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Familie und Beruf sind für angestellte Ärztinnen kaum vereinbar. Sie verzichten daher entweder auf Kinder oder sie verlassen das Krankenhaus.
 
Gesundheitspolitik 16. März 2015

„Da sind wir stur!“

Wenn die Medizin nicht mehr auf die Bedürfnisse der Frauen eingeht, wird es sie in manchen Regionen bald nicht mehr geben – sagen die Ärztinnen, und die werden immer mehr.

„Der klassische Hausarzt wird in Niederösterreich in Zukunft eine Hausärztin sein“, ist Dr. Martina Hasenhündl von der Ärztekammer NÖ überzeugt. Das gilt wohl nicht nur für Niederösterreich und auch nicht nur für die Hausärzte. Anlässlich des Internationalen Frauentages forderten Österreichs Ärztinnen ein rasches Umdenken ihrer – immer noch bestimmenden – männlichen Kollegen. Denn ganz an der Spitze sind die Herren immer noch (fast) unter sich.

Die Statistik belegt die fortschreitende Feminisierung der Medizin nachdrücklich. In den kommenden Jahren wird der Anteil der Ärztinnen insgesamt von derzeit 46 auf 55 Prozent steigen.

Bei den angestellten Ärzten ist dieser Anteil heute bereits Realität. Nachdem aber bereits 59 Prozent aller Turnusärzte Frauen sind, wird der Prozentsatz noch weiter steigen. Nur in den Führungsebenen tut sich vergleichsweise wenig. Gerade einmal 14 Prozent aller Primariate sind von Frauen besetzt. Genauso niedrig liegt etwa der aktuelle Anteil an Professorinnen an der MedUni Wien, der größten Medizin-Uni des Landes.

Bei den ärztlichen Berufen würde zwar bei gleicher Arbeit die Leistung von Frauen und Männern auch gleich bezahlt, sagt Dr. Eva Raunig, Vizepräsidentin der Ärztekammer Wien, die besser bezahlten Jobs seien aber nach wie vor „überwiegend von Männer besetzt. Sie können offenbar Arbeitsbedingungen akzeptieren, die für Ärztinnen mit Familie oder für Alleinerzieherinnen mit Kindern unzumutbar sind.“

Um in Wien zu bleiben: Hier haben die Ärztinnen die Ärzte zahlenmäßig bereits überholt. 51 Prozent aller niedergelassenen und angestellten Ärzte sind in der Bundeshauptstadt heute Frauen. Im Bereich der angestellten Ärztinnen besteht im Fach Allgemeinmedizin mit 75 Prozent der stärkste weibliche Überhang, die angestellten Fachärztinnen stellen 51 Prozent. Bei den in Ausbildung stehenden Ärztinnen und Ärzte klettert ihr Anteil beinahe schon auf zwei Drittel.

Keine Kinder wegen des Jobs

Aber nicht nur in den klinischen Führungspositionen können viele angestellte Ärztinnen Familien- und Arbeitsleben kaum vereinbaren. Sie verzichten daher entweder auf Kinder oder sie verlassen das Krankenhaus und schaffen sich eine „Nische“ – etwa Arbeitsmedizinerin oder Schulärztin – , in der sie ärztlich tätig sind, erläutert Dr. Irene Nemeth. Die Leiterin des Genderreferats in der NÖ Ärztekammer zitiert dazu aus einer Untersuchung aus Oberösterreich, wonach ein Drittel der Ärztinnen unter 40 Jahren kinderlos ist, mehrheitlich aber noch Kinder bekommen wolle. Mehr als die Hälfte der kinderlosen Ärztinnen meint, dass sie in einem anderen Beruf Kinder bekommen hätten. „Bei diesen Daten sollten bei uns allen die Alarmglocken läuten“, kritisiert Nemeth.

Ärztinnen entscheiden sich für Wahlarztpraxis

Im niedergelassenen Bereich steht die mehrheitliche Übernahme durch die Frauen zwar erst noch bevor. Absehbar ist sie allerdings bereits. „Einer immer noch gering vorhandenen Männerdomäne in den älteren Jahrgängen wird ein eklatanter Überhang von Frauen in jüngeren Generationen gegenüberstehen“, begründet dies Nemeth. In Niederösterreich etwa werde in der Folge die Gruppe der Hausärztinnen von derzeit 34 Prozent auf voraussichtlich 42 Prozent anwachsen, bei den Fachärztinnen mit Kassenvertrag von 31 Prozent auf 38 Prozent.

Vor allem der kassenärztliche Bereich ist derzeit noch zu zwei Drittel männlich dominiert. Ein Grund dafür liegt auch in der Tatsache, dass sich viele Allgemeinmedizinerinnen heute lieber für eine Wahlarztpraxis entscheiden. Laut einer Umfrage der NÖ Ärztekammer aus dem Jahr 2013 taten das 90 Prozent der Ärztinnen ganz bewusst.

„Offensichtlich ist es für viele Frauen attraktiver, als Wahlärztin zu arbeiten, obwohl die Einkommensmöglichkeiten weit unter denen einer Ordination mit Kassenvertrag liegen“, sagt Dr. Martina Hasenhündl, Kurienobmann-Stellvertreterin der niedergelassenen Ärzte in der NÖ Ärztekammer. Hauptgrund dafür sei die Möglichkeit, als Wahlärztin die Arbeitsbedingungen selbst gestalten zu können. „In dieser Problemstellung wird eine der großen Herausforderungen liegen, künftig gerade im Bereich der Landmedizin eine flächendeckende Versorgung aufrechterhalten zu können.“

Mehr als zwei Drittel aller allgemeinmedizinischen Wahlarztordinationen werden daher heute bereits von Frauen geführt.

Höhere Wertschätzung

Andere Jungärztinnen entscheiden sich überhaupt dafür, nach ihrer Ausbildung entweder in andere Berufe auszuweichen, die sich mit ihren Lebensvorstellungen eher vereinbaren lassen, oder in andere Länder abzuwandern, dorthin, wo sie akzeptable Bedingungen für ihren Beruf vorfinden. „Die österreichischen Ärztinnen gehen nach Deutschland, die deutschen nach Dänemark, weil es dort noch besser ist“, meint Raunig. Das habe nicht nur mit besseren Verdienstmöglichkeiten, familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen und Kinderbetreuungsangeboten zu tun, sondern auch mit „der Wertschätzung, die Ärztinnen in Dänemark entgegengebracht wird. Dort werden sie geschätzt, nicht nur beschimpft.“ Das wiederum habe auch mit der höheren Wertschätzung der Frauen insgesamt in den nordeuropäischen Ländern zu tun, ergänzt Hasenhündl. „Die höhere Wertschätzung spiegelt sich natürlich auch im ärztlichen Beruf wider.“

Für Raunig ist das eine „Vergeudung von Ressourcen, wenn Ärztinnen nach ihrem Studium ihren Beruf nicht ausüben können oder wollen, weil er nicht mit einem Familienleben vereinbar ist.“ Die Ärztevertreterinnen fordern daher umgehend „Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Dazu zählen verbesserte Teilzeitmodelle, beginnend schon für Ärztinnen in Ausbildung, flächendeckende Kinderbetreuungsplätze, die auch auf die Arbeitszeiten von Ärztinnen Rücksicht nehmen, sowie flexiblere Kooperationsmöglichkeiten im Kassenbereich, etwa in Form von gesplitteten, auf mehrere Ärztinnen aufgeteilten Kassenverträgen.

„Unser soziales Gesundheitssystem wird scheitern, wenn wir nicht rasch Wege finden, um die Bedingungen für Frauen zu optimieren“, gibt sich Hasenhündl kämpferisch. „Andernfalls suchen wir uns andere Aufgaben, da sind wir flexibel. Wir machen da nicht mehr mit, da sind wir stur.“

Die derzeit laufenden Verhandlungen und Umstrukturierungen, die sich aus der Novellierung des Krankenanstalten-Arbeitszeitengesetzes ergeben, würden jedenfalls eine gute Gelegenheit bieten, diesen Forderungskatalog endlich anzugehen, assistiert Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, seiner Kollegin in der Standesvertretung.

Kein gutes Beispiel

Apropos Standesvertretung: Diese geht keineswegs mit gutem Beispiel voran. Nach wie vor sind die Kammerstrukturen männlich dominiert, nur vereinzelt finden sich Frauen in den Entscheidungs- und Führungsgremien. Eine Ärztekammerpräsidentin hat es ohnehin weder in den Bundesländern noch innerhalb der Österreichischen Ärztekammer je gegeben. „Wir brauchen eine Repräsentanz von 50 Prozent Frauen in allen Verhandlungsteams auf Kammerebene“, fordert daher Raunig. Zumindest gäbe es jetzt einmal einen „Empfehlungsbeschluss der Vollversammlung der Ärztekammer“, zukünftig auf einen Anteil von zumindest 50 Prozent weiblichen Kammerrätinnen zu achten. Was eine solche Empfehlung tatsächlich bewirken kann, bleibt allerdings abzuwarten.

Die Hälfte aller Apotheken wird von Frauen geführt

Noch höher als in der Medizin ist der Frauenanteil in den heimischen Apotheken. Fast 90 Prozent aller Apothekenangestellten sind Frauen. Jede zweite der 1.360 Apotheken im Land – und hier findet sich doch ein signifikanter Unterschied zur Medizin – wird inzwischen von einer Frau geführt. Mag. Kornelia Seiwald, Präsidentin der Apothekerkammer Salzburg (auch dazu gibt es in der Ärztekammer kein Pendant), begründet den hohen Anteil an Frauen im Apothekerberuf bis in die Führungsebenen mit der „ausgezeichneten Kombinationsmöglichkeit von Beruf und Familie. Denn die hochqualifizierte Teilzeitarbeit ist bei den Apotheken umgesetzt.“ Apothekerinnen und Apotheker könnten je nach individueller Lebenssituation in den verschiedensten Teilzeitvarianten arbeiten, erläutert Seiwald. 78 Prozent aller Beschäftigten nutzen diese Möglichkeit auch aus, um Kind und Karriere zusammenzubringen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 12/2015

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