, was die Kandidaten der Regierungsparteien über Gesundheitsreform, Mehrklassen-Medizin oder Primärversorgung zu sagen haben und was sie für ihre ganz persönliche Fitness tun. Die Antworten der anderen Kandidaten erfahren Sie in der nächsten Ausgabe.

Die Natur als bevorzugtes Fitnessgerät

Österreich hat ein solidarisches, aber auch teures und nach Meinung vieler Experten nicht rasend effizientes Gesundheitssystem. Sehen Sie Handlungsbedarf?

Hundstorfer: Unser Gesundheitssystem ist ausgezeichnet und braucht den weltweiten Vergleich nicht zu scheuen. Dass mehr Effizienz darin Einzug halten kann, war schon vor Längerem Gegenstand der Diskussion, die 2013 in der Gesundheitsreform gipfelte. Wenn Bund, Länder und Sozialversicherungen die Gesundheitsversorgung gemeinsam planen, steuern und finanzieren, kommt das nicht nur Patienten und Ärzten zugute, sondern es trägt auch zu mehr Effizienz bei. Auch die geplanten Primärversorgungszentren sollen unkomplizierte Diagnose- und Behandlungswege für die Patienten und gleichzeitig attraktivere Arbeitsbedingungen für Menschen in Gesundheitsberufen ermöglichen. Es ist wichtig, bei der Gesundheitsversorgung mehr in Regionen zu denken und nicht strikt in Landesgrenzen.

Khol: Es ist unbestritten richtig, dass Österreich eines der besten Gesundheitssysteme weltweit hat. Richtig ist aber auch, dass Österreich ein sehr teures Gesundheitswesen hat. Das liegt sicher auch an der Komplexität des Gesundheitswesens und an den unterschiedlichen Zuständigkeiten. Für die stationäre Versorgung sind die Länder zuständig, für den Niedergelassenen der Bund. Dadurch entstehen natürlich Parallelentwicklungen, die hinterfragt werden müssen.

Vor einigen Jahren wurde die mögliche Zunahme der Gesundheitsausgaben an das BIP-Wachstum und die Inflationsrate gekoppelt. Zuletzt gab es vermehrt Kritik daran. Ist eine finanzielle Obergrenze für Gesundheitsausgaben aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Hundstorfer: Es geht dabei nicht um eine finanzielle Obergrenze, sondern um eine Dämpfung des Kostenanstiegs. Das Gesundheitssystem wird gleichzeitig weiter ausgebaut, Stichwort Erweiterung des Kinderimpfprogramms oder Gratis-Zahnspange bis 18 Jahre.

Khol: Es gibt keine finanzielle Obergrenze im Gesundheitswesen, auch nicht durch die Gesundheitsreform, die in den letzten Jahren begonnen wurde. Die Ausgaben der sozialen Krankenversicherung sind in den letzten zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. Natürlich geht es darum, die Dynamik der Ausgaben in den Griff zu bekommen, da das alles ja auch finanziert werden muss.

Gehen Sie lieber zum Wahlarzt als zum Kassenarzt, um sich Wartezeiten zu ersparen? Sehen Sie die von manchen Experten diagnostizierte Sechs-Klassen-Medizin und sollte man dagegen etwas tun?

Hundstorfer: Patienten müssen die beste Gesundheitsversorgung unabhängig von ihrer Geldbörse erhalten. Wenn Kassenpatienten auf bestimmte Untersuchungen wie Magnetresonanz-Untersuchungen länger warten müssen als Privatzahler, dann ist das nicht akzeptabel. Ein Schritt wurde bereits mit den transparenten Wartelisten für Operationen gesetzt. Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser macht sich dafür stark, dass alle Patienten in Österreich gleich gut medizinisch versorgt werden.

Khol: Grundsätzlich gehe ich zum Vertragsarzt, ich habe allerdings auch Freunde, die keinen Kassenvertrag haben, die ich bei Bedarf konsultiere. In der internationalen Bewertung hat Österreich unter anderem deshalb so eine herausragende Stellung, weil der Zugang zu den Leistungen des Gesundheitswesens sehr niederschwellig ist. Ich glaube, dass die Akutversorgung das System der Zwei-Klassen-Medizin nicht kennt, anders schaut es im Bereich der elektiven Versorgung aus.

Die Ärztevertretung fühlt sich oft von der Gesundheitspolitik in wichtigen Verhandlungen übergangen. Warum ist das Verhältnis zwischen Gesundheitspolitik und Standesvertretung seit Jahren so angespannt bzw. wie könnten beide Seiten dazu beitragen, um ein konstruktiveres Klima zu schaffen?

Hundstorfer:Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass die niedergelassenen Ärzte viele Reformen, Neuerungen befürworten, auch, wenn ihre Standesvertretung das zum Teil anders sieht. Klar ist natürlich, dass Interessensvertreter am Verhandlungstisch immer willkommen sind. Eine konstruktive Zusammenarbeit bringt allen Beteiligten etwas. Denn alle haben im Grunde genau das Gleiche im Fokus: die Gesundheit der Menschen.

Khol: So wie in vielen anderen Bereichen ist es gerade im Bereich des Gesundheitswesens wichtig, dass sozialpartnerschaftlich zusammengearbeitet wird. Der medizinische Fortschritt, aber auch die Organisation des Informationsflusses über ELGA müssen optimal für Ärzte wie für Patienten aufbereitet werden. Die digitale Kommunikation ist zu nutzen, allerdings muss die Anwendung benutzerfreundlich sein, Ärzte dürfen nicht mit Informationen zugeschüttet werden. Dabei müssen Datenschutz und Benutzerfreundlichkeit höchste Priorität haben. Es sind die Vorteile für Ärzte sowie Patienten zu lukrieren und die Nachtteile hintanzuhalten.

Die Gespräche zwischen der ärztlichen Standesvertretung, der Sozialversicherung und der Politik sind immer in Gang zu halten, dazu ist das Gesundheitswesen für die Menschen zu wichtig.

Welche drei Programmpunkte zum Thema Medizin & Gesundheit müssten aus Ihrer Sicht unbedingt im Programm der nächsten Regierung stehen?

Hundstorfer: Ganz wichtig finde ich mehr Mittel für die Forschung. Medizinische Forschung hilft zum einen, Krankheiten zu heilen und Leben zu verlängern, und schafft zum anderen auch Arbeitsplätze und Wachstum. Wissenschaft und Forschung sind unsere Rohstoffe.

Dann läge mir ein noch stärkerer Schwerpunkt auf Prävention von Krankheiten und auf Kinder- und Jugendgesundheit – wie auch in diesem Regierungsübereinkommen schon verankert – am Herzen.

Khol: Österreich hat ein sehr komplexes Gesundheitssystem, insbesondere die unterschiedlichen Zuständigkeiten für den Spitalsbereich und den niedergelassenen Bereich stellen zunehmend ein Problem dar. In einem Regierungsprogramm sollte die Rolle des Hausarztes und der ärztlichen Versorgung neu definiert werden. Erster Ansprechpartner für den Patienten sollte der Arzt sein. Die elektronische Gesundheitsakte ELGA ist so weiterzuentwickeln, dass sie Ärzten sowie Patienten dient. Drittens sollte endlich eine Strukturreform angegangen werden, insbesondere was die unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern betrifft. Die Anleitung zu einer gesunden Lebensführung und die Prävention müssen auf allen Ebenen forciert werden.

Es gibt unter den Asylwerbern viel Kompetenz in Medizin und Pflege, gleichzeitig reden wir über Ärzteknappheit und Personalmangel in der Pflege. Trotzdem scheint es aufgrund bürokratischer Hürden schwierig, diese Kompetenz rasch zu heben und für das Versorgungssystem nutzbar zu machen. Was sollte hier geschehen?

Hundstorfer: Die Anerkennung von ausländischen Zeugnissen, die Nostrifikation, ist ein langwieriger Prozess. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo hat vor Kurzem berichtet, dass in Österreich im Jahr 2014 etwa bei fast 74 Prozent der Asylwerber die von ihnen angegebene Qualifikation formal nicht anerkannt wurde, weil die Bildungsabschlüsse nicht immer den österreichischen Qualifikationsanforderungen entsprechen. Oft liegen auch keine Unterlagen vor. Daher ist es notwendig, erst einmal die Kompetenz zu eruieren. Derzeit laufen bereits einige Projekte, die asyl- und subsidiär schutzberechtigte Ärzte und Flüchtlinge, die in Gesundheitsberufen ausgebildet wurden, schneller in die Arbeitswelt bringen sollen. Eine Ärztegesetznovelle soll ebenfalls unter bestimmten Voraussetzungen den Eintritt ins Arbeitsleben für ausländische Ärzte erleichtern.

Khol: Wir wären gut beraten, das Know-how und die Expertise, die über Flüchtlinge kommt, möglichst rasch für uns zu nutzen. Natürlich muss dabei immer berücksichtigt werden, dass die Qualität unsere Standards erreicht. Zu einem Absinken unserer Standards darf es deswegen nicht kommen.

Landesspital oder AKH – wo möchten Sie im Fall des Falles lieber behandelt werden?

Hundstorfer:Ich vertraue den Ärzten von Bregenz bis Wien.

Khol: Das hängt von der Art der Erkrankung ab, nicht jede Erkrankung erfordert das AKH. Wir haben zu Recht ein mehrstufiges System. Wie bereits ausgeführt, muss der erste Ansprechpartner im Falle einer Erkrankung der Arzt sein.

Was ist Ihr bevorzugtes Trainingsgerät/Fitnessprogramm?

Hundstorfer: Bevorzugtes Trainingsgerät habe ich keines, als „Fitnessprogramm“ ist mir Wandern am liebsten – wenn es die Zeit erlaubt.

Khol: Eine gesunde Lebensweise ist im Gesundheitswesen vermutlich das Wichtigste! Wir haben zwar eine relative hohe Lebenserwartung, allerdings ist die Zahl der gesunden Lebensjahre noch erheblich verbesserbar. Ich mache jeden Tag Morgengymnastik, mein „bevorzugtes Trainingsgerät“ sind die Natur und die Berge, da ich leidenschaftlich gerne wandere und auf die Berge gehe.

Gefragt hat Volkmar Weilguni.

Anm.: Beiden Kandidaten war es wichtig, ihre Antworten zu gendern. Der Verlag verzichtet allerdings zugunsten eines angenehmen Leseflusses auf das Binnen-I.

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