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Gesundheitspolitik 23. März 2015

Österreichs konzeptlose Suchttherapie

Die Behandlung von Suchtkranken soll integraler Bestandteil der psychiatrischen Versorgung werden, wünschen sich die Psychiater. Therapeuten und Sozialarbeiter wollen aber ebenfalls integriert werden und fordern einen Dialog auf Augenhöhe.

Im Rahmen des Internationalen Suchtsymposiums am Grundlsee kritisierte Prof. Dr. Gabriele Fischer das Fehlen eines nationalen Suchtplans für Österreich. Dadurch gäbe es bis heute kaum zuverlässiges Datenmaterial zur Häufigkeit von Drogenmissbrauch und -abhängigkeiten. Zuverlässige Fakten wären aber die Voraussetzung für evidenzbasierte und qualitätsgesicherte Therapiekonzepte, die dieses Land dringend benötigen würde, um „individuelles Leid und hohe gesellschaftliche Kosten“ gleichermaßen zu reduzieren.

Die Kosten werden vor allem durch indirekte Ausgaben verursacht. Eine nicht erfolgreich stabilisierte Suchterkrankung führt zu hohen indirekten Kosten wie verfrühte Beschäftigungslosigkeit, erschwerte Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess, im Fall der Abhängigkeit von illegalen Substanzen zu hohen Kosten der Exekutive und des Justizsystems und zudem meist zu chronischen zusätzlichen somatischen Erkrankungen mit assoziierten Gesundheitskosten.

Fischer präsentierte am Suchtsymposium auch die Ergebnisse einer aktuellen Studie, in der sie mit ihrem Forschungsteam die Sustanzmissbrauchsmuster von Studierenden analysiert hat. Über 38 Prozent der Studierenden rauchen regelmäßig, knapp ein Drittel der Männer und ein Fünftel der Frauen zeigen Zeichen einer Alkoholabhängigkeit mit Abklärungsbedarf. Cannabis wird von rund 19 Prozent der Studierenden konsumiert, von rund zehn Prozent davon sogar täglich. Während zudem sechs Prozent zu Benzodiazepinen – zum Beruhigen oder als Schlafmittel – greifen, spielen Substanzen wie Kokain, Ecstasy oder LSD nur eine geringe Rolle.

Maximale finanzielle Fehlsteuerung

„Die Suchterkrankung sollte als integraler Bereich psychiatrischer Abteilungen angesehen werden.“

Substanzkonsumstörungen sind eine der teuersten Erkrankungen für die Gesellschaft und verursachen unglaubliches Leid für Betroffene und deren Familien. Die qualitätsgesicherte Behandlung lässt aber noch immer zu wünschen übrig, verharrt im vorigen Jahrhundert. Warum? Bekanntlich sind Fachärzte für Psychiatrie Mangelware, Fachärzte für Kinder-und Jugendpsychiatrie mit Kassenstellen, deren primäre fachliche Zuständigkeit es wäre, kaum vorhanden – trotz jahrzehntelanger Verweise auf die Zunahme psychiatrischer Erkrankungsbilder in den zuständigen Körperschaften wie Gesundheitsministerium und Ärztekammer. Zudem stellt Österreich eines von zwei EU-Ländern dar, die keinen nationalen Suchtplan haben. Dieser würde nicht nur der Erstellung korrekter Zahlen dienen, sondern eine klare qualitätsgesicherte Versorgungsstrategie festlegen.

Was passiert also mit der chronischen psychiatrischen Erkrankung der Substanzkonsumstörung? Die Allgemeinmediziner fühlen sich zu Recht allein gelassen, die Leidtragenden sind die Patienten, deren Familien und wir Steuerzahler. Es gibt keine vorrangige ärztliche Zuständigkeit, weder im Gesundheitsministerium noch im GÖG, es blühen im Föderalismus „Vereine“, die sich hauptsächlich zuständig fühlen, eine maximale finanzielle Fehlsteuerung. Beispiel Wien: Hier existiert die Sucht- und Drogenkoordination mit einem Jahresbudget von 19 Mio. Euro parallel zum psychosozialen Dienst, der mit mehr 20 Mio. Euro Jahresbudget für psychiatrische Behandlungen zuständig ist (aber nicht für die Suchterkrankung). Die Suchterkrankung stellt eine der häufigsten psychiatrischen Krankheitsbilder dar und sollte auch in Österreich als integraler Bereich psychiatrischer Abteilungen angesehen werden – dies erspart der Bevölkerung viel Geld und ermöglicht den Betroffenen (hoffentlich) eine evidenzbasierte Versorgung. Dazu gehört ein klarer Strukturplan, der in Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern etabliert wird (Rehabilitationszentren am Stadtrand fördern die Stigmatisierung).

Alleinstellungsmerkmale von Suchtkoordinationen, die auch in den operativen Bereich involviert sind, kosten uns viel Geld, die entsprechenden Kritiken des Rechnungshofes werden ohne Konsequenzen schubladisiert.

Politische Entscheidungsträger sind gefordert

„Desiderat wäre ein österreichisches Suchtkonzept.“

Die Forderung nach einer evidenzbasierten qualitätsgesicherten Suchttherapie kann ich nur vollinhaltlich unterstützen. Stark fragmentierte Behandlungsangebote, die von unterschiedlichsten Trägern in höchst bemühter Weise bedient werden, werden diesem Anspruch leider nicht immer gerecht. Zudem ist Suchtbehandlung nach wie vor einer der am stärksten emotionalisierten und politisierten Bereiche der Medizin. Erschwerend kommt dazu, dass saubere Inzidenzzahlen für Suchterkrankungen in Österreich nicht verfügbar sind, was die Versorgungsplanung zu einer Herausforderung macht. Ich erinnere nur an die seit Jahrzehnten tradierten fünf Prozent alkoholabhängigen Menschen in Österreich, eine Zahl, die von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird, ohne dass sie je wirklich fundiert erhoben wurde. Dieses Problem spiegelt sich auch in der gerade wieder aufgeflackerten Diskussion über die Cannabislegalisierung wider, in welcher mehr Meinungen als Fakten aufeinander prallen.

Desiderat wäre demzufolge ein österreichisches Suchtkonzept, idealerweise erarbeitet von der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie in Zusammenarbeit mit Suchttherapeutinnen und -therapeuten anderer Professionen, in dem grundsätzliche Strategien zum Thema Sucht, und zwar bezogen auf alle Typen von Abhängigkeitserkrankungen, festgelegt werden. Aus einem derartigen Konzept, das zum Beispiel in Tirol schon vom Landtag beschlossen wurde, sollten dann Behandlungsempfehlungen und/oder Leitlinien sowohl für primäre, sekundäre als auch tertiäre Behandlungseinrichtungen generiert werden. Für viele Suchterkrankungen existieren international schon derartige Leitlinien, als Beispiel diene hier nur die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, die in Österreich nur einer konsolidierten Betrachtung und regionalen Anpassung bedürfte. Neben dem fachlichen hat dieses Thema auch einen starken politischen Akzent: Strategiepapiere dürfen nicht zu Lippenbekenntnissen degenerieren, politische Entscheidungsträger sind gefordert, die nötigen Ressourcen für deren zielgerichtete Umsetzung im Interesse der Betroffenen zu ermöglichen.

Dialog, aber auf Augenhöhe

„Berufspolitische Interessen und Standesdünkel verhindern die multidisziplinäre Zusammenarbeit.“

Die Forderung nach qualitätsgesichertem, evidenzorientiertem Vorgehen in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankten ist natürlich zu unterstützen. Suchtkranke Menschen haben genauso wie andere Kranke ein Anrecht auf eine Behandlung, die auf den gegenwärtig bestmöglichen theoretisch und empirisch ermittelten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Die notwendige Integration von wissenschaftlich generierter Evidenz und dem Erfahrungswissen aus der Praxis erfordert den Dialog der beiden Felder – auf Augenhöhe. Der findet jedoch in Österreich kaum statt. Standesdünkel auf der einen Seite und möglicherweise mangelndes Selbstbewusstsein auf der anderen verhindern diesen Dialog, der für die unabdingbare Verbesserung der Suchtbehandlung so notwendig wäre. Ein Suchtkongress jagt den anderen; heute tagt die Wissenschaft und morgen tagt die Praxis.

Die Dichotomisierung von illegalen Substanzen und Alkohol ist natürlich nicht sinnvoll, aber geschichtlich erklärbar. Für die Opiatabhängigen der frühen Siebzigerjahre und ihren durch die Sucht bedingten kriminellen Lebenswandel hat damals niemand Interesse gezeigt; auch nicht die Psychiatrie. Die Politik war froh, überhaupt jemanden zu finden, der sich dieser Gruppe annimmt und so wurden Therapieeinrichtungen gegründet und „Therapeuten“ angestellt, die mindestens so exotisch waren wie ihre Therapiekonzepte. Über viele Jahre bis Jahrzehnte hat das niemanden gekümmert.

Es ist erfreulich, dass die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten zunehmend ihren wichtigen Platz in der Behandlung suchtkranker Personen einnimmt. Eine rein psychiatrische Versorgung Suchtkranker wäre meines Erachtens aber zu wenig. Sozialarbeiter und -pädagogen, Arbeits-, Beschäftigungs- und Psychotherapeuten leisten einen wesentlichen Beitrag in der Behandlung Suchtkranker, der unverzichtbar ist. Wer diese multidisziplinäre Arbeit professionell organisiert, ist nebensächlich. Qualität gibt es auch in privaten Vereinen. Berufspolitische Interessen und der in Österreich besonders verbreitete Standesdünkel verhindern die multidisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten. Nicht nur in der Suchtbehandlung.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 13/2015

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