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© Österreichische Apothekerkammer
Mag. Max Wellan Präsident der Österreichischen Apothekerkammer Wien
©  Apothekerkammer

Apothekerkammer, Innen- und Gesundheitsministerium starten eine Aufklärungskampagne namens „Auf der sicheren Seite“.

 
Gesundheitspolitik 17. Juni 2015

Die Fälscher im Netz

Mit zwei aufeinander abgestimmten Kampagnen wollen Apothekerkammer und -verband das Bewusstsein der Bevölkerung für einen kriminellen und gesundheitsbedrohenden Milliardenmarkt schärfen.

Valide Zahlen liegen kaum vor. Zu groß ist die Dunkelziffer eines vom organisierten Verbrechen beherrschten Marktes. Es gibt Hinweise, welche Dimensionen der internationalen Online-Handel mit gefälschten Medikamenten (und sonstigen Substanzen wie etwa Dopingmitteln) mittlerweile angenommen hat.

Das ist Hinweis Nummer eins: Laut Schätzung der WHO sterben jährlich eine Million Menschen durch gefälschte Substanzen, überwiegend in den Entwicklungsländern. Allein 100.000 sollen es im vergangenen Jahr gewesen sein, denen gefälschte, unwirksame Malariamittel das Leben gekostet haben. Hinweis Nummer zwei lautet: Im vergangenen Jahr wurde mit Viagra-Fälschungen weltweit ein deutlich höherer Umsatz erwirtschaftet als mit dem Originalmedikament. Und Hinweis Nummer drei: Das organisierte Verbrechen erzielt mit Arzneimittelfälschungen höhere Gewinne als im internationalen Drogenhandel. Zuletzt: Laut Gesundheitsbehörden sind rund fünf Prozent aller Krankenhaus-Einweisungen in den USA auf den Konsum gefälschter Arzneimittel und Substanzen zurückzuführen.

Es scheint festzustehen, dass es sich hier um einen globalen, lukrativen Milliardenmarkt handelt.

Politik der Wespenstiche

Nur selten setzt die Exekutive kleine Stiche in das so florierende „Wespennest“, finanziell schmerzlich zwar für einige wenige Betroffene, aber niemals systemgefährdend. Im Vorjahr gelang der österreichischen Polizei ihr größter Fang: der Fall „Vigorali“. Eine international agierende Tätergruppe hatte via Internet rezeptpflichtige „Original-Lifestyle-Präparate“ zum Kauf angeboten und nach Vorauszahlung gefälschte Arzneimittel über den Postweg zugesandt. Die Briefsendungen waren dabei mit Adressen österreichischer Apotheken versehen, um den Kunden Sicherheit zu suggerieren.

Im September klickten bei neun Verdächtigen die Handschellen, bei Hausdurchsuchungen wurden rund drei Millionen gefälschte Tabletten sichergestellt, die für den Versand an Konsumenten bestimmt waren. Die Vigorali-Bande ließ innerhalb Europas jedenfalls mindestens 30.000 Geschädigte zurück, auf verschiedenen Bankkonten gehortete Millionengewinne wurden eingefroren.

Behördliche Analysen der sichergestellten Präparate zeigten enorme Schwankungen der Wirkstoffgehalte. Teilweise war die vierfache Menge an Wirkstoffen enthalten, wodurch die Pillen gesundheitsgefährdend waren. „Das große Problem bei gefälschten Medikamenten ist, dass es keinerlei Qualitätskontrollen gibt“, erklärt dazu Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. Wenn bei einer Produktion etwas schiefgehe, zum Beispiel eine völlig überhöhte Wirkstoffdosis verwendet wird, dann sterben in unmittelbarer Folge Dutzende von Menschen daran, wie das etwa in Indien vor nicht allzu langer Zeit der Fall war. Oder es sei eben viel zu wenig Wirkstoff enthalten, was ebenfalls zu einem Gesundheitsrisiko werden kann.

Laut Auskunft des Gesundheitsministeriums hat die AGES Medizinmarktaufsicht in den letzten Jahren mehr als 4.000 Verdachtsproben analysiert. 95 Prozent dieser Proben waren gefälschte oder illegale Produkte, oftmals mit anderen Inhaltsstoffen als deklariert – unter anderem fanden sich darin Rattengift, Ziegelstaub, Straßenfarbe oder Möbelpolitur – und in falscher Dosierung.

Die Apothekerkammer nahm den Fall Vigorali jedenfalls zum Anlass, um – in Fortsetzung einer bereits 2010 erfolgreich gelaufenen Kampagne – das Thema Arzneimittelfälschungen neuerlich aufzugreifen und zu versuchen, das Bewusstsein der Bevölkerung für deren erhebliches Risikopotenzial zu schärfen.

„In Österreich haben wir kaum Awareness für das Problem“, weiß Wellan aus Umfragen, weil hierzulande die vertriebenen Arzneimittel aufgrund der permanenten und strengen Kontrollen „als absolut sicher gelten“. Bis heute sei im „normalen Vertrieb“ noch keine einzige diesbezügliche Fälschung aufgetaucht. „Gleich nach dem Krieg war das auch bei uns noch ganz anders, wie man im Film ‚Der dritte Mann‘ gut sehen kann, aber seither haben wir es gut im Griff.“ So gut offenbar, dass der bloße Gedanke, Arzneimittel könnten gefälscht sein, den meisten Österreichern „völlig fremd“ sei.

Viele Konsumenten lassen sich von der Schönheit und Professionalität eines Internet-Auftrittes zum Leichtsinn verleiten, meint Wellan. „Eine professionell gestaltete Website und ‚Original-Produktverpackungen‘ sind aber kein Qualitätskriterium. Die organisierte Kriminalität weiß ganz genau, wie sie Kunden täuschen kann.“

Potenz- und Schlankheitswahn

Besonders gut gelingt ihr das bei Medikamenten und Präparaten, die ein Tabuthema berühren oder das persönliche Schamgefühl der Patienten ansprechen, also vor allem Potenzmittel, Testosteron haltige Muskelaufbaupräparate, Haarwuchs- oder auch Schlankheitsmittel.

Die nun startende Online-Kampagne wird auch von Google Österreich unterstützt. „Seit Google eine Milliardenstrafe wegen Fälschungen aufgebrummt bekam, sind sie vorsichtig geworden“, erzählt Wellan, damit sei auch das Engagement zu erklären. Sobald über die Suchmaschine einer von 600 vordefinierten Begriffen eingegeben wird – zum Beispiel „Potenzmittel“, „Viagra bestellen“ oder „Arzneimittel kaufen“– erscheint ein Warnhinweis am Bildschirm sowie der Link zur öffentlichkeitswirksamen Kampagne www.auf-der-sicheren-seite.at . „Wir haben ganz bewusst einen sehr plakativen Ansatz gewählt, angelehnt an die Zigarettenpackungen“, erläutert Wellan. „Wir warnen mit einer Tablettenschachtel, die schwarze Pillen enthält und den Aufdruck „rezeptpflichtig, 100 % Internetversion“ trägt. Der Produktname variiert von „Totehose“ (sic!) über „Herztod“, „Fälschung“ bis hin zu „Ausschlag“.

Heimischer Online-Versand

Ab 25. Juni 2015 dürfen auch österreichische Apotheken ausschließlich rezeptfreie Medikamente über das Internet verkaufen. „Hohe Qualitätsvorgaben und der Versand ausschließlich über Apotheken“ schützen laut Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser (SPÖ) dabei die heimischen Konsumenten vor Arzneimittelfälschungen.

Bis jetzt war es schon möglich, rezeptfreie Präparate über ausländische Anbieter zu bestellen. Der Marktanteil betrug laut Wellan maximal ein bis zwei Prozent und lag damit im internationalen Schnitt. Auch in den meisten Ländern, in denen der Versandhandel bereits seit vielen Jahren erlaubt ist, sei der Anteil vergleichbar gering, erläutert Wellan: „In der Schweiz sind es zwei Prozent, in Frankreich gar nur 0,2 Prozent, in Großbritannien, in Schweden gib es offenbar kaum einen Markt“, obwohl man dort wegen teils entlegener Gegenden damit rechnen müsste.

Ausnahme von der Regel ist Deutschland, wo etwa 13 Prozent des Umsatzes mit OTC-Arzneimitteln durch den Versandhandel erzielt werden. Insgesamt sieht Wellan mit der Freigabe jedenfalls keine massiven Umschichtungen auf die heimischen Apotheken zukommen. Vereinzelt würden sich zwar Apotheken registrieren, aber „so wie es derzeit aussieht, wird es eher ruhig bleiben und zu keinem Umbruch bzw. zu großen Verschiebungen kommen.“

Sicher sicher?

Hintergrundinformation

Die Awareness-Kampagne der Österreichischen Apothekerkammer in Kooperation mit dem Innen- und dem Gesundheitsministerium warnt mittels Online-Kampagne vor gefälschten Medikamenten aus dem Internet. Zentral ist die Website www.auf-der-sicheren-seite.at, die sämtliche aktuellen und Hintergrundinformationen zum Thema zusammenfasst: von der rechtlichen Situation in Österreich bis hin zu Nachrichten über neue polizeilichen Aufgriffe. Begleitende Tools sind unter anderem ein Warnhinweis auf der Google-Suchmaschine, ein YouTube-Video sowie ein Info-Flyer für Jugendliche.

Sozial engagiert

„Fakes don’t care – but we do!“

Parallel zur Kammer-Initiative startet eine Aufklärungsinitiative des Österreichischen Apothekerverbandes unter dem Titel „Fakes don’t care – but we do!“. Sie konzentriert sich in erster Linie auf die Sozialen Medien. Zentrale Anlaufstelle ist die Facebook-Site http://goo.gl/dYzAF3.

Zusätzlich gibt es ein eigenes „Fakes don’t care“-Movie, das über die Sozialen Medien sowie als Kino-Werbespot laufen wird.

Volmar Weilguni, Ärzte Woche 25/2015

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