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© privat
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Liesl Frankl „wibeg“-Leiterin, Geschäftsführerin beratungsgruppe.at©

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Klinikum am Kurpark-Baden
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Dr. Cecilia Heiss Managing Direktor, Hemayat

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© C-Stummer
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Carina Spak Einrichtungsleiterin, AmberMed

 
Gesundheitspolitik 4. September 2015

Wer für den Staat einspringt, will kein Bittsteller sein

Beim Forum Alpbach kommen heuer Menschen zu Wort, die gegen Ungleichheit und Ausgrenzung kämpfen. Drei von ihnen erzählen, was sie bewegt.

Wie sollen staatliche Gesundheitssysteme mit „Fremden“, Kriegsüberlebenden, Immigranten und Asylsuchenden umgehen? Bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen zeigen 31 Menschen aus aller Welt den 400 Teilnehmern, wie es gehen könnte. Sie wurden aus ursprünglich mehr als 300 Initiativen ausgewählt, die sich um die Teilnahme beworben hatten. Ihnen allen gemeinsam ist der Versuch, Ungleichheiten im Gesundheitssystem durch persönliches Engagement zu beseitigen – oder zumindest abzuschwächen. Ihr Anliegen ist es, Menschen aller Altersgruppen, aller sozialer Schichten, aller Kulturen dort zu unterstützen, wo das staatliche System Lücken hat.

Die ausgewählten Unternehmungen haben das Potenzial, so sah es jedenfalls die Fachjury, als Vorbild für ähnliche oder weiterführende Initiativen in anderen Regionen oder für andere benachteiligte Gruppen zu fungieren. Zwei der 31 wollen wir Ihnen an dieser Stelle vorstellen. Außerdem: Der Überlebenskampf einer Initiative, die sich für eine Basisversorgung für Menschen ohne Versicherungsschutz einsetzt. (Unterstützung ist willkommen!)

Damit wird der wichtigsten Frage der heurigen Alpbacher Gesundheitsgespräche, nämlich welche Rolle dem Staat zukommt, um die enge Verbindung zwischen Ungleichheit und Krankheit zu lösen, konkrete Lösungen und internationale Modelle gegenübergestellt.

Wie kann gesellschaftliche Ausgrenzung aufgrund von Krankheit verringert werden? Wie können Menschen dazu motiviert werden, zu Akteuren ihrer eigenen Gesundheit zu werden?

Gesundheitskompetenzen von Migrantinnen stärken

„Die Gesundheit aller soll oberstes Gebot meines Handelns sein.“

Wir begleiten Gesundheit (kurz: wibeg) bietet Migrantinnen – Müttern und Großmüttern mit sehr niedrigem sozioökonomischem Status (SES), vorwiegend aus dem muslimischen Kulturkreis, niederschwellige Informationen und ein Heranführen an Vorsorgeangebote. Diese Personengruppe gilt als besonders „schwer erreichbar“, ist jedoch sozial und gesundheitlich besonders benachteiligt.

Das Projekt wibeg arbeitet aufsuchend mit geschulten, zielgruppennahen Schlüsselpersonen, den sogenannten „Tutorinnen“, die mit Lebenssituation, Sprache und Traditionen der Projektzielgruppe vertraut sind. Sie suchen die Teilnehmerinnen in deren Wohnumfeld auf und betreuen sie vor Ort. Im 14-Tage-Rhythmus finden Mütterrunden mit circa fünf Teilnehmerinnen statt, in denen unter Anleitung der Tutorinnen das eigens entwickelte Projektmaterial gemeinsam durchgearbeitet wird. Zusätzlich gibt es von den Tutorinnen begleitete Exkursionen und Workshops. Durch die kontinuierliche Betreuung über mehrere Monate bewirkt wibeg gesundheitsförderliche Veränderungen auf der Verhaltens- und Verhältnisebene. Die Frauen erfahren Empowerment, fühlen sich durch die Begleitung und das Gelernte gestärkt und beginnen, für einen gesünderen Lebensstil Verantwortung zu übernehmen. Über die Mütter und Großmütter werden auch die Kinder, weitere Familienmitglieder und die Community erreicht. wibeg fasst drei Modellprojekte zusammen, die vom Verein beratungsgruppe.at entwickelt und in den Jahren 2010 bis 2013 mit mehr als 600 betreuten Teilnehmerinnen erfolgreich durchgeführt wurden:

• Gesundheit kommt nach Hause ( www.gekona.at )

• Aktion Gesunde Seele ( www.agese.at )

• Gemeinsam fit in die Zukunft ( www.fitzu.at )

Vom Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) wurde wibeg als Transferprojekt zum Rollout in die Bundesländer ausgewählt. Ausschlaggebend dafür war vor allem die gute Zielerreichung aufgrund der zielgruppenadäquaten Projektmethodik.

Nach 20 Jahren immer noch ein ständig bedrohtes Prekarium

„Man behandelt uns wie ein Schmetterlingszüchter-Verein.“

Kriege, Krisengebiete und steigende Zahlen an Flüchtlingen – all das hat direkte Auswirkungen auf die Arbeit von Hemayat (www.hemayat.org), dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, in Wien. Das Wort „Hemayat“ stammt aus dem Persischen und bedeutet „Betreuung“ und „Schutz“. Krieg und Folter wirken weit über die Dauer des unmittelbar lebensbedrohlichen Ereignisses hinaus und führen zu tiefen Verwundungen der menschlichen Psyche. Psychotherapie wirkt stabilisierend und heilend auf die Patienten, die unter Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und psychosomatischen Schmerzattacken bis hin zu Flashbacks leiden.

Seit 20 Jahren arbeiten bei Hemayat speziell ausgebildete Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten und Dolmetscher daran, Betroffenen von Folter und Kriegstraumata die bestmögliche Rehabilitation anzubieten. In den vergangenen 20 Jahren wurden mehr als 9.000 Menschen bei Hemayat betreut und dadurch wurde auch eine grundlegende Voraussetzung für ihre erfolgreiche Integration in Österreich geschaffen.

Die Schere zwischen dem Bedarf nach qualifizierter Betreuung von traumatisierten Menschen und dem finanzierten Angebot geht von Jahr zu Jahr immer weiter auf. Um eine Chronifizierung der Erkrankung und lebenslanges Leiden an den Folgen der Folter und eine Weitergabe der Traumatisierung an die nächste Generation zu vermeiden, muss den Betroffenen so rasch wie möglich Hilfe zukommen.

Trotzdem warten derzeit 284 schwer traumatisierte Menschen, darunter 21 Kinder auf eine Behandlung. Beim aktuellen Anstieg der Flüchtlingszahlen ist hier keine Besserung zu erwarten. Noch immer hat die Arbeit von Hemayat Pioniercharakter und wird als „Projekt“ von vielen öffentlichen Stellen und von privaten Spendern finanziert. Hemayat ist damit, auch nach 20 Jahren, ein ständig bedrohtes Prekarium. Jahr für Jahr gibt es Zittern und Bittstellen für eine zentrale Gesundheits- und Integrationsaufgabe: Folter- und Kriegsüberlebenden therapeutisch wieder eine Zukunft zu eröffnen.

Gesundheitliche Basisversorgung ist kein Privileg

„Stellen Sie sich vor, Sie sind krank und keiner hilft Ihnen.“

AmberMed, eine Einrichtung der Diakonie in Kooperation mit dem Roten Kreuz, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen, die ohne Krankenversicherung in Österreich leben müssen, ambulant medizinisch zu versorgen, bietet Medikamentenhilfe und berät in sozialen Fragen.

Derzeit arbeiten 45 Ärzte und weitere 30 Assistenten und Dolmetscher bzw. über 80 externe Kooperationspartner neben dem kleinen hauptamtlichen Team insgesamt 4.000 Arbeitsstunden ehrenamtlich, um jährlich über 2.000 Menschen aus 92 Nationen medizinisch zu betreuen. Die Mitarbeiter von AmberMed kommen aus verschiedenen beruflichen Fachrichtungen und haben unterschiedliche Erwartungen bezüglich der Eigenverantwortung an die Patienten. Eines verbindet alle: Die Überzeugung, dass gesundheitliche Basisversorgung kein Privileg für Menschen „im System“ sein darf!

75 Prozent der Patienten nehmen die Dienste von AmberMed nicht länger als ein Jahr in Anspruch, es ist also davon auszugehen, dass die meisten von ihnen wieder in ein Krankenversicherungssystem integriert wurden. Dies gilt für den Asylwerber, der nach langer Wartezeit endlich Asyl bekommt, genauso wie für den EU-Bürger, der nach intensiver Suche eine Arbeitsstelle findet, und für den Österreicher, der nach einem Konkurs der Firma die Scham überwindet, temporär um öffentliche Hilfe anzusuchen. Mehrere Studien haben errechnet, dass unbehandelte Krankheiten der Allgemeinheit aufgrund der Spätfolgen ein Vielfaches mehr kosten als deren rechtzeitige Therapie. Lässt man die menschenrechtliche Seite außer Acht, so kann man zumindest von einem volkswirtschaftlichen Mehrwert für die Gesellschaft ausgehen.

Wir fordern neben der öffentlichen Ausfinanzierung unserer ressourcenschonenden Arbeit europaweite Lösungen im Sozialversicherungswesen für EU-Bürger und Zugang zu einer Basisversorgung für alle Menschen, vor allem für Kinder, unabhängig vom Versicherungsstatus ( www.amber-med.at ).

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 37/2015

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