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In einer Studie hatten 22 Prozent der österreichischen Patienten Probleme zu verstehen, was der Arzt sagt. Erfahrungen zeigen aber, dass verstandene Inhalte, die Kooperationsbereitschaft des Patienten im Behandlungsprozess erhöhen.
©  Waltraud Grubitzsch/dpa

Hausbesuch bei einem über 90-Jährigen. Eine gute Gesprächsqualität kann die heimische Krankenversorgung nachhaltig steigern.

 
Gesundheitspolitik 2. November 2015

Sprechen Sie arztisch?

Beim Patientengespräch benötigen Ärzte nicht nur Fachwissen, sondern auch die Kompetenz, dieses verständlich zu kommunizieren. Experten fordern, diese Fertigkeiten zu fördern, aber auch als Leistung anzuerkennen.

Die Qualität der Kommunikation in der Krankenversorgung ist hierzulande mangelhaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie über das Arzt-Patienten-Gespräch und zeigt auf, dass Österreich dem EU-Durchschnitt hinterherhinkt. Konkret bedeutet das, dass die Informationen des Arztes vom Patienten häufig nicht verstanden werden, was letztlich den Behandlungserfolg abträglich ist. Die Studienautoren haben die Schwächen der Gesprächskultur identifiziert und Empfehlungen ausgearbeitet.

Der Sprachwissenschaftler Dr. Peter Nowak von der Abteilung Gesundheit und Gesellschaft in der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) setzt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Bedeutung der Arzt-Patienten-Kommunikation auseinander. Diese beruhe im Wesentlichen auf zwei Säulen: Einerseits werde das Arzt-Patienten-Gespräch von den Patienten als prägendes Element in der Krankenversorgung wahrgenommen. „Zu 90 Prozent wird Krankenversorgung durch Zuhören und Gespräche realisiert, die Gesamtzufriedenheit von Patienten ist in hohem Maße von der Zufriedenheit mit der Kommunikation abhängig“, sagt Nowak. Anderseits sei es der entscheidende Faktor für die Gesundung der Patienten, für die Bildung ihrer Erwartungen und die Produktion von Entscheidungen über den Patientenstatus und die eingesetzten Ressourcen.

Um dieses zentrale Gespräch nachhaltig zu verbessern, so die Diagnose Nowaks, müsse es vor allem gelingen, die Kommunikationskompetenz der Angehörigen der Gesundheitsberufe zu fördern und weiterzuentwickeln. Grundlage für entsprechende Maßnahmen soll die Arbeit „Verbesserung der Gesprächsqualität in der Krankenversorgung“ liefern, mit deren Erstellung die GÖG vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger beauftragt wurde. Ihre Aufgabe war es, den Status quo zu erheben, nach internationalen Best-Practice-Beispielen und bewährten Praxismodellen zu fahnden, aktuelle heimische Entwicklungsinitiativen zu identifizieren und mögliche Handlungsfelder für eine langfristige Weiterentwicklung der Gesprächsqualität in der Krankenversorgung zu definieren. Nowak ist neben Dr. Marlene Sator (ebenfalls GÖG) und Prof. Mag. Dr. Florian Menz, Vorstand des Instituts für Sprachwissenschaft, Co-Autor dieses Berichts. Im Rahmen der ersten Konferenz der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖPGK; siehe auch Kasten) wurden seine wesentlichen Ergebnisse vorgestellt.

Medizin ist Kommunikation

Professionelle Versorgung sei in erster Linie eine „kommunikative Aufgabe“, analysiert Nowak, „und eine Aufgabe der Gesundheitsbildung und Anleitung. Das erfordere allerdings ein neues Arzt-Patienten-Beziehungsmodell: Profis als Unterstützer und Patienten als diejenigen, die zur Stärkung ihrer Gesundheit motiviert und befähigt werden sollen.“

Die traditionellen Bilder einer paternalistischen und krankheitsorientierten Medizin würden zwar vielfach kritisiert und als überholt bezeichnet werden, in der Realität „prägen sie aber nach wie vor an vielen Stellen des Gesundheitswesens die Vorstellungen von Patienten und Ärzten, von Organisationsabläufen und Entscheidungsprozessen auf der gesundheitspolitischen Ebene“, heißt es in dem Bericht.

Dem stellen die Studienautoren ein neues Verständnis der Patientenrolle zugrunde, das „die zentrale Funktion des Menschen als Koproduzent der eigenen Behandlung und Gesundheit anerkennt, der über weite Strecken die medizinischen Handlungen selbstbestimmt durchführt und nicht Konsument medizinischer Dienstleistungen ist.“ In diesem Sinn müssten auch die medizinischen Gesprächsprozesse neu ausgerichtet werden – und zwar nach den Prinzipien Patientenorientierung, Patientenselbstbestimmung und evidenzbasiertes Handeln. Das wiederum setzt eine „Verbesserung der Zusammenarbeit der Gesundheitsprofis im Sinne einer gut funktionierenden multiprofessionellen Versorgung“ inklusive einer gut strukturierten interprofessionellen Kommunikation voraus.

Zwischen Theorie und Praxis

Soweit die Theorie – zwischen ihr und der gelebten Praxis in diesem Land liegen derzeit aber noch Welten, wie die Status-quo-Erhebung über die Gesprächsqualität ergab. Die Studienautoren sprechen in diesem Zusammenhang gar von einer „Baustelle im österreichischen Gesundheitssystem“. Als Quellen für die Analyse dienten ihnen Patientenbefragungen, sprachwissenschaftliche Analysen sowie Experteninterviews.

„Europaweite Befragungen von Patienten zu ihrer Einschätzung der Arzt-Patienten-Kommunikation zeigen uns, dass deren Qualität in Österreich dem EU-Durchschnitt hinterherhinkt“, resümiert Nowak. Die Experteninterviews hätten diesen Befund bestätigt. Zudem orteten die Experten eine „große Heterogenität in der Gesprächsqualität“.

Der niedergelassene Bereich wird etwa deutlich besser bewertet als der stationäre, der privat- und wahlärztliche Bereich besser als der kassenärztliche. Die Qualität der Gespräche zwischen Pflege und Patienten wird besser eingeschätzt als jene der Arzt-Patienten-Kommunikation. Vulnerable Gruppen wie Migranten, Menschen mit niedriger Schulbildung, chronisch Kranke und alte sowie multimorbide Menschen sind von ungenügender Gesprächsqualität besonders betroffen.

Die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten sei leider „oft nicht so, dass Patienten mit den Informationen auch etwas anfangen können“, räumte auch Dr. Sabine Oberhauser ein. Österreich sei hier in den internationalen Rankings „nicht besonders gut“. Die Gesundheitsministerin bezog sich dabei wohl auch auf die Ergebnisse der „Health Literacy-EU-Studie“ aus dem Jahr 2012. 32 Prozent der befragten österreichischen Patienten gaben an, aufgrund der Informationen, die sie von ihrem Arzt bekommen, Schwierigkeiten zu haben, Entscheidungen bezüglich ihrer Krankheit treffen zu können. Im europäischen Schnitt waren es hingegen nur 23 Prozent. 22 Prozent der österreichischen Patienten hatten schlicht und einfach „Probleme zu verstehen, was der Arzt sagt“. Auch hier schnitt der Rest Europas mit 15 Prozent deutlich besser ab. Nowak spricht in diesem Zusammenhang von einer „Theorie-Praxis-Kluft“. So hätten kommunikative Kompetenzen inzwischen zwar Eingang in die medizinische Ausbildung gefunden, im Klinikalltag scheinen sie bisher aber „noch kaum angekommen zu sein“.

Um diese für alle unbefriedigende Situation nachhaltig zu verbessern, heißt es im Bericht, dürfe „das Arzt-Patienten-Gespräch nicht mehr als weglassbares ‚Nice-to-Have‘ verstanden werden, sondern als Werkzeug, Intervention und auch als Führungsaufgabe und -verantwortung.“ Es müsse also schlicht zu einer zentralen diagnostischen und therapeutischen Leistung werden.

Schließlich wirke sich diese Leistung, wenn sie gut gemacht wird, gleich in mehrere Richtungen positiv aus, erläutert Sprachwissenschaftlerin und Co-Autorin Dr. Marlene Sator: „Sie verbessert den Gesundheitszustand der Patienten ebenso nachweislich wie deren Gesundheitsverhalten, indem sie zu erhöhter Kooperationsbereitschaft und Patientenbeteiligung führt.“ Internationale Studien hätten zudem sowohl eine höhere Patientenzufriedenheit wie auch -sicherheit nachgewiesen, was wiederum zu einer Verringerung von Klagen aufgrund von Behandlungsfehlern führt.

Eine Studie aus Kanada erbrachte etwa den Nachweis, dass nicht weniger als 82 Prozent aller Klagen unmittelbar auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen seien. Auf der anderen Seite trage eine verbesserte Gesprächsqualität auch zur verbesserten Gesundheit und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen bei und damit natürlich auch zu deren Motivation. Aus all den genannten Faktoren lässt sich schlussendlich ableiten, dass gute Kommunikation auch dabei hilft, die gesundheitsökonomischen Belastungen zu reduzieren.

Empfehlungen

Die gewonnenen Erkenntnisse verarbeiteten die Autoren im letzten Kapitel ihrer Arbeit in eine ganze Reihe von Empfehlungen, wie die Gesprächsqualität in der heimischen Krankenversorgung nachhaltig gesteigert werden könnte.

Im Bereich „Gesundheitspolitik“ wird unter anderem das Setzen von „Anreizen in Richtung einer Unterstützung qualitätsvoller Gespräche“ vorgeschlagen. Es müsse hier zu einer „Umverteilung von Mitteln zugunsten der sprechenden Medizin“ kommen, schreiben die Autoren. Im Rahmen der neu zu definierenden Honorierungssysteme sollten jedoch nicht nur die eingesetzte Gesprächszeit oder die Anzahl der Gespräche als quantitatives Maß dienen, sondern auch „operationalisierbare Qualitätskriterien und spezifische Gesprächsformen“ entwickelt und als Grundlage erprobt werden. Angeregt wird auch das Ausschreiben eines Kommunikationspreises für beispielgebende Projekte.

Im Bereich „Gesundheitsdienste, Medien und Selbsthilfe“ reichen die Vorschläge von der Entwicklung differenzierter Gesprächstypen bis zur Neugestaltung von Personalbedarfsplänen, die Kommunikationszeiten adäquat berücksichtigen. Differenzierte Gesprächstypen sollen Ärzten ein „ökonomisches und gleichzeitig patientenorientiertes Zeitmanagement“ erleichtern.

Schließlich würden nicht alle Patientenanliegen ein ausführliches Arztgespräch erfordern. Manche Informationen könnten ebenso gut von anderen Gesundheitsberufen erhoben und gegeben werden. Personalbedarfsplanung und Job Descriptions wiederum stellen wesentliche Rahmenbedingungen für die kommunikativen Aufgaben unterschiedlicher Berufsgruppen in größeren Gesundheitseinrichtungen dar und sollten daher „in Hinblick auf den tatsächlichen Informationsbedarf“ ausgerichtet werden. Hier sollte insbesondere der Aufwand für administrative Tätigkeiten überprüft und so weit wie möglich reduziert bzw. automatisiert werden.

Zusätzlich wird eine Initiative zur Entwicklung einer (Kommunikations-)Kultur für die Option angeregt, keine medizinische Intervention zu setzen, wenn „Nichtstun die bessere Wahl ist“.

Begleitende Ausbildung

Im Bereich „Aus-, Weiter-, Fortbildung, Wissenschaft, Wirtschaft“ müssten kommunikative Kompetenzen als „genuiner Bestandteil des Arztberufs“ einen zentralen Stellenwert erhalten. Um die erwähnte „Theorie-Praxis-Kluft“ zwischen Ausbildung und klinischer Praxis zu überwinden, schlagen die Experten unter anderem begleitende Kommunikationsausbildungen während der praktischen Ausbildung sowie eine verpflichtende Fortbildung zur Gesprächsqualität für leitende Ärzte in ausbildenden Krankenhäusern und Ordinationen vor.

Auf der Basis dieser Empfehlungen soll jetzt in einem nächsten Schritt bis Ende des ersten Quartals 2016 ein zwischen den Zielsteuerungspartnern akkordiertes, kompaktes Strategiepapier abgeleitet werden, das dann auch in weiterer Folge als Grundlage für einen „breiten Stakeholder-Prozess“ dienen kann, der die Umsetzung entsprechender Maßnahmen partizipativ entwickelt.

Österreichische Plattform für Gesundheitskompetenz

„Die Daten zeigen uns, dass es um die Gesundheitskompetenz der österreichischen Bevölkerung nicht besonders gut bestellt ist. Das Problem dahinter ist, dass mangelnde Gesundheitskompetenz negative Folgen hat. Mangelnde Gesundheitskompetenz steht unter anderem in Zusammenhang mit geringerer Teilnahme an Präventionsmaßnahmen, schlechterem Gesundheitsverhalten, schlechterem Management chronischer Erkrankungen, mehr stationären Aufnahmen und mehr krankheitsbedingten Krankenständen“, sagte Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionschefin im Gesundheitsministerium und Vorsitzende des Kernteams der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK), bei der Präsentation der Plattform. Sie soll laut Eigendefinition – und ganz im Sinne des 3. Rahmengesundheitszieles – in Zukunft „als Motor die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung“ vorantreiben.

Dabei stehen nicht nur individuelle Kompetenzen der Patienten und Gesundheitsdienstleister im Fokus, sondern auch die Rahmenbedingungen dafür in den entsprechenden Systemen und Organisationen. Das gesamte Gesundheitssystem soll damit – so der Anspruch der Finanziers – unter Einbeziehung der Beteiligten und Betroffenen gesundheitskompetenter gemacht werden. Darüber hinaus soll auch der gesamte Produktions- und Dienstleistungsbereich erfasst werden, etwa bezüglich überarbeiteter Produktwerbungsregelungen, Konsumenteninformationen oder gesetzlicher Kennzeichnungspflichten.

Die Projektlaufzeit der Plattform wurde vorerst bis 2032 festgelegt. Die Koordinationsstelle im Fonds Gesundes Österreich ist Servicestelle, Drehscheibe und Wissenszentrum der ÖPGK. Über die Aktivitäten, Projekte und gesetzten Maßnahmen soll jährlich ein Bericht veröffentlicht werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 45/2015

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