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© Ulrich Baumgarten / picture alliance
 
Gesundheitspolitik 26. Oktober 2015

Des Geldes wegen aufs Land

Bayern will Jungmediziner für Hausarzt-Kassenstellen in der Peripherie begeistern.

Wie mache ich Jungärzten eine Landarztpraxis schmackhaft? Eine Frage, an der sich nicht nur in Österreich, sondern quer durch Europa die Gesundheitspolitiker die Zähne ausbeißen. Die dramatische Überalterung der klassischen Hausärzte-Einzelkämpfer verschärft die Situation. Dazu kommt eine allgemeine Medizinerverknappung, die zu internen Konkurrenz- und Verteilungskämpfen zwischen Sektoren, Bezirken und Regionen, ja selbst zwischen Ländern und Staaten führt. Das Gezerre um die besten Köpfe hat begonnen.

Weil also in vielen Landstrichen Europas die zunehmend heikle medizinische Versorgungssituation Tatsache ist, zeigen sich an vielen Ecken und Enden der unterschiedlichen europäischen Gesundheitssysteme Bemühungen und Versuche, um doch noch rechtzeitig abzuwenden, was Pessimisten schon mit rotem Stift an die Wand malen: den Zusammenbruch des traditionellen Systems.

Allein in Österreich gibt es bekanntermaßen gleich mehrere unterschiedliche „Lösungs“-Ansätze: Die zentrale Gesundheitspolitik versucht es mittels Systemänderung bzw. der Etablierung neuer, für Jungärzte attraktiverer Versorgungsformen, Stichwort PHC. Das setzt aber eine Kultur- und Verhaltensänderung der Ärzte voraus. Der Ausgang der Bemühungen ist daher derzeit völlig offen. Die Ärztekammer forciert lieber finanzielle Zusatzanreize, etwa in Form einer Ausweitung der Hausapotheken-Regelungen für alle niedergelassenen Allgemeinmediziner. Und manche Bürgermeister von Gemeinden, die schon jetzt keine Interessenten für verwaiste Kassenstellen im Ort mehr finden, locken bereits mit attraktiven Immobilien- oder Investitionszuckerln.

Unterschiedliche „Lösungs“-Ansätze

Andere Länder wiederum gehen ganz andere Wege. Die einen, wie etwa Dänemark, versuchen auftretende Defizite durch den verstärkten Einsatz von Telemedizin zu kompensieren, anderswo werden neue Berufsbilder entwickelt oder zumindest die Aufgaben innerhalb der bestehenden Berufsbilder neu geordnet, um zukünftig mit weniger Ärzten das Auslangen zu finden.

Der Freistaat Bayern hingegen, in manchen Gegebenheiten und Voraussetzungen durchaus mit Österreich vergleichbar, versucht es seit einigen Jahren mit einem landesweiten Förderprogramm. Die ersten Ergebnisse dieser Bemühungen wurden nun am Europäischen Gesundheitskongress in München vorgestellt und diskutiert. Ausgangsbasis für das Förderprogramm war eine Studie, wonach Ortschaften unter 5.000 Einwohnern für nahezu die Hälfte aller Medizinstudenten eine so bezeichnete „No-go-Area“ darstellen, wie es Gabriele Hörl, Ministerialdirigentin im Bayrischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, formulierte. Als wesentliche Abschreckungsfaktoren für eine Niederlassung in den ländlichen Regionen Bayerns wurden ein übermäßig hohes Investitionsrisiko, überbordende Bürokratie sowie Wirtschaftlichkeitsprüfungen/Regresse identifiziert (aus dem Berufsmonitoring für Medizinstudenten 2014).

Die Verantwortlichen im Bayrischen Staatsministerium kamen daher zum Schluss, dass es „eines Bündels aus Maßnahmen“ bedarf, um die Situation nachhaltig zu verbessern, beginnend bei der Ausgestaltung des Medizinstudiums über die Weiterbildung der fertigen Mediziner bis hin zur finanziellen Unterstützung bei der Niederlassung. Am wichtigsten bei all dem sei es aber, erläuterte Hörl, „an der Einstellung der zukünftigen Ärzte bzw. Niederlassungswilligen anzusetzen“. Auf dieser Erkenntnis baue letztendlich das „Förderprogramm zum Erhalt und zur Verbesserung der medizinischen Versorgung“ auch auf.

Das Programm setzt an drei Punkten an: einer konkreten Niederlassungsförderung, einem Stipendienprogramm sowie einer Förderung innovativer medizinischer Versorgungskonzepte.

Aus dem Bayrischen Haushalt werden dafür zwischen 2012 und 2016 insgesamt 27,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Niederlassungsförderung

Die Niederlassungsförderung soll Ärzte und Psychotherapeuten bei der Entscheidung unterstützen, sich im ländlichen Raum niederzulassen und ihnen die Praxisgründung oder -übernahme erleichtern. In einer ersten Phase war diese Förderung exklusiv auf Allgemeinmediziner beschränkt, weil in diesem Bereich der dringlichste Bedarf bestand.

Ende 2014 erfolgte eine Ausdehnung auf weitere „familiennahe Facharztgruppen“, konkret auf Kinder- und Frauenärzte, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychotherapeuten mit Kassenvertrag.

Ab sofort können nun auch alle übrigen Fachärzte um eine solche Niederlassungsförderung ansuchen. Ärzte werden dabei mit 60.000, Psychotherapeuten mit 20.000 Euro gefördert. Voraussetzung ist allerdings die Verpflichtung, die geförderte Praxis mindestens für fünf Jahre an dem gewählten Ort zu betreiben. Dieser Ort darf zudem nicht in einem „überversorgten Planungsbereich“ liegen.172 der 324 inzwischen vorliegenden Anträge wurden bereits bewilligt bzw. ausbezahlt, davon 157 an Hausärzte. Das Förderprogramm sei derzeit zwar noch nicht evaluiert, berichtete Hörl abschließend, dennoch sei es unbestreitbar, dass es von den Ärzten sehr gut angenommen wird. „Wir haben damit schon viele Mediziner in den ländlichen Raum bekommen. Wir wollen daher das Programm fortsetzen und hoffen, entsprechende finanzielle Mittel auch über 2016 hinaus von der Regierung zur Verfügung gestellt zu bekommen.“

Stipendienprogramm

Das Stipendienprogramm können Medizinstudierende in Anspruch nehmen, die sich verpflichten, nach dem Studienabschluss als Arzt im ländlichen Raum tätig zu werden. Es ist mit 300 Euro pro Monat dotiert und wird maximal vier Jahre lang ausbezahlt. Aktuell finanziert Bayern 81 Stipendiaten. Es werde aber bereits intensiv über eine „gewisse Aufstockung des Betrags“ nachgedacht, um die Attraktivität des Programms noch zu steigern, versicherte Hörl.

Schließlich sollen damit Jungmediziner motiviert werden, den „ländlichen Raum kennenzulernen oder ihn für sich wiederzuerleben“, wie es im „Begleittext“ zum Förderprogramm beschrieben wird.

Langfristige Sicherheiten statt kurzfristige Förderungen

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, das Pendant zur Österreichischen Ärztekammer, sei zwar nicht gegen das Förderprogramm, versicherte die Stellvertretende Vorsitzende Dr. Ilka Enger, zum jetzigen Zeitpunkt könne aber noch nicht beurteilt werden, ob es sich dabei um den sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein handle.

„Das Förderprogramm ist sicherlich ein guter Anreiz, ob es aber auch über fünf Jahre hinaus tragfähig ist, kann man heute noch nicht sagen“, zwischenbilanzierte Enger: „Lieber wäre es mir, würde der Staat den Ärzten langfristige Sicherheiten geben statt kurzfristiger Förderungen.“ Die verständliche Angst vieler junger Kollegen vor hohen Investitionsrisiken wäre nämlich „besser zu überwinden, wenn ich weiß, dass ich auch nach fünf Jahren meine Praxis noch wirtschaftlich führen und meine Familie ernähren kann“.

Eine Frage der Vergütung

Enger initiierte mit ihrer Einschätzung der IST-Situation eine durchaus hitzige Expertendiskussion am Europäischen Gesundheitskongress, wie wir gelernte Österreicher sie nur allzu wohlbekannt in den Ohren haben.

Es ließen sich am Ende nur zwei Ansatzpunkte finden, um die Problematik nachhaltig in den Griff zu bekommen, führte etwa ein Bayrischer Landesrat aus dem Publikum durchaus überspitzt aus. Die einzigen beiden triftigen Gründe, warum Jungmediziner aufs Land ziehen würden, wären schließlich die Liebe – oder das Geld. „Da soll man sich nichts vormachen.“

Und da nun einmal Ersteres staatlich nur schwer zu regeln wäre, bleibe wohl nur die Attraktivierung mittels entsprechender Vergütung übrig, so der Landesrat: „Ich bin selbst in einer ländlichen Praxis aufgewachsen, eine Praxis mit damals bis zu 3.500 Krankenscheinen im Monat. Das bedeutete extrem viel Arbeit, und zwar rund um die Uhr, aber es war zumindest finanziell hoch attraktiv.“

Das aktuelle Förderproramm sei für Bayern richtig und wichtig, bei Weitem aber nicht ausreichend, um die Problematik in den abgelegenen, bayrischen Gebieten nachhaltig in den Griff zu bekommen, ist der Politiker überzeugt.

„So lang die regulären Vergütungssysteme für Landärzte nicht signifikant geändert werden, so lang wird sich die Situation auch nicht verbessern. Erst wenn es einmal so ist, dass man auch – und gerade – in unattraktiven Regionen wieder gut verdient, dann wird sich das Problem ganz von alleine lösen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 44/2015

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