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©  Christian Charisius / dpa
„IBM hat um vier Milliarden US-Dollar Daten gekauft, um ihren Watson zu trainieren, ihn sozusagen in die Facharztausbildung zu schicken. Das machen sie nicht, weil sie zu viel Geld übrig haben“, sagt der Radiologe Prof. Dr. Jörg Debatin.
 
Gesundheitspolitik 15. März 2016

Ein Wirtschaftszweig fühlt sich unverstanden

Bereits jeder siebente Beschäftigte kommt aus dem Umfeld der Gesundheitswirtschaft, Tendenz steigend, sagt Wirtschaftskämmerer Martin Gleitsmann. Nicht allen sei die Bedeutung der Entwicklung klar.

Ein Land, das beim Wirtschaftswachstum das vierte Jahr hintereinander eine Null vor dem Komma hat, brauche den wachsenden Gesundheitssektor. Insofern sei das Altern der Gesellschaft als Chance zu begreifen.

Die zunehmende Bedeutung ökonomischer Aspekte im Gesundheitswesen dokumentiert sich nicht zuletzt in der jährlich steigenden Zahl der Teilnehmer am Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress. Zur achten Auflage kamen mehr als 450 Teilnehmer nach Wien – Repräsentanten aus Politik, Sozialversicherung, Kammern, Patientenvertreter, Krankhausmanager, Leiter von Reha- und anderen Gesundheitseinrichtungen sowie niedergelassene Ärzte. „Der neuerliche Teilnehmerrekord zeigt uns die Relevanz des Themas“, bestätigt auch Dr. Martin Gleitsmann von der Wirtschaftskammer Österreich. Als Geschäftsführer der Plattform Gesundheitswirtschaft ist er einer der Initiatoren der Veranstaltung.

Trotzdem habe er das Gefühl, so Gleitsmann weiter, dass dieses Thema „im Vergleich zu anderen Ländern in Österreich noch immer krass unterschätzt wird“. Dabei könne die Gesundheitswirtschaft gleich in mehrfacher Hinsicht zum Gemeinwohl wesentlich beitragen: Sie kann zum Beispiel helfen, die angespannte Situation am heimischen Arbeitsmarkt nachhaltig zu entschärfen. Bereits jeder siebente Beschäftigte komme nämlich inzwischen aus dem Umfeld der Gesundheitswirtschaft, Tendenz steigend.

Das sollte nach Meinung Gleitsmanns für ein Land mit dem gegenwärtig zweitgrößten Wachstum bei den Arbeitslosenzahlen in Europa doch von gesellschaftspolitischer Relevanz sein. Auch als Wachstumsmotor für das Bruttoinlandsprodukt könnte die Gesundheitswirtschaft in einem „Land, das beim Wirtschaftswachstum das vierte Jahr hintereinander eine Null vor dem Komma hat“, eine gewichtigere Rolle spielen. Immerhin wächst derzeit kein anderer Wirtschaftszweig rascher als dieser. Und schließlich könne sich auch der Finanzminister freuen, rechnet Gleitsmann vor: Nicht weniger als 15 Milliarden Euro steuere die Gesundheitswirtschaft zum jährlichen Staatshaushalt bei.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werde sich die dargestellte Entwicklung noch weiter beschleunigen, ist Gleitsmann überzeugt. 2030 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Die Gesundheitswirtschaft werde „also in Zukunft ein hohes Maß an Entfaltung haben. Wir sollten die Alterung der Bevölkerung nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance sehen.“ Die politisch Verantwortlichen in vielen anderen Ländern hätten das enorme Potenzial der Gesundheitswirtschaft jedenfalls längst erkannt. „Das wünsche ich mir auch für uns“, so Gleitsmann abschließend.

Die politische Mutlosigkeit

In dieselbe Kerbe schlägt die neue Vorsitzende des Hauptverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger, Mag. Ulrike Rabmer-Koller. Um das an sich gut funktionierende Gesundheitssystem nachhaltig abzusichern und zu erhalten, brauche es nicht nur Ideen und Zukunftsvisionen, sondern vor allem auch „den Mut, es anzupacken“. Rabmer-Koller spricht in diesem Zusammenhang von einem „schizophrenen System in Österreich, wenn man sieht, wie viele neue Ideen wir haben oder gehabt haben, von denen aber fast alle in der Umsetzung gescheitert sind“. Als Beispiel nennt Rabmer-Koller die laufende Gesundheitsreform. Darin gäbe es eine ganze Reihe guter Ansätze, „aber die Umsetzung hinkt“. So sei etwa das Prinzip „Geld folgt Leistung“ im Reformpapier zwar festgeschrieben, eine Realisierung aber nicht in Sicht. „Wir brauchen jetzt dringend das Commitment aller Player, um gemeinsam etwas umsetzen zu können“, appelliert die Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer an alle Verhandlungspartner, „und dabei spielen die Ärzte eine ganz wichtige Rolle.“

In erster Linie gelte es , die Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten. Das erfordere eine innovative Gesundheitswirtschaft als kooperativen Partner. Denn nur über Innovationen ließe sich „ein Mehr an Effizienz ins System bringen. Die Erkenntnis ist da, aber der Mut dazu fehlt. Ich hoffe, das ändert sich.“

Patienten als Konsumenten

„Ich bin weltweit unterwegs. Sollte ich allerdings krank werden, würde ich auch versuchen, hier in Österreich oder in der DACH-Region versorgt zu werden“, kann Prof. Dr. Jörg Debatin den guten Eindruck der heimischen Patienten über das eigene Gesundheitssystem gut nachvollziehen. Das dürfe die Verantwortlichen nicht dazu verleiten sich zurückzulehnen. Es gäbe globale Entwicklungen, führt der Vice President von GE Healthcare aus, welche die Rahmenbedingungen massiv verändern würden. Das komme nicht so sehr aus der Gesundheitswirtschaft, sondern „es wird uns von außen aufgedrängt“, von der Informationstechnologie. Dafür brauche es globale Lösungsansätze, denn technologische Entwicklungen würden nicht vor Landesgrenzen halt machen. Um Europa mache er sich Sorgen, „weil das Denken hier zu kleinteilig ist. Wenn Europa keine Antworten anbieten kann, werden andere kommen und das übernehmen.“ Debatin erinnert in diesem Zusammenhang an IBMs Watson: „IBM hat um vier Milliarden US-Dollar Daten gekauft, um ihren Watson (Anm.: künstliche Intelligenz mit Facharztwissen) zu trainieren, ihn sozusagen in die Facharztausbildung zu schicken. Das machen sie nicht, weil sie zu viel Geld übrig haben.“

Die Menschen werden die Chancen nutzen, die ihnen neue Technologien bieten, prophezeit Debatin: „Darauf werden die Patienten nicht verzichten wollen. Sie werden uns vorantreiben, dass wir gar keine Wahl haben. Die Patienten sind nicht mehr so geduldig wie früher, sie wollen Konsumenten werden.“ Wenn sich ein Trend weltweit beobachten lässt, dann sei es jedenfalls dieser: „Das Gesundheitswesen wird zunehmend zu einem normalen Markt mitsamt seinen marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten.“ Nicht die Großen würden in so einem Markt am Ende die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen, sagt der promovierte Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler. Diejenigen, die zu komplex sind in ihren Veränderungsprozessen, würden in einem solchen Zukunftsszenario dann nicht mehr zu den Besten gehören. Es brauche „flexible Entscheidungsstrukturen. Sektorale Budgets und Budgetobergrenzen sind nicht das beste Konzept. Da werden jene die Nase vorne haben, die schneller entscheiden.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 11/2016

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