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Prof. Dr. Thomas Dorner Zentrum für Public Health, MedUni Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Martina Gredler Zahnärztin in Wien 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Judith Gruber VS Prandaugasse, Wien 22

 
Gesundheitspolitik 5. Oktober 2015

Der eigene Körper – eine Wiederentdeckung

Viele Wiener leben ungesund, sind Bewegungsmuffel oder haben schlechte Zähne. Die Gewinner der Wiener Gesundheitspreise tun etwas dagegen. Ausgezeichnet wurden die Senioren-Buddys, die Zahnfeen und die Sportfreunde aus der Prandaugasse.

Bei der zu Recht gepriesenen hohen Qualität des österreichischen Gesundheitssystems verwundert es schon, wenn viele Volksschulkinder die Hose nicht mehr über ihren Brauch ziehen können und ihnen beim Zirkeltraining die Luft ausgeht.

Kritiker wie der Erfinder der täglichen Turnstunde, Volleyball-Experte Peter Kleinmann, sehen einen Zusammenhang mit dem Stellenwert des Sports in der Politik. „Wien als Sportstadt ist ein Widerspruch.“ Dazu passt, dass Sport und Bewegung in heimischen Wahlkämpfen nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Dennoch freuen sich die Parteien über gute Ideen. Ehrenamtliche, die vorzeigen, wie man Wiener Kinder zu gesunder Bewegung motivieren kann, werden mit dem Wiener Gesundheitspreis ausgezeichnet.

Der wird in drei Kategorien vergeben: „Gesund in Grätzel und Bezirk“, „Gesund in Einrichtungen/Organisationen“ und „Gesunde Bewegung“.

Bei der jüngsten Preisübergabe betonte Marianne Klicka (SPÖ), 3. Präsidentin des Landtages, die Vorbildwirkung der Initiativen und bedankte sich bei den verantwortlichen Projektbetreibern und -unterstützern für deren großes persönliches Engagement, wie sich das gehört.

Dann sprach Marianne Klicka noch Sätze wie diese: „Der heutige Tag zeigt einmal mehr, dass in Wien mit viel Engagement sowie Know-how Projekte und Initiativen umgesetzt werden, die die Gesundheit der Wienerinnen und Wiener stärken. Ideen wie diese liefern wertvolle Anregungen für die Angebote in der Gesundheitsvorsorge und -förderung der Stadt.“

Buddys für gebrechliche Senioren

„Angst vor Stürzen nimmt ab.“

In der Kategorie „Gesund in Grätzel und Bezirk“ wurde das wissenschaftliche Forschungsvorhaben „Gesund fürs Leben“ der MedUni Wien, finanziert über den Wissenschafts- und Technologiefonds, ausgezeichnet. Untersucht werden sollte, ob es mithilfe eines Buddy-Systems gelingt, Fitness, Ernährungszustand und Lebensqualität bei älteren, gebrechlichen und mangelernährten Personen zu steigern. Jeder der 80 Teilnehmer bekam einen ehrenamtlichen Buddy zur Seite gestellt, der ihn über sechs Monate zweimal wöchentlich zu Hause besuchte, ein speziell für diese Altersgruppe entwickeltes Krafttraining durchführte und Ernährungsaspekte thematisierte. Die Menschen sollten dadurch befähigt werden, dauerhaft und selbstständig Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

Projektleiter Thomas Dorner vom Zentrum für Public Health ist mit seinem Kollegen nun dabei, die erhobenen Daten wissenschaftlich auszuwerten. „Vorab können wir aber schon sagen“, sagt Dorner, „dass sich bei den Studienteilnehmern die Gesundheit in vielen Parametern gegenüber der Kontrollgruppe deutlich verbessert hat: in der Kraft, der physischen Darbietung, der Lebensqualität und in der Mobilität.“ Letzter Punkt sei darauf zurückzuführen, dass die Angst vor Stürzen massiv reduziert werden konnte, die oft die Bewegung von vornherein einschränkt und sich auch negativ auf die sozialen Kontakte auswirkt. Darüber hinaus konnte das Mangelernährungsrisiko verringert und die kognitive Funktion verbessert werden. Ein interessantes Detailergebnis der Studie: Nicht nur der Zustand der gebrechlichen Menschen hat sich signifikant verbessert, sondern auch der vieler Buddys.

Das Projekt habe gezeigt, fasst Dorner die Ergebnisse zusammen, dass die Unterstützung durch geschulte Laien offenbar denselben Effekt hatte wie durch Health Professionals. Das sei eine wichtige Erkenntnis in Hinblick auf die zukünftige Versorgungssituation. „Laien können Health Professionals dabei nicht ersetzen, aber es lassen sich zumindest wirkungsvolle Kooperationen schmieden.“

Dorner hofft jetzt, dass Forschungsprojekte dieser Art, angesiedelt zwischen Versorgungsforschung und Gesundheitsförderung, zukünftig bessere Finanzierungschancen bekommen.

Zahnfee und Zahnärztin vor Ort

„Viele konnten kaum essen.“

In der Kategorie „Gesund in Einrichtungen/Organisationen“ überzeugte „Zahnfee und Zahnärztin vor Ort“. Im Haus Siemensstraße, einem Übergangswohnhaus für wohnungslose Männer, betrieben vom Fonds Soziales Wien. Geboten wird ein niederschwelliger Zugang zu zahnärztlicher Versorgung für wohnungslose Menschen, um deren (zahnärztliche) Gesundheit es oft schlecht bestellt ist. Gründe dafür sind längere Phasen ohne Krankenversicherung, finanzielle Engpässe, Scheu vor dem Arzt etc.

„Ich habe das Projekt gemeinsam mit Frau Lehto (Anm.: Mag. Margarete Lehto vom Haus Siemensstraße) entwickelt, weil ich von vielen Seiten gehört hatte, dass der Zustand der Zähne der Bewohner so schlecht war, dass viele unglaubliche Schmerzen hatten und teilweise kaum essen konnten“, erzählt die Zahnärztin Dr. Martina Gredler. Trotz Versicherung sei die Hemmschwelle, in öffentliche Ambulatorien zu gehen, groß. „Ich bin daher in das Haus Siemensstraße gegangen, um mit den Männern zu reden und sie zu motivieren, ein Ambulatorium aufzusuchen oder idealerweise den Zahnarzt, der sie zuletzt betreut hat.“ Wer das nicht wollte, konnte gemeinsam mit anderen Hausbewohnern und in Begleitung der „Zahnfee“, einer Betreuerin des Hauses (meist Margarete Lehto selbst) die Ordination von Dr. Gredler aufsuchen. Die Zahnfee hat sie nicht nur vor – und manchmal auch während – der Behandlung begleitet und unterstützt, sondern auch danach geholfen, wenn es darum ging, Medikamente aus der Apotheke zu holen und diese auch regelmäßig einzunehmen oder auch Anträge auf Zahnprothesen beim Unterstützungsfonds der GKK zu stellen.

„Wenn die Patienten später wiedergekommen sind, normal essen konnten, weil sie schmerzfrei waren oder eine neue Prothese bekamen, die ihnen mehr Chancen gibt, wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, waren das für mich bewegende Momente“, erzählt Dr. Gredler. „Viele der Menschen sind durch Schicksalsschläge in diese Notsituation gekommen, sind einmal ausgerutscht im Leben und versuchen jetzt, wieder in die Spur zu kommen. Sie alle sind Ablehnung im Alltag gewohnt und dann passiert ihnen etwas Positives, dafür sind viele sehr dankbar. Das ist meine Motivation, hier regelmäßig und ehrenamtlich aktiv zu sein.“ Das Projekt soll bald auf andere Einrichtungen ausgeweitet werden.

Die Aufbaustunde

„Bewegungsfreude ausleben.“

In der Kategorie „Gesunde Bewegung“ erhielt das Projekt „Aufbaustunde“ der Volksschule Prandaugasse den 1. Preis. Ziel der Initiative ist es, die motorischen Fähigkeiten der Schüler gezielt zu stärken, vor allem bei jenen, die bisher Defizite hatten. „Wir haben beobachtet, dass die motorisch weiterentwickelten Kinder die Turnstunden dominierten, während sich die weniger geförderten und durchaus motorisch weniger geschulten Schüler gehäuft vom Turnunterricht entschuldigen ließen oder demotiviert und verängstigt aufgrund der Beobachtung durch die Mitschüler in ihrer motorischen Entwicklung weiter gehemmt wurden“, erzählt die Initiatorin Judith Gruber.

„Es galt daher einen Rahmen zu finden, damit auch diese schwächeren Kinder möglichst unbeobachtet und ohne Angst, ausgelacht zu werden, Bewegungserfahrungen erleben können und ihre natürliche Bewegungsfreude ausleben.“

Dazu werden im Turnsaal Bewegungslandschaften zu unterschiedlichen Themen aufgebaut. Nach dem Aufwärmen ordnen sich die Kinder mit einer selbst gewählten Gruppe von maximal vier bis fünf Kindern einer Station zu. An jeder Station kann dann 6 bis 10 Minuten lang ausprobiert, geübt, bewegt und trainiert werden. Die weitere Stunde wird dann im Stationsbetrieb mit einem gemeinsamen Wechsel fortgeführt.

„Bereits in der Stundenvorbereitung legen wir das Hauptaugenmerk darauf, dass die Kinder eine möglichst hohe Bewegungsintensität haben“, sagt Gruber.

Die Aufbaustunden erfreuen sich bei Schülern und Lehrern großer Beliebtheit. Die Schüler entwickeln „ein großes Selbstverständnis beim Turnen an Geräten, bauen Ängste vor Höhe, Rotationen und Geschwindigkeit ab“, berichtet Gruber. „Auch die soziale Kompetenz konnte durch die Aufbaustunden gefördert werden. Wie selbstverständlich helfen die Kinder einander gegenseitig oder rufen motivierend zu. Das Gelingen von Übungen oder das Überwinden von Angst einzelner Turner wird zum Erfolgserlebnis für die ganze Gruppe.“

In vielen Schulen wäre ein Projekt wie dieses allerdings gar nicht möglich, bedauert Gruber, da oftmals kein „richtiger“ Turnsaal zur Verfügung stehen würde. „Vor allem innerstädtisch jammern viele Kolleginnen über die Turnsäle und Bewegungsräume. Hier gehört nachgebessert.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 41/2015

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