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Dr. Eva Mückstein Gesundheitssprecherin „Die Grünen“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Christoph Gisinger Institutsdirektor Haus der Barmherzigkeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Regina Roller-Wirnsberger, MME Präsidentin d. Gesellschaft für Geriatrie u. Gerontologie

 
Gesundheitspolitik 11. Mai 2015

Unkritische Medikation in der Langzeitpflege?

Werden pflegebedürftige Menschen in Österreich mit sedierenden Medikamenten „ruhiggestellt“? Die Volksanwaltschaft vermutet das, valides Datenmaterial liegt allerdings kaum vor.

Die Volksanwaltschaft hat verheerende Zustände in Österreichs Pflegeheimen angeprangert und mit Hinweis auf eine britische Studie kritisiert, dass drei Viertel aller Heimbewohner wahllos Beruhigungsmittel bekämen. In Deutschland würde die Quote bei etwas mehr als 50 Prozent liegen. Volksanwalt Günther Kräuter bezeichnet die Situation als aus „menschenrechtlicher Sicht absolut dramatisch“.

Der Bundesverband der Alten- und Pflegeheime weist diese Anschuldigung „in aller Entschiedenheit“ zurück. Es sei ein Faktum, dass rund 70 Prozent der Bewohner in den österreichischen Alten- und Pflegeheimen unter einer kognitiven Störung leiden, erklärt Markus Mattersberger, Präsident des Verbandes. Dass diese Krankheitsbilder entsprechend therapiert werden, sei Aufgabe der Medizin.

„Medikamente dürfen lediglich auf ärztliche Anordnung hin verabreicht werden. Wenn in Österreich also zu viele Medikamente verabreicht werden sollten, so ist dies mit den Ärzten zu diskutieren“, schreibt Mattersberger in einer Aussendung. Außerdem würde sich die durchschnittliche Anwendung von Psychopharmaka in Pflegeheimen nur geringfügig von der Gesamtpopulation von Menschen über 75 Jahren unterscheiden. Die grüne Gesundheitssprecherin Dr. Eva Mückstein bezeichnet die von der Volksanwaltschaft aufgezeigte Praxis in den Heimen in einer ersten Stellungnahme hingegen als „Menschenrechtsverletzung“, die „sofort beendet werden muss“.

Wie deuten medizinische Experten die harten Vorwürfe der Volksanwaltschaft? Die Ärzte Woche fragt nach.

Eine unkritische Verschreibungsspraxis

„Das sind erste alarmierende Zahlen, die aufhorchen lassen.“

Die Volksanwaltschaft kritisierte kürzlich, dass in den Pflegeheimen zu häufig und zu leichtfertig sedierende Medikamente verschrieben werden, um Patienten ruhigzustellen. Das Problem ist aber nicht nur auf Pflegeheime beschränkt, Missstände bei der Medikamentenversorgung alter Menschen scheint es auch in Krankenhäusern und im ambulanten Bereich zu geben. Studien von Eva Mann und eine britische Vergleichsstudie gehen davon aus, dass fast drei Viertel der Pflegeheimbewohner in Österreich sediert werden, während es in Deutschland beispielsweise nur rund 52 Prozent sind. Die Zahlen des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherung bestätigten dieses Bild: Demnach erhalten über 65-jährige Menschen 50 Prozent aller in Österreich verordneten Psychopharmaka.

Das sind nun erste alarmierende Zahlen, die aufhorchen lassen! Wie so oft aber haben wir in Österreich kein valides Zahlenmaterial, denn eine systematische Erhebung der Verschreibungen von Psychopharmaka in Pflegeheimen existiert in Österreich nicht.

Es scheint in Österreich eine unkritische Verschreibungspraxis bei älteren Menschen zu geben, die unbedingt genauer zu untersuchen ist. Wenn die Verabreichung von Psychopharmaka ohne Indikation und ohne Einwilligung erfolgt, handelt es sich um eine Freiheitsbeschränkung und somit um eine Menschenrechtsverletzung. Diese Medikamente beeinflussen die psychische Verfasstheit der Betroffenen ganz massiv, zudem haben die meisten der verwendeten Medikamente zahlreiche Nebenwirkungen. Rasches politisches Handeln und ein massives Umdenken sind also gefordert, um einen würde- und verantwortungsvollen Umgang mit alten und pflegebedürftigen Menschen zu sichern: verpflichtende Dokumentation der Medikamentengabe, Entwicklung wissenschaftlich fundierter Leitlinien zur Verordnung von Psychopharmaka an geriatrische Patienten, mehr qualifiziertes Personal in Pflegeheimen, Verordnung von Psychopharmaka nur mit Einwilligung und nur bei Vorliegen einer entsprechenden Indikation, spezifische Ausbildung der Ärzte in Bezug auf Psychopharmaka-Therapie älterer Patienten, professionelle Demenztherapie mit Antidementiva und pflegerischen Verfahren, Kooperationsmodelle für die Zusammenarbeit von Hausärzten, Heimärzten und Fachärzten mit dem Pflegepersonal und anderen Gesundheitsberufen.

Vergleichbarkeit der Daten ist zweifelhaft

„Medienberichte haben zu einem viel kritischeren Einsatz psychotroper Substanzen geführt.“

Auf welchen Daten beruht die Kritik der Volksanwaltschaft? Offenbar wurden seitens der Volksanwaltschaft – trotz grundsätzlicher Möglichkeit – keine eigenen Erhebungen oder Auswertungen gemacht. Verwiesen wird vielmehr auf eine im Jahr 2012 im Journal of the Medical Directors Association erschienene Studie, die über den Einsatz psychotroper Substanzen, also einschließlich Antidepressiva und Antipsychotica, bei Pflegeheimbewohnern berichtet, indem sie nachträglich Daten von drei bereits 2008 und 2009 erschienenen Studien gegenüberstellt. Die beiden deutschen Erhebungen umfassen 58 bzw. 30 von 180 Hamburger Pflegeheimen mit unklarer Repräsentativität sowohl für Hamburg als auch für Deutschland insgesamt. Die österreichischen Daten stammen aus einer Vorarlberger Studie, die 48 von 50 Pflegeheimen erfasst hat. Der Einsatz psychotroper Substanzen wird mit dem prozentualen Anteil von Bewohnern mit entsprechenden Verordnungen angegeben, was offenbar einer nicht genauer beschriebenen Periodenprävalenz entspricht. Da die Studien unterschiedliche Erhebungsmethoden und Zielrichtungen aufwiesen und die Daten offenbar erst ex post gegenübergestellt wurden, erscheint die Vergleichbarkeit mehr als zweifelhaft.

Somit ist die in zahlreichen Medien zitierte Aussage der Volksanwaltschaft, wonach in Österreich drei Viertel der Pflegeheimbewohner sediert werden, weder durch eigene Daten noch durch die zitierte Studie belegt. Die Einzelstudien bedienten sich teilweise unterschiedlicher Erhebungsmethoden, sind nicht repräsentativ für den jeweiligen Staat und beziehen sich nicht nur auf Sedativa, sondern auch auf andere psychotrope Substanzen, wie etwa Antidepressiva. Die zugrunde liegenden Daten wurden vor acht bis elf Jahren erhoben, sagen über die aktuelle Situation daher wenig aus. Inzwischen sollten die vielfältigen Initiativen und Bemühungen rund um das Thema Polypharmazie zu einem viel kritischeren Einsatz psychotroper Substanzen geführt haben. Insbesondere sedierende Medikamente sollten – in oder außerhalb des Pflegeheimes –möglichst vermieden werden. Sie sind als Dauermedikation ungeeignet und begünstigen kognitiven Abbau und Delir. Zumindest sollten die Medienberichte zu einer noch kritischeren Reflexion der Verschreibegewohnheiten beigetragen haben.

Klare Therapieziele und Feebackstrukturen

„Die Anzahl bestimmter Medikamente als Qualitätsmarker greift zu kurz.“

Nahezu alle betagten Menschen in Pflegeheimen sind multimorbid und mehr oder weniger durch kognitive und/oder physische Defizite eingeschränkt. In der Praxis bedeutet dies höchste Vulnerabilität und stellt damit Pflege und betreuende Ärzte vor große Herausforderungen. Die derzeitigen Strukturen und personellen Ausstattungen entsprechen vielfach nicht dem Bedarf, geschweige dem Anforderungsprofil. In vielen Regionen wird die medizinische Versorgung in Pflegeheimen noch über Hausärzte geregelt. Dies erfordert von den betroffenen Ärzten höchstes medizinisches Know-how mit Kompetenzen im geriatrischen Fachbereich. Weder im universitären noch im postgradualen Ausbildungssegment wird diesen Anforderungen derzeit Rechnung getragen. Zudem sehen unsere derzeitigen Versorgungsstrukturen nur eingeschränkte Vernetzungen zwischen Ärzten, Pflege oder medizinisch-technischen Dienstleistern vor. Ein kontinuierliches, personenzentriertes Management mit klaren Therapiezielen und Feedbackstrukturen ist kaum möglich, die Versorgung rein reaktiv und nicht proaktiv auf ein Therapieziel gestaltet.

Die vorliegenden Daten bestätigen im Wesentlichen wissenschaftliche Analysen, die 2013 publiziert wurden (Mann E. et al. Wiener klinische Wochenschrift, April 2013, S. 180-188), entsprechen auch internationalen Erfahrungen. Voranalysen für die regional in der Steiermark umgesetzte RIMO Studie (Reduce Inappropriate Medication in Older People) zeichnen ein vergleichbares Bild für die Verschreibungen von Psychopharmaka in Langzeitpflegeeinrichtungen. Fehlende Studiendaten für ältere, multimorbide Patienten und der Druck, evidenzbasiertes Management im Lichte der multiplen chronischen Erkrankungen „leitliniengerecht“ umzusetzen, sind seitens der Medizin die großen Herausforderungen.

Es bedarf eines individuellen Managements geriatrischer Patienten. Dies erfordert eine hohe Fachexpertise, kontinuierliche Weiterbildung, aber auch die Anpassung struktureller Rahmenbedingungen seitens der gesundheitspolitischen Entscheidungsträger – etwa eine einheitliche Pflege- und medizinische Dokumentation in Langzeitpflegeeinrichtungen oder homogenisierte Pflegekonzepte. Die geplante Erarbeitung von wissenschaftlichen Empfehlungen zur Psychopharmatherapie in Langzeitpflegeeinrichtungen seitens des BMG ist vollinhaltlich zu unterstützen

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 20/2015

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