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© V. Weilguni
Die Experten des Symposiums:(von links)Mag. Bernhard Wurzer, Mag. Julian Hadschieff, Dr. Reinhold Glehr,Dr. Arno Melitopulos und Dr. Johannes Steinhart.
© esthermm / fotolia.com

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Gesundheitspolitik 22. Februar 2016

„Wir kommen bald in ein Ärztevakuum hinein“

Was wollen Jungärzte wirklich – und was wird von ihnen in Zukunft erwartet? Experten, wie Johannes Steinhart von der Ärztekammer, diskutierten das neue Rollenbild der Hausärzte auf dem Healthcare Symposium.

„S.O.S. Gesundheit“ lautete der Titel der Veranstaltung. Die Referenten zeichneten ein düsteres Bild, sollte sich bei den Hausärzten nichts ändern. Für die Hausärzte wird mehr Flexibilität mittels Time-Sharing-Modellen und eine bessere Ausbildung gefordert.

Dr. Johannes Steinhart plädierte bei dem diesjährigen Healthcare Symposiums der Pharmig Academy unter dem Titel „S.O.S. Gesundheit“, das am 18. Februar in Wien stattfand, für ein behutsames Vorgehen seitens der Gesundheitspolitik: „Ich bin mir sicher, das System kann nur evolutionär geändert werden, Revolutionen funktionieren nicht.“ Der Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer weiß aber auch, dass „die Landmedizin von morgen wird in irgendeiner Form vernetzter sein , als sie das heute ist.“ Auf der Veranstaltung diskutierten Experten über die Entwicklungen, Veränderungen und Herausforderungen in der Allgemeinmedizin.

Die Vernetzung sei allein deshalb unausweichlich, weil sich der von der Kammer schon lange angekündigte Ärztemangel in absehbarer Zeit dramatisch zuspitzen werde, argumentierte Steinhart. Heute sind bereits 55 Prozent aller praktizierenden niedergelassenen Ärzte 55 Jahre oder älter. „Wir brauchen dringend Ärzte! Wir wissen, wir kommen bald in ein Ärztevakuum hinein, viele ältere Kollegen gehen bald in Pension, junge Kollegen verstärkt ins Ausland und manche dazwischen wandern in andere Bereiche ab. Und wir tun nicht viel dagegen, ganz im Gegenteil: Wir schauen zu, wie sich die junge Generation, die insgesamt kritischer, mobiler und risikofreudiger ist, etwas anderes sucht.“

Wellenförmige Karrieremodelle

Ein wichtiger Schritt wäre deshalb der Ausbau und die entsprechende Finanzierung der Lehrpraxen, forderte Steinhart. Dort könnten Jungmediziner für ein paar Monate risikofrei in die Allgemeinmedizin hineinschnuppern und deren Vorzüge kennenlernen. „Aber da hängen wir fürchterlich hinterher, das brennt extrem unter den Fingernägeln.“

Für Mag. Bernhard Wurzer, Generaldirektor-Stellvertreter im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, ist klar, dass „unsere traditionell gewachsenen Modelle nicht mehr zeitgemäß sind und adaptiert werden müssen, um die benötigte Flexibilität zu ermöglichen“. Denn die Allgemeinmedizin wird laut Wurzer insgesamt fragmentierter, unbeständiger sein als heute. Auch ärztliche Karrieremodelle würden zukünftig viel stärker in Wellen verlaufen, mit privaten Auszeiten, Sabbaticals, Teilzeitanforderungen etc. inklusive.

Die von der Ärztekammer zugespitzte Diskussion PHC-Zentren contra Einzelpraxis hält Wurzer für „falsch und gefährlich. Wir werden nämlich beides haben und auch beides benötigen. In der niedergelassenen Versorgungslandschaft von morgen wird die Einzelpraxis genauso ihren Platz haben wie das PHC-Zentrum oder auch andere, vernetzte Systeme.“

Wurzer reagierte mit dieser Aussage auf den Appell von Dr. Reinhold Glehr, zweiter Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Laut Glehr dürfe man den klassischen Hausarzt, den Einzelkämpfer, „nicht sterben lassen, nicht aus ideologischen Gründen opfern. Das ist eine Qualität, die die Bevölkerung liebt.“ Daneben könnten sich aber selbstverständlich auch andere Organisationsformen etablieren. Einmal mehr forderte Glehr etwa die Möglichkeit, Ärzte von Ärzten auch anstellen zu können.

Anreize schaffen

Dr. Arno Melitopulos sieht die Notwendigkeit, zusätzliche Anreize zu schaffen, um Jungmediziner für die Allgemeinmedizin zu interessieren, denn „von selbst gehen nur ganz wenige nach der Grundausbildung in diese Richtung. Hier bewegt sich jetzt aber etwas“, erläuterte der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse. So habe man in Tirol gemeinsam mit der Ärztekammer zuletzt viele Versorgungsformen attraktiver gemacht bzw. auch ganz neue Modelle entwickelt, zum Beispiel Time-Sharing-Modelle. Vieles davon sei allerdings für die Jungärzte immer noch nicht attraktiv genug, aber „da stoßen wir derzeit zum Teil auch an gesetzliche Grenzen“.

Mag. Julian Hadschieff, Geschäftsführer der PremiQaMed Holding GmbH, wünschte sich abschließend auch Verbesserungen in der Ärzteausbildung. Noch immer gelänge es nämlich den medizinischen Universitäten kaum, den Studierenden die im Arztberuf „dringend benötigten sozialen Kompetenzen“ zu vermitteln, etwa Kommunikations- oder auch Kooperationsfähigkeiten mit anderen Kollegen, vor allem aber auch mit anderen Gesundheitsberufen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 8/2016

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