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So stellt sich das der Kranke 2.0 vor: der Arzt als einfühlsamer Berater, der Patient als Gesundheitsmanager.
 
Gesundheitspolitik 29. Juni 2015

Eine unbequeme Wahrheit

Zukunftsforscher Horx: Der Patient wird zunehmend zu seinem eigenen Gesundheitsmanager.

Das Internet und seine Möglichkeiten, gezielt zu recherchieren, macht kranke Menschen von Bittstellern zu aufgeklärten Co-Therapeuten. Vom Arzt wird einfühlsame Beratung auf Augenhöhe erwartet. Das Zukunfts institut stellt hier einen massiven Nachholbedarf innerhalb der Ärzteschaft fest.

Er ist interessiert, stellt mitunter lästige Fragen und nimmt Auskünfte der Doctores nicht so ohne weiters hin. Der Patient des 21. Jahrhunderts will für seine Gesundheit Verantwortung übernehmen. Doch das System ist noch nicht so weit. Es regiert Misstrauen. Das geht aus einer Studie des Zukunftsinstitutes hervor. Sie entstand im Auftrag von Philips und trägt den Titel „Wie Vertrauen zum Treiber einen neuen Gesundheitskultur wird“. Ihr zugrunde liegt eine repräsentative Umfrage unter Erwachsenen in Deutschland. Die Ergebnisse sind weitgehend auf Österreich übertragbar.

Im Vorwort der Studie schreibt der Zukunftsforscher Mathias Horx: Gesellschaften, in denen kein Vertrauen herrscht, sind unglücklich. Wer misstraut, muss unentwegt kontrollieren, beobachten, einschränken, abwehren, absichern. Das wird auf Dauer zur Belastung, geht auf Kosten der Lebensqualität und schließlich der Gesundheit. Manchmal scheint unser Gesundheitssystem einer solchen Misstrauenswelt zu ähneln. Als ob jeder seinen Claim verteidigen, absichern und erweitern muss, rangeln Ärzte, Labore, Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Versicherer, gesunde Menschen, kranke Menschen, Behörden und andere Instanzen um Ressourcen, Gesetze, Deutungen und Ergebnisse.

Derzeit würde Misstrauen zwischen den einzelnen Gruppierungen vorherrschen, heißt es in der Studie. Horx weiter: Natürlich gibt es Tausende von unglaublich engagierten Ärzten und Kliniken, die Höchstleistungen erbringen, Versicherungen, die sich redlich um ihre Kunden bemühen, und Forscher, die ihr Bestes geben. Aber ein ‚drittes Element‘ fehlt, das aus all den Anstrengungen Win-win-Situationen für alle macht: Vertrauen eben.

Der Befund der Autoren Jeanette Huber, Anja Kirig, Christian Rauch und Jana Ehret: Noch dominiere das alte hierarchische System, gekennzeichnet durch zentrale Deutungshoheit der Experten, Berechenbarkeit und standardisierte Prozesse. Es handle sich um ein geschlossenes System von Spezialisten mit schwach ausgeprägtem Querdenken. Der Fokus der Branche liege zu wenig auf den Bedürfnissen der Verbraucher, sondern orientierte sich an Forschung, Technik, ökonomischen Ressourcen und sei primär nutzen- statt nutzerfokussiert. Auf dieses System träfe aber immer vehementer ein neuer Wunsch nach Hoheit über die eigene Gesundheit. Das Internet sei bereits dabei, den Umgang der Bürger mit der Gesundheit im Allgemeinen und das Arzt-Patienten-Verhältnis im Speziellen grundlegend zu verändern. Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der Gesundheitslandschaft würden langfristig jedenfalls zu einem „Umbruch in der Gesundheitskultur“ führen, sind sich die Autoren einig.

Eine zentrale Entwicklungen ist laut Studie die vom passiven Patienten hin zum proaktiven, aufgeklärten und partizipationswilligen Gesundheitskonsumenten. Patienten agieren selbstbewusst und eigenverantwortlich, ihre zunehmende Forderung nach einer Demokratisierung des Gesundheitsmarktes stelle alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Sie seien nicht nur besser informiert als je zuvor, sondern nehmen immer öfter die Dinge einfach selbst in die Hand. 77 Prozent der von den Autoren Befragten sagen, die Verantwortung für die Gesundheit liege bei jedem Einzelnen selbst. Fast die Hälfte der Befragten (46 %) vertraut in Gesundheitsfragen auf die eigenen Kompetenzen. Der Patient wird zunehmend zu seinem eigenen Gesundheitsmanager.

Technische Innovationen nutzen die Gesundheitskonsumenten als wertvolle Hilfsmittel, sie sind ihnen aber kein Selbstzweck und werden auch durchaus kritisch hinterfragt. So informieren sich zwar heute bereits zwei Drittel der in der Studie Befragten im Internet über Gesundheitsfragen, gleichzeitig bringen aber nur 18 Prozent den Gesundheitsportalen und Fachforen großes Vertrauen entgegen. Hingegen wünscht sich rund Hälfte der Befragten technische Möglichkeiten, um ihre Gesundheitsdaten selbst verwalten zu können. Noch mehr (55 Prozent) befürworten, dass Ärzte Zugriff auf ihre Patientendaten haben.

Das Arzt-Patienten-Verhältnis werde sich in Richtung Beratung auf Augenhöhe und einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit verändern. Der Patient wird vom Bittsteller zum „Co-Therapeuten“, prognostiziert die Studie. 88 Prozent der Befragten halten eine verständliche Beratung für die Gesundheitsversorgung für das Wichtigste, fast ebenso viele wünschen sich „Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen seitens der Ärzte“.

Fazit der Autoren: „Die Nähe des Arztes, das Gefühl, ernst- und wahrgenommen zu werden ist es, was die Medizin vor große Herausforderungen im technischen Zeitalter stellt. Es geht um eine neue Haltung.“ Ärzte wären gefordert, ein neues Selbstverständnis als fachkundige, einfühlsame Berater aufzubauen. Um das gesuchte Vertrauen aufbauen zu können, dürfe Gesundheit nicht als ein Status verstanden werden, über den ein anderer entscheidet. „Individualisierte Medizin der Zukunft braucht mehr als Technik und spezialisierte Forschung. Sie braucht Gespräche, Dialog, Respekt, Verantwortung und vor allem die höchste Form der Wertschätzung des einzelnen Menschen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 27/2015

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