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Die landschaftliche Schönheit können Landärzte bei Hausbesuchen nur am Rande geniessen. Für ihre Patienten gehen sie weite Wege.

 

 

 
Gesundheitspolitik 8. Juni 2015

Die Leere am Land

Hausärzte sind begehrt, ihre Arbeit wird von den Patienten hoch geschätzt. Trotzdem bleiben, von Wildschönau bis Großarl, immer mehr Arzt-Praxen unbesetzt. Was kann, was muss die Politik dagegen tun?

Laut Ärztekammer braucht Österreich in den nächsten zehn Jahren 1.500 neue Landärzte. Begründung: Mehr als die Hälfte der derzeit praktizierenden Ärzte gehen in diesem Zeitraum in Pension. Um dem daraus resultierenden Ärztemangel entgegenzuwirken, fordert ÄK-Präsident Dr. Artur Wechselberger eine „Attraktivierung des Berufsbildes“ für junge Mediziner. Doch auch die Standesvertretung steht in der Kritik.

Vor allem in den westlichen Bundesländern wird seit Jahren über den drohenden Ärztemangel an Hausärzten öffentlich diskutiert und anhand einzelner, betroffener Gemeinden – etwa Wildschönau oder Gerlos in Tirol – medial konkretisiert. Erst unlängst war in einem Kommentar in der Tiroler Tageszeitung dazu Folgendes zu lesen: „Die Politik hat auf die sich radikal verändernden Bedingungen bisher nur schleppend oder nicht reagiert. Weil die Interessenvertretungen gleichzeitig lediglich daran interessiert sind, bestehende Systeme aufrechtzuerhalten, steuert Tirol tatsächlich auf einen Notstand zu.“

Die Ärzte Woche hat bei den derart kritisierten Landes- und Standespolitikern nachgefragt, wie sie die aktuelle Situation einschätzen und was sie zu tun gedenken, um das Bedrohungsszenario – falls es eines gibt – abzuwenden.

Tirol

Dr. Momen Radi, Kurienobmann Niedergelassene Ärzte in Tirol, sieht „alarmierende Anzeichen“, auch wenn die Versorgungssituation insgesamt „derzeit noch ausreichend“ sei. Bei 770 niedergelassenen Wahl- und 560 Kassenärzten (inklusive Fachärzte) könne zwar nicht von einem grundsätzlichen Mangel an Ärzten gesprochen werden, aber „niemand will mehr einen Kassenvertrag. Wir ziehen daraus den Schluss, dass die Arbeitsstelle Kassenvertrag im derzeitigen Setting völlig unattraktiv geworden ist. Die fehlende Anpassung der Arbeitsmöglichkeiten und Vertragsbedingungen an die Arbeitsvorstellungen des Nachwuchses ließen viele das Risiko der Niederlassung offensichtlich nicht mehr nehmen – „Schlagwörter: zunehmend weiblicher Nachwuchs mit Wunsch nach geänderter Work-Life-Balance, aber auch ganz allgemeiner Trend zur Arbeit als Beruf und nicht als Berufung“. Kritik, die Standesvertretung selbst sei an einer Verbesserung des Status quo gar nicht interessiert, lässt Radi nicht gelten. Es seien längst entsprechende Konzepte am Tisch, mit denen die Kammer „schon seit Jahren zu Kasse und Land pilgert und versucht, die für uns absehbaren Probleme zu bewältigen. Wir haben unsere Hausaufgaben im Sinne der Beratung aus unserer Sicht gemacht und sitzen jetzt fußfrei in der ersten Reihe. Ich darf in diesem Zusammenhang schon noch einmal darauf verweisen, dass der Auftrag zur Gesundheitsversorgung nicht bei der Ärztekammer liegt.“

Seitens des Landes und der Sozialversicherung gäbe es zwar Verständnissignale und Beteuerungen, bislang aber keine konkreten Maßnahmen. „Die Kommunalpolitik lebt noch in der Vergangenheit in völliger Verkennung der Realität und übt sich wie im Fall Wildschönau in Schuldzuweisung“, kritisiert Radi. Land und Kommunalen sollten lieber Anreizsysteme schaffen, die Kassen alte Strukturen aufbrechen, flexible Arbeitsplätze gestalten und ein Honorierungssystem entwickeln, dass Ärzte, die viel arbeiten wollen, nicht bestraft.

Vorarlberg

In Vorarlberg finden sich derzeit für drei offene Kassenstellen keine Bewerber, bestätigt Dr. Michael Jonas. Für den Präsidenten der Vorarlberger Ärztekammer wird sich die Situation bis 2025 „angesichts der demografischen Entwicklung eher verschärfen als entspannen“. Es werde daher Aufgabe der Politik und Sozialversicherung sein, die Arbeitsbedingungen „intensiv zu verbessern“. Dabei gehe es vor allem um gute Studienbedingungen, attraktive Entlohnungsmodelle, einen strukturierten Ausbildungsplan und vernünftige situationsangepasste Arbeitszeitmodelle, aber auch um den Abbau organisatorischer, administrativer und bürokratischer Hindernisse. „Ärzten muss es möglich sein, ihre Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung mit modernen Mitteln und Organisationsstrukturen wahrzunehmen“, meint Jonas, und sie müssten „wieder mehr Zeit für die Patienten“ haben.

„Österreich hat mit 4,83 praktizierenden Ärzten je 1.000 Einwohner die zweithöchste Ärztedichte innerhalb der OECD“, kontert Gesundheitslandesrat Dr. Christian Bernhard. Im langjährigen Zeitreihenvergleich zeige sich, dass die Zahl der praktizierenden Ärzte erheblich stärker zugenommen hat als das Bevölkerungswachstum: zwischen 1970 und 2012 um 232 Prozent von 12.430 auf 41.268, während das Bevölkerungswachstum im gleichen Zeitraum lediglich 13 Prozent betrug. Nun sei es zunehmend schwierig, den Status quo weiterhin aufrecht zu erhalten. „Es wird daher zukünftig vorrangig darum gehen, einerseits die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen durch vermehrte Gesundheitsförderung und Förderung der Gesundheitskompetenz zu senken und andererseits auch die wertvolle ‚Ressource‘ Arzt gezielt für Tätigkeiten einzusetzen, für deren Versorgung diese Kompetenz notwendig ist.“

Bezüglich verbesserter Rahmenbedingungen erinnert der Landesrat daran, dass Vorarlberg als erstes Bundesland im Oktober 2014 das Pilotprojekt für Lehrpraxen gestartet hatte. Es sei „Ergebnis und Ausdruck der guten Zusammenarbeit der wesentlichen Systempartner“. Vorarlberg sei auch das erste Bundesland gewesen, das mit einem aus Landesmitteln subventionierten Angebot diverse Vorbereitungskurse für Interessenten am Medizinstudium angeboten hat. „Diese Maßnahmen zeitigten einen unmittelbaren Erfolg, mehr als doppelt so viele Personen aus Vorarlberg als im Durchschnitt der letzten vier Jahre konnten im Herbst 2011 ein Medizinstudium an den Universitäten in Innsbruck, Graz und Wien beginnen.“ Das Angebot wurde daher inzwischen weiter ausgebaut. Wichtig sei in diesem Zusammenhang aber auch die Erhöhung der Studienplätze insgesamt. Hier sei der Bund „angehalten, raschestmöglich zu reagieren.“ Derzeit werde außerdem intensiv an der Verbesserung gearbeitet, unter anderem an der Ausarbeitung eines landesweiten Modells zur Verbesserung der Ärztebereitschaftsdienste.

Salzburg

In Salzburg sei die aktuelle Versorgungssituation im niedergelassenen Bereich „derzeit sehr gut“, sagt der Salzburger Gesundheits- und Spitalsreferent Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Christian Stöckl, attestiert aber doch „Handlungsbedarf, um aufgrund der bevorstehenden Pensionierungen auch künftig eine flächendeckende Versorgung mit Allgemeinmedizinern gewährleisten zu können“. Neben der Ärztekammer würden sich allerdings inzwischen immer mehr Gemeinden aktiv um Nachfolger für ihre Hausärzte bemühen und wären dafür auch bereit, notwendige Investitionen zu unterstützen bzw. Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Seitens der Landespolitik sei man bemüht, gemeinsam mit der Standesvertretung und der Sozialversicherung den Bereitschaftsdienst an die neuen Herausforderungen anzupassen. Eine bereits umgesetzte Erleichterung ist laut Stöckl die Möglichkeit, einen Kassenvertrag teilen zu können, auch für ein erstes Primary Health Center werden bereits Vorbereitungen getroffen. Erleichterungen soll es zukünftig in der Organisation und bei den Tätigkeiten der Sprengelärzte geben. „Und dort, wo die öffentliche Hand zuständig ist, haben bereits Gehaltsverhandlungen stattgefunden, die zu einer Verbesserung der Einkommenssituation beitragen werden“, ist Stöckl überzeugt. Der Salzburger Gesundheitsreferent streicht dann auch noch die Vorbildfunktion seines Bundeslandes bei der Ausbildung für Allgemeinmediziner hervor. So würden etwa im Rahmen der „Salzburger Initiative für Allgemeinmedizin“ Jungärzte auf den Beruf des Hausarztes vorbereitet. „Das ist eine wichtige Initiative, um jungen Medizinern einerseits die Anforderungen in einer niedergelassenen Praxis näherzubringen und ihnen andererseits die Angst zu nehmen, nach Abschluss ihrer Ausbildung selbstständig zu werden.“ Die Finanzierung des Projektes erfolgt in erster Linie durch das Land Salzburg, die Salzburger Gebietskrankenkasse leistet einen Zuschuss.

Der 1. Vizepräsident der Ärztekammer Salzburg und Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte Dr. Walter Arnberger anerkennt Bemühungen der Kommunalpolitik, potenzielle Kandidaten bei Nachbesetzungen zu unterstützen. Dies geschehe nicht zuletzt auf Basis einer „Bürgermeister-Enquete“, welche Ärztekammer und Gemeindebund bereits im Herbst 2013 initiierten, wie Arnberger anmerkt.

Dennoch gäbe es auch in Salzburg punktuelle Engpässe. Drei Kassenstellen (Großarl, Werfen/Tenneck, Salzburg / Liefering) sind „seit Längerem nicht nachbesetzbar“. Von der Sozialversicherung fordert Arnberger daher einen „Wegfall bürokratischer Hürden und Restriktionen wie etwa Leistungslimitierungen und -rabattierungen sowie der Synergieabschläge für Gruppenpraxen, welche die Bildung von Gruppenpraxen bislang weitgehend verhinderten.“

In der nächsten Ausgabe der Ärzte Woche berichten wir über Mediziner, die gegen den Strom schwimmen und unbedingt Landärzte werden wollen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2015

  • Frau Sonja Malli, 17.06.2015 um 12:28:

    „Das Hausarztsterben geht Hand in Hand mit dem Hausapothekensterben. Solange Hausapotheken schließen müssen, wenn Apotheken eröffnen, wird es Probleme geben mit der Besetzung von Arztstellen, weil Landärzte ein breites Spektruman Tätigkeiten anbieten müssen, wozu die Hausapotheke gehört. Die Patienten sind die Leidtragenden. Mittlerweile sind Zehntausende davon betroffen und sie zeigen das auch seit Jahren auf. Ihre Anliegen werden aber von der Politik nicht gehört. Dabei gibt es eine einfache Lösung. Das Apothekengesetz gehört geändert. Die Apothekerkammer will das nicht zulassen. Das duale Nebeneinander von Hausapotheken und Apotheken ist im Sinn der Patienten und löst viele Probleme. Wenn das Gesetz nicht geändert wird, entscheidet in Zeiten des Onlinehandels 1 Meter, ob ein Ort noch einen Arzt hat oder nicht.“

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