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© Rick Bowmer / AP Photo / picture alliance

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Erwin Rasinger Gesundheitssprecher der ÖVP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Andrea Bichl

Dr. Eva Mückstein Gesundheitssprecherin Die Grünen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Fotostudio Wilke

Dr. Dagmar Belakowitsch-Jenewein Gesundheitssprecherin der FPÖ

 
Gesundheitspolitik 10. Februar 2016

Aus dem Dunkeln hervorgeholt

Die Bundesregierung hat eine neue Suchtpräventionsstrategie vorgelegt. Sucht sei eine Krankheit, und Süchtige hätten ein Recht auf Behandlung und Rehabilitation, heißt es da.

Die Bundesregierung hat sich eines gesellschafts- und gesundheitspolitisch, sozial- und sicherheitspolitisch gleichermaßen brisanten Themas angenommen und erstmals eine nationale Suchtpräventionsstrategie vorgelegt. Diese soll die einzelnen Initiativen zukünftig besser koordinieren und aufeinander abstimmen sowie die Basis für neue Projekte liefern. Thematisiert werden legale Suchtmittel wie Tabak und Alkohol ebenso wie illegale Drogen, aber auch Abhängigkeitsformen wie Internet- oder Spielsucht. „Es geht in der Strategie nicht um einen detaillierten Maßnahmenkatalog, sondern um die Definition eines gemeinsamen gesellschaftlichen Grundverständnisses sowie um eine Bewusstseinsschärfung“, sagte Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser.

Bewusst gemacht werden soll, dass Sucht eine Krankheit ist und Süchtige „ein Recht auf Behandlung, Betreuung und Rehabilitation“ haben, oder dass Diskriminierung und Ausgrenzung nicht nur „den individuellen Therapieerfolg gefährdet, sondern auch den sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt“.

Die formulierten Ziele bleiben aber auf einer allgemeinen Ebene. So heißt es etwa zum Thema Alkohol: „Es gilt, durch die Schaffung gesundheitsfördernder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und suchtpräventiver Maßnahmen die Anzahl jener gering zu halten, die Probleme im Zusammenhang mit Alkohol entwickeln.“ Wie das alles passieren soll und wer das bezahlt, darüber ist in dem neuen Suchtpräventionsstrategiepapier nichts zu lesen.

Österreich bei Jugendlichen Schlusslicht

„Die Suchtpräventionsstrategie darf nicht schubladisiert werden.“

Die nationale Suchtpräventionsstrategie ist positiv und sehr wichtig. Nach der Experteneinigung muss jetzt das Bohren härtester Bretter fortgesetzt werden. Sonntagsreden und dann ein Schubladisieren wäre fatal. Bei den legalen Süchten ist die Zahl von 1,5 Millionen abhängigen Rauchern deutlich unterschätzt. Bei den Alkoholgefährdeten mit problematischem Konsum ist die Zahl 1,1 Millionen dramatisch. Neben der Spielsucht spielt immer mehr auch die Internetsucht eine Rolle, besonders bei Jugendlichen. Das Dümmste bei einer nationalen Strategie wäre natürlich zu verniedlichen oder lediglich auf Behandlung der schon gravierenden Schäden zu setzen.

Das Hauptziel muss Prävention sein, vor allen bei der Jugend bis 21 Jahre, wie neueste Forschungen aus den USA postulieren. So stellt Nora Volkow vom National Institute on Drug Abuse, Bethesda, USA, im New England Journal of Medicine Folgendes fest: „Die präfrontalen und anderen frontalen Gehirnnetzwerke sind essenziell für Selbstregulierung und Entscheidungsfähigkeit. Sie reifen erst mit 21 bis 25 Jahren voll aus“. Sie schreibt weiter: „Früher Drogengebrauch kann die Impulskontrolle für das Einnehmen von Suchtsubstanzen erodieren“. Allein diese Äußerung untermauert meine Ablehnung für die Freigabe von Cannabis. Studien zeigen, dass der oftmalige, hoch dosierte Gebrauch vor allen für das nicht ausgewachsene jugendliche Gehirn extrem schädlich ist. Eine deutliche Erhöhung von Psychosen oder eines organischen Psychosyndroms sind die Folgen.

Wenn man aber Zahlen von bis zu 35 Prozent Cannabisgebrauch bei Jugendlichen unter 18 Jahren – beginnend schon mit 12 Jahren – Glauben schenkt, dann ist tatsächlich Feuer am Dach und Prävention dringend geboten. Während eine Legalisierung im Medikamentenbereich (Schmerz, Appetitsteigerung, Spastiztät und Übelkeit) bei Krebskranken durchaus anzudenken ist, wäre dies bei Jugendlichen der völlig falsche Ansatz. Bei den sogenannten „legalen Süchten“ wie Alkohol und Rauchen werden wir als Schlusslicht nur noch von Staaten wie etwa Grönland geschlagen. Daher gilt immer wieder: alle Kraft für Präventionsmaßnahmen.

Fehlende Konsequenzen

„Bekenntnis gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung.“

Die neue Suchtpräventionsstrategie zielt darauf ab, ein zeitgemäßes Grundverständnis zum Thema Suchterkrankungen zu vermitteln. Die Grundlagenarbeit soll einen Grundkonsens für die Planung und Koordination zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung in allen zentralen Fragen der Arbeit im Suchtbereich bilden. Betont wird, dass Sucht eine multifaktorielle, oft chronisch verlaufende Krankheit und keine Willensschwäche oder moralische Verfehlung ist. Betroffene haben ein Recht auf Behandlung, Betreuung und Rehabilitation. Auch gesellschaftliche Integration steht im Mittelpunkt, wobei auch das indirekt belastete soziale Umfeld, die Familie, das Arbeitsumfeld etc. miteinbezogen werden. Besonders begrüßenswert ist ein klares Bekenntnis gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung von suchtkranken Menschen.

Im Mittelpunkt einer ethisch vertretbaren Suchtpolitik stehen immer der suchtkranke bzw. suchtgefährdete Mensch und seine individuellen Bedürfnisse, nicht wirtschaftliche oder parteipolitische Interessen. Es besteht ein Recht auf höchstmögliche Gesundheit und keine „Pflicht zur Gesundheit“. Abstinenz hat Priorität, ist aber nicht mehr alleiniges Ziel. Risikoarmer, moderater und kontrollierter Konsum werden nunmehr als Wege zur Schadensminimierung und Gesundung als Therapie- und Beratungskonzept ebenfalls akzeptiert. Das ist aus meiner Sicht einer der wesentlichsten Fortschritte bezogen auf ein gemeinsames Grundverständnis. Weiterhin gilt auch der Grundsatz „Therapie statt Strafe“ – Beratung und medizinisch-therapeutische Behandlung haben Vorrang vor strafrechtlicher Verfolgung.

Ein konkretes Maßnahmenpaket fehlt leider komplett. Auch stellte die Gesundheitsministerin fest, dass keine zusätzlichen finanziellen Mittel zur Umsetzung bereitgestellt werden. Es gibt auch keine Konsequenzen bei Nichteinhaltung durch die Bundesländer und die Sozialversicherung. Es steht also zu befürchten, dass die österreichische Suchtpräventionsstrategie, an der über 100 Experten zweieinhalb Jahre lang gearbeitet haben und die durchaus als Meilenstein zu bezeichnen ist, zu einer unverbindlichen Absichtserklärung verkommt.

Einmal klar Stellung beziehen

„Strategie muss jetzt mit Leben erfüllt werden.“

Die Ziele der neu beschlossenen Präventions- und Suchtpolitik beinhalten suchtpräventive Maßnahmen, um Probleme durch den Gebrauch psychotroper Substanzen bzw. Verhaltenssüchte so gering wie möglich zu halten bzw. suchtkranke Menschen, häufig mit chronischem Krankheitsverlauf, bedarfsorientiert im Gesundheits- und Sozialsystem zu betreuen. Daneben sind es Suchtberatung, Therapie, Rehabilitation, Überlebenshilfe bzw. Schadensminimierung sowie soziale und berufliche Integrations- bzw. Reintegrationsmaßnahmen, etwa Suchtkranken eine selbstbestimmte und sinnstiftende Lebensführung durch eine Re-Integration in den Arbeitsmarkt und das soziale Gefüge zu ermöglichen. Für betroffenen Patienten soll es möglich werden, sich sowohl objektiv als auch subjektiv gesünder zu fühlen und im gesellschaftlichen Leben integriert zu bleiben.

Grundsätzlich ist es natürlich begrüßenswert und immer gut, dass man hier strategische Überlegungen anstellt, aber dazu wird es auch notwendig sein, einerseits gesellschaftspolitisch aber auch in der Öffentlichkeit einmal klar Stellung zu beziehen. Davor schreckt Ministerin Oberhauser leider immer wieder zurück, wohl auch aus Rücksichtnahme auf diverse Vorfeldorganisationen ihrer eigenen Partei wie auch des grünen Koalitionspartners in Wien.

Prinzipiell muss man natürlich auch unterscheiden: Es gibt Suchtverhalten mit Begleitkriminalität, dazu gehören vor allem die illegalen Substanzen und teilweise die Spielsucht, die große Anzahl der Suchtpatienten leidet aber unter einem Suchtverhalten ohne Begleitkriminalität, dazu gehören Essstörungen, Tabakkonsum aber auch Alkohol.

Daher ist es auch so wichtig, im Bereich der Prävention zu differenzieren, auch werden beispielsweise Personen, die an Anorexie leiden, nach erfolgreicher Therapie leichter in den Arbeitsprozess integrierbar sein als Heroinabhängige. Die österreichische Gesundheitspolitik ist hier in einer Schieflage, während man einen Feldzug gegen den Tabakkonsum bis hinein in den letzten Winkel macht, totales Rauchverbot in der Gastronomie, werben maßgebliche Kreise für eine Legalisierung und Entkriminalisierung von beispielsweise Cannabis.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 6/2016

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