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© Uwe Anspach/dpa
Lohnendes Geschäft? In Salzburgs Spitälern werde zu viel operiert, heißt es. Eine Vorgangsweise, die dazu diene, den ökonomischen Erfolg des jeweiligen Krankenhauses sicherzustellen.
 
Gesundheitspolitik 15. Februar 2016

Causa Cash Cow

Die Kasse prangerte die hohe OP-Zahl in Spitälern an. Konsequenzen muss offenbar niemand fürchten.

Es wird viel operiert in Salzburgs Kliniken – unnötig viel, wie manche meinen. Diesbezügliche Vorwürfe der Salzburger Gebietskrankenkasse stehen seit Monaten im Raum, bisher ohne Konsequenzen. Über die weitere Vorgangsweise herrscht offensichtlich Uneinigkeit zwischen Kasse, Kammer und Politik.

Bereits im Sommer des Vorjahres schrieb der Obmann der Salzburger GKK (SGKK) Andreas Huss, MBA, in einem Artikel der Salzburger Nachrichten, in den Salzburger Kliniken werde viel zu viel und vor allem häufig unnötig operiert – und er legte konkretes Datenmaterial auf den Tisch. Die Ärztekammer sprach daraufhin von schwerwiegenden Vorwürfen, die einen „enormen Vertrauensbruch den Patienten gegenüber“ darstellen würden, falls sie zuträfen, und die es daher unverzüglich zu prüfen gelte.

Was bisher passierte

Auch die Landepolitik wollte sich die vorgelegten Zahlen „sehr genau ansehen“, um zu beurteilen, ob Handlungsbedarf besteht. Überprüfungen wurden angekündigt, mögliche Konsequenzen zumindest nicht ausgeschlossen. Bald war nichts mehr in dieser Causa zu vernehmen – das war vor einem halben Jahr. Und jetzt?

Ein Rückblick auf den Juli 2015 lohnt: In dem unter dem Titel „Vorwürfe an Spitäler: Zehntausende unnötig operiert“ in den Salzburger Nachrichten erschienenen Artikel meinte Huss, dass von den knapp einhunderttausend Operationen, die in Salzburgs Spitälern jährlich durchgeführt werden, zwischen 12.000 und 15.000 medizinisch vermeidbar wären und „nur stattfinden, damit die betreffenden Spitäler mehr Geld verdienen“.

Er habe dazu detailliertes Zahlenmaterial zu speziellen Eingriffen in einzelnen Häusern erheben lassen. Diese Zahlen seien, so der Obmann wörtlich, „wohl kein Beweis, aber ein sehr starkes Indiz dafür, dass in Salzburger Krankenhäusern Operationen stattfinden, die dazu dienen, den ökonomischen Erfolg des jeweiligen Spitals sicherzustellen“.

Huss lieferte einige konkrete Beispiele für solche Indizien gleich mit: etwa eine im Vergleich zum Bundesschnitt doppelt so hohe Zahl an Gebärmutter-Resektionen in einem Haus oder eine massiv erhöhte Anzahl operativer – und damit wirtschaftlich lukrativer – Endoskopien bei Kniebeschwerden als Alternative zur Untersuchung in einem Kernspintomografen in einem anderen.

In einer Klinik wurde laut Huss der österreichweite Durchschnittswert bei radikalen Prostata-Entfernungen um das 2,2-Fache übertroffen. Huss ortete außerdem ein „deutlich erhöhtes Risiko für zusatzversicherte Patienten, ohne Not operiert zu werden“.

Reaktionen & Ankündigungen

Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Dr. Christian Stöckl, politisch für die Landesspitäler zuständig, meinte, die Zahlen würden „tatsächlich in diese Richtung zeigen, dass in Salzburg teils zu viel operiert wird“, und kündigte an, die SGKK-Daten mit Ärzten und Wissenschaftlern zu analysieren und professionell zu interpretieren. Schließlich handle es sich dabei um ein ebenso heikles wie komplexes Thema, das sich „schnellen und einfachen Lösungen entziehe“.

Sollte sich allerdings herausstellen, dass Handlungsbedarf besteht, dann müsse man überlegen: Liegt ein Systemproblem vor? Liegt es an den LKF-Punkten (leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung)? Oder auch am Druck, der auf den Spitälern lastet, die nötigen Fallzahlen zu erreichen?

Salzburgs Ärztekammerpräsident Dr. Karl Forstner konnte sich zwar nicht vorstellen, dass heimische Ärzte ihre Patienten bewusst einer unnötigen Operation aussetzen, „aber wenn dieser Vorwurf kommt, ist er sehr schwerwiegend. Das wäre ein enormer Vertrauensbruch den Patienten gegenüber“. Die Krankenkasse müsse alle Daten auf den Tisch legen und ihre Vorhaltungen beweisen, forderte Forstner damals ein.

Gesetzte Maßnahmen

Und nun? Was ist aus all den Forderungen und Ankündigungen eigentlich geworden? Die Gebietskrankenkasse bestätigte zwar nachfolgende informelle Gespräche mit der Landespolitik zum Thema, der Versuch, eine gemeinsame Arbeitsgruppe unter dem Titel „Unnötige OPs“ zu installieren, konnte allerdings bis zum heutigen Tag leider nicht realisiert werden, sagte eine Sprecherin der SGKK zur Ärzte Woche.

Eine entsprechende Arbeitsgruppe sei der Gebietskrankenkasse zwar zugesagt worden, dieser seien aber die Hände gebunden, da eine solche nur von der Politik eingerichtet werden kann. „Wir haben dann noch mehrmals schriftlich und telefonisch urgiert, leider ergebnislos“, sagte die Sprecherin. Auch die Experten dafür wären seitens der SGKK längst nominiert. „Weil uns das aber wichtig ist, haben wir das Thema in das Landes-Jahresarbeitsprogramm 2016 aufgenommen“, so die Sprecherin.

Dieses angesprochene Landes-Jahresarbeitsprogramm 2016 liegt der Redaktion vor, im Kapitel Steuerungsbereich „Versorgungsstrukturen“ findet sich unter „Maßnahme 3“ ein entsprechender Punkt.

Ganz anders sieht die Situation allerdings aus Sicht der Landesregierung aus: Es gäbe ein klares Einvernehmen mit der SGKK, hieß es aus Stöckls Büro, dass die ursprünglich beabsichtigte Arbeitsgruppe nicht zustande kommen soll. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass es „unmöglich ist, 10.000 Einzelfälle im Detail zu prüfen“.

Ein solcher Aufwand sei einfach nicht zu bewerkstelligen. Die Veröffentlichung der Zahlen durch Huss wird inzwischen als „verfrüht und unglücklich“ bezeichnet.

Aufrechtes Angebot

Für die Salzburger Ärztekammer hingegen läge es nach wie vor „im Interesse der Medizin, Missstände aufzudecken“, sollte es solche tatsächlich geben. Bis dahin gehe man aber davon aus, sagt Präsident Forstner, „dass in Salzburgs Spitälern Leistungen in hoher Qualität, aber nicht in höherer Frequenz als notwendig angeboten und erbracht werden“.

Vom internationalen und österreichweiten Durchschnitt abweichende Frequenzzahlen bräuchten zur Analyse epidemiologische Daten, zum Beispiel die Berücksichtigung von Altersstatistiken, Einzugsgebiete, regionale Versorgungsspezifika wie Tourismus, Kenntnis des medizinischen Standards und statistische Grunderfordernisse.

Der von Huss geäußerte „Generalverdacht, in Salzburgs Spitälern würde zu viel operiert, berücksichtigt bislang diese elementaren Grunderfordernisse einer Analyse nicht“, so Forstner weiter.

Auf Anregung der Salzburger Ärztekammer hätten sich SGKK und das Land darauf verständigt, solche differenzierten Analysen durchführen zu wollen, bestätigt auch Forstner. Das sei aus seiner Sicht auch unumgänglich, um die „unzulässige Verunsicherung der Salzburger Bevölkerung hintanzustellen“.

Die Ärztekammer habe sich daher bereit erklärt, mit fachlicher Expertise diese Maßnahmen zu unterstützen. Bislang sei man aber mit diesem Wunsch vonseiten der SGKK oder des Landes nicht mehr an die Ärztekammer herangetreten, stellt Forstner fest. „Uns fehlt die Kenntnis, ob diese Analyse überhaupt schon begonnen hat.“

Was nun geschehen wird

Drei Anfragen, drei unterschiedliche Perspektiven, eine gemeinsame Conclusio: Bisher wurde der massive Vorwurf, in Salzburg fänden Operationen nicht aus medizinischen, sondern aus rein finanziellen Gründen statt – und zwar nicht in Einzelfällen, sondern mit System –, nicht weiter verfolgt.

Fazit: Von der vielstrapazierten konstruktiven Fehlerkultur, wie sie von den Kliniken zu Recht verlangt wird, ist man auf politischer Ebene offenbar noch weit entfernt.

V. Weilguni, Ärzte Woche 7/2016

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