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© TÜV Rheinland AG/picture alliance
Ältere Mitarbeiter bringen immer noch ihre Leistung, selbst bei reduzierten Arbeitszeiten.
 
Gesundheitspolitik 7. Dezember 2015

Strategie 2020: Ist da jemand?

60 Prozent soll die Beschäftigungsquote älterer Mitarbeiter betragen. Deren Social Skills sind gefragt.

Wir alle werden künftig länger arbeiten müssen, wenn das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem für alle aufrechterhalten werden soll. Die geforderte Leistungsfähigkeit setzt physische und psychische Gesundheit voraus. Ein Job für die Arbeitsmedizin.

Ältere Arbeitnehmer „bedürfen eines besonderen Arbeitsumfeldes, um eine für sich selbst, aber auch für ihre Arbeitgeber befriedigende Arbeitsleistung erbringen zu können“, schreibt Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer und Herausgeber des soeben erschienenen Buches „Gesund länger arbeiten – Die Bedeutung der Arbeitsmedizin für die Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit“ in seinem Vorwort. Und weiter: „Mit altersangepassten Leistungsanforderungen können gerade ältere Arbeitnehmer wertgeschätzt das soziale Umfeld erfahren, das für die Gesunderhaltung notwendig und für den Verbleib im Arbeitsprozess motivierend ist.“

Dass es immer wichtiger wird, Menschen möglichst lange aktiv im Arbeitsleben zu halten, ist schon beinahe eine Plattitüde. Die Bevölkerungszahl schrumpft, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Die „Babyboomer“ stehen an der Schwelle zum Pensionsalter. Der allseits prognostizierte Arbeitskräftemangel schickt Vorboten aus – Warnsignale, die bislang von der Politik ungehört blieben.

Der politische Gestaltungswille ist enden wollend

An einer Erhöhung der Lebensarbeitszeit als Voraussetzung einer nachhaltigen Absicherung des von uns allen geschätzten solidarischen Pensionssystems führt kein Weg vorbei. Aus diesem Grund hat die Europäische Kommission schon vor einiger Zeit eine „Strategie Europa 2020“ vorgelegt. Diese sieht vor, die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen bis zum Jahr 2020 auf 60 Prozent zu heben. Die Bemühungen der Mitgliedsstaaten, diese Strategie auch mit konkreten politischen Maßnahmen umzusetzen, sind angesichts fehlender wahlpolitischer Erfolgsaussichten enden wollend. Das gilt auch für Österreich. Mit einem aktuellen Stand von 46 Prozent ist man von dem ausgegebenen Ziel noch weit entfernt.

Es gibt zwar schon einzelne, zum Teil auch erfolgreiche Projekte zur Förderung älterer Arbeitnehmer. Damit diese aber auch die notwendige volkswirtschaftliche Wirkung erzielen können, müssten sie flächendeckend umgesetzt werden. Wechselberger sieht nun „Wirtschaft und Politik gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen und die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen“.

Entscheidend für den Erfolg dieser europaweiten Strategie wird sein, ob altersgerechter Arbeitsplätze entstehen oder nicht. Die „Leistungsmöglichkeiten der Arbeitnehmer verändern sich im Altersverlauf“, erläutert der Arbeitsmediziner Dr. Karl Hochgatterer, Referent für Arbeitsmedizin in der Kammer. Das sei weder ein eindimensionaler Prozess in Richtung stetig nachlassender Produktivität noch eine „schicksalhafte Entwicklung. Man kann durchaus aktiv eingreifen und die Bedingungen so anpassen, dass sie die jeweiligen Qualifikationen stärken und auf die Beeinträchtigungen entsprechend Rücksicht nehmen“.

Hochgatterer berichtet über ein Projekt aus Deutschland, wo eine solche Anpassung gelungen ist: Die Nürnberger Verkehrsbetriebe hatten im Rahmen eines arbeitsmedizinischen Forschungsprojektes die Arbeitszeiten für ältere Arbeitnehmer bei gleichbleibendem Lohn reduziert. Dem Unternehmen sind dadurch aber nicht, wie man vermuten könnte, Zusatzkosten entstanden, sondern es hat letztendlich finanziell sogar profitiert, weil die Krankenstände durch diese Maßnahme massiv zurückgegangenen sind.

Langfristig werden die Betriebe also nicht umhin kommen, die Arbeitsbedingungen so flexibel zu gestalten, dass sie mit den sich ändernden Potenzialen und Bedürfnissen einer alternden Belegschaft mitwachsen. Dazu könnten gerade moderne Arbeitsmediziner einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie „aktiv dem Vorurteil der geringeren Leistungsfähigkeit älterer Menschen begegnen“. Bei Älteren seien gerade jene geistigen Fähigkeiten und Social Skills meist stärker ausgeprägt, die die heutige Arbeitswelt erfordere, zum Beispiel Geduld, Teamfähigkeit oder überlegtes Entscheiden. Es sei wichtig, so Hochgatterer, Arbeitnehmern wie Arbeitgebern ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Arbeit an sich ein gesundheitsförderlicher Faktor ist.

Wenn es um das Thema Beschäftigung älterer Mitarbeiter geht, ergänzt Wechselberger, „sind die Arbeitsmediziner die besten Ansprechpartner. Denn ihre ganzheitliche Expertise, beginnend beim Wissen über Sicherheit, den Schutz vor schädigenden Einflüssen, über Unfallverhütung, ergonomische Parameter und besonders über die psychosozialen Belastungsfaktoren bis hin zur Anwendung entsprechender Motivationsstrategien, ist unerlässlich.“

Interdisziplinäre Ausbildung

Seit 1972 gibt es gesetzliche Regelungen für eine verpflichtende arbeitsmedizinische Betreuung. Ursprünglich galt das nur für Großbetriebe mit mehr als 750 Mitarbeitern, seit dem Jahr 2000 sind alle Unternehmen verpflichtet, einen Arbeitsmediziner zu bestellen. 1.900 Ärzte sind als Arbeitsmediziner tätig, der Großteil von ihnen auf nebenberuflicher Basis, immerhin 300 bis 500 hauptberuflich. So genau weiß das nicht einmal der Kammer-Referent.

Die meisten von ihnen haben eine postgraduale Zusatzausbildung an der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP) absolviert. Sie umfasst neben medizinischen Kompetenzen auch Arbeitspsychologie, Recht, Management sowie Technik, erklärt AAMP-Geschäftsführer Dr. Stefan Koth. Seit 2014 führe die AAMP den Lehrgang in Kooperation mit der Medizinuniversität Graz als Universitätslehrgang durch.

Eine Qualitätsverbesserung ist auch notwendig. Denn rechtliche Vorgaben sind die eine Seite, der praktische unternehmerische Alltag aber eine andere. Was muss der Arbeitsmediziner also mitbringen, um im Spannungsverhältnis zwischen Rechtsvorgaben und betriebswirtschaftlichen Zwängen, zwischen langfristiger Gesundheitsförderung und dreimonatigen Quartalsergebnissen nicht aufgerieben zu werden, fragen wir Arbeitsmediziner Hochgatterer: „Wir wollen uns nicht nur im gesetzlich eng gestellten Rahmen bewegen“, antwortet dieser, „unser Erfolg hängt letztlich ausschließlich von unserem Wissen, unserer Erfahrung und den wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Damit können wir ein Unternehmen in die gewünschte Richtung bewegen.“ Dazu sei es eben erforderlich, sich eine starke Position zu erarbeiten. „Dort wo sich Arbeitsmediziner in die Unternehmenshierarchie einfügen und sich behaupten, können sie sehr viel bewegen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung“, sagt Hochgatterer. Das Management müsse jedenfalls das Gefühl haben, dass es unternehmerisch ein Fehler wäre, auf diese Fachkompetenz zu verzichten.

Das althergebrachte „Arztkammerl“ in der Firma sei zwar immer noch notwendig, der moderne Arbeitsmediziner würde „aber schwer versagen, wenn er sich in diesem Kammerl verschanzt“. Er müsse vielmehr hinausgehen in den Betrieb, Belastungen an den einzelnen Arbeitsplätzen erheben, Strategien und Gegenmaßnahmen entwickeln und diese im Diskurs mit dem Management auch durchsetzen. „Das geht nicht vom Kammerl aus.“

Um zukünftig mehr solcher kompetenter und selbstbewusster Arbeitsmediziner einsetzen zu können, fordert Wechselberger einen eigenen Lehrstuhl sowie ein Pflichtfach Arbeitsmedizin an allen Medizinuniversitäten. Außerdem verlangt der ÖÄK-Präsident eine Ausweitung der Einsatzzeiten von Arbeitsmedizinern speziell für die Betreuung von Mitarbeitern 50 plus sowie die Umsetzung des Teilkrankenstandes. „Es kann ja nicht sein, das man nicht arbeiten darf, wenn man zum Beispiel zu 50 Prozent wieder einsatzbereit wäre und etwa nach einer längeren Abstinenz langsam wieder hineingleiten könnte.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 50/2015

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