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© Ryan McVay / Getty Images / Thinkstock
 
Gesundheitspolitik 19. Oktober 2015

Ihre Exzellenz, die Forscherin

AcademiaNet will Schluss machen mit dem Männerüberhang in wissenschaftlichen Führungspositionen.

Online-Netzwerke sind eine gute Sache. Frau lernt andere Expertinnen kennen, die im selben Forschungsbereich tätig sind und kann sie kontaktieren. Denn: Um an wirklich relevante Informationen heranzukommen, die man eben nicht im Inter- oder Intranet nachlesen kann, ist der persönliche Kontakt auch in Zeiten der elektronischen Kommunikation nicht zu ersetzen.

Veterinärmedizinische Universität Wien: 85 Prozent der Studierenden sind Frauen. Das Reservoir für künftige Professorinnen ist gewaltig. Doch, es ist ein alter Hut, je höher man die Uni-Hierarchien hinaufsteigt desto geringer fällt der Frauenanteil aus. Karin Gutiérrez-Lobos ist dennoch überzeugt: „Es gibt genug geeignete Frauen.“ In der Tat: Aktuell sind 48 Frauen in der Österreichischen Universitätskonferenz vertreten. Immerhin acht von 21 Rektoren sind Frauen. „Ohne die geltende Quotenregelung würden wir heute nicht bei dieser Zahl stehen. Die hat dazu geführt, dass sich Frauen in den Uni-Räten und in den Senaten behaupten“, sagt die Vizerektorin der MedUni Wien.

Leaky pipeline

„Auf jeder Hierarchiestufe verlieren wir Frauen“. Die Folge: Frauen stellen in Österreich nur 30 Prozent der Förderanträge beim Wissenschaftsfonds. Die Genderforscherin spricht von der sogenannten „leaky pipeline“. Diese werde man mit Mentoring nicht in den Griff bekommen. Dazu brauche es organisationsrechtliche und strukturelle Veränderungen. Immerhin, hier ist die ranghohe Wissenschaftlerin nicht allein auf weitem Feld. Frauenquoten im Hochschulbereich seien als Mittel zur Veränderung „nicht das Eleganteste, aber das Effektivste“, erklärte etwa Hochschul-Sektionschef Elmar Pichl vom Wissenschaftsministerium vor Kurzem. Gutiérrez-Lobos (siehe auch Interview auf dieser Seite) ist seit einigen Jahren Mitglied beim Academia-Net (www.academia-net.de/news/). Anlass zur Gründung: Nur 20 Prozent der höchstdotierten Professuren sind EU-weit weiblich besetzt, so auch in Österreich, in Deutschland ist der Anteil noch geringer (15 Prozent).

AcademiaNet, eine Erfindung der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit Spektrum der Wissenschaft, soll die höheren wissenschaftlichen Ränge mit qualifizierten Frauen füllen. Das Rückgrat dieses Netzwerks bildet eine Datenbank, in der die Profile von Wissenschaftlerinnen aus allen Fachrichtungen hinterlegt sind, seit 2012 auch auf Englisch.

Eine Selbstnominierung ist nicht möglich. Wer exzellente Arbeit leistet und dazu eingeladen wird, seinen Namen für AcademiaNet herzugeben, entscheidet ein Lenkungsausschuss. Ein wichtiger Punkt für Gutiérrez-Lobos, die das Wort „Frauenförderung“ nicht mag. „Das hört sich nach Defizit an. Es geht ja nicht nur um Exzellenz in der Forschung, sondern auch darum, wer definiert, was Exzellenz ist.“

Nicht exzellent war eine Bemerkung des britischen Biochemikers und Nobelpreisträgers des Jahres 2001, Richard Timothy Hunt. Dieser hatte über das Zusammenspiel von Männern und Frauen im wissenschaftlichen Alltag gemeint: „Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen.“

Mehr hat Herr Hunt nicht gebraucht. Die Wortspende verbreitete sich über Twitter.

Ziemlich scheinheilig

Den Job als Honorarprofessor an der Fakultät für Biowissenschaften des University College London musste er zurücklegen. Anlassige oder gar chauvinistische Bemerkungen wie jene von Hunt sind freilich nicht das ganz große Problem. Forscherinnen weltweit reagierten im vergangenen Juni mit Häme. Unter dem Hashtag #DistractinglySexy zeigten sie sich in unförmigen Laborkitteln und warnten sie ironisch vor ihrem erotischen Ablenkungspotenzial.

„Diesen weltweiten Spott, aber auch die zu Recht empörten Reaktionen im Netz hat Hunt wirklich verdient. Aber wie sich die wissenschaftlichen Institutionen verhalten, hat aus meiner Sicht etwas ziemlich Scheinheiliges.“ Das sagt Ingrid Wünning Tschol, Initiatorin des Frauennetzwerks AcademiaNet, in einem Zeit-Interview. Erklärung: Die Benachteiligung von Frauen sei weit verbreitet. Sie sei nur heute, politisch ganz korrekt, weniger sichtbar. „Und wehe, jemand steht zu seinen Vorurteilen öffentlich: Dann wird er prompt gesteinigt. Mir scheint, Tim Hunt wird hier als willkommener Sündenbock in die Wüste geschickt, am generellen Missstand ändert sich nur langsam etwas.“

Bei AcademiaNet geht es um Posten, um Führungspositionen, um Forschungsaufträge für Frauen. Gutiérrez-Lobos: „Wir bewegen nur Stühle, aber das Mobiliar bleibt das Gleiche.“

Martin Burger, Ärzte Woche 43/2015

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