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Prim.Dr. Helmut Trimmel, MSc Abteilungsvorstand Anästhesie , Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin, Landesklinikum Wiener Neustadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dr. Michael Lang Präsident der ÄK Burgenland, Leiter des Referats für Notfall- und Rettungsdienste sowie Notfallmedizin in der ÖÄK

 

 
Gesundheitspolitik 16. März 2015

Wo bleibt der Notarzt?

Rettungsorganisationen befürchten negative Auswirkungen aufgrund der neuen Arbeitszeitrichtlinie für Spitalsärzte und fordern rasche Gegenmaßnahmen, um das System flächendeckend aufrecht erhalten zu können.

Mit einem Hilferuf wandte sich Prof. DDr. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, vergangene Woche, anlässlich des in Linz stattfindenden Rettungsdienstsymposiums, an die Öffentlichkeit. Zwar gäbe es derzeit keinen Mangel an ausgebildeten Notärzten im Land, dennoch sei die notärztliche Versorgung in Österreich in Gefahr, meinte Schöpfer, weil einerseits Krankenhäuser aufgrund der neuen Arbeits- und Ruhezeitbestimmungen zukünftiger viel weniger Notärzte zur Verfügung stellen würden und andererseits die Gebietskrankenkassen auf einem Angestelltenverhältnis bestehen würden. Dadurch komme die 48-Stunden-Regelung zum Tragen, was zusätzliche Dienste als Notarzt unmöglich machen würde. Die Folge wäre ein „künstlich verursachter“ Notärztemangel. Schon jetzt käme es punktuell zu Problemen, Notarztdienste lückenlos zu besetzen. Das Rote Kreuz tritt daher für eine „kleine Änderung im ASVG“ ein, um den Notärzten wieder eine Tätigkeit auf Werkvertragsbasis zu ermöglichen, wie das auch früher jahrelang üblich gewesen wäre. Gebietskrankenkassen und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales lehnen eine solche Änderung allerdings bisher strikt ab. Vielen betroffenen Notärzten gehen die Forderungen Schöpfers aber nicht weit genug. Sie verlangen eine grundlegende Reform des Systems anstelle von „kleinen Änderungen“ in der Frage des Anstellungsverhältnisses: unter anderem eine verbesserte Ausbildung und neue Organisationsformen mit klaren Strukturen und Abgrenzungen.

Freiberuflicher Notarztdienst

„Genügend Notärzte vorhanden, um auf Werkvertragsbasis ausreichend zu besetzen“

Wie schnell wird in Zukunft der Notarzt kommen? Und wird er überhaupt kommen? Die Antwort darauf ist derzeit ungewiss. Bereits jetzt sind immer wieder Notarztdienste unbesetzt. Es gab schon Fälle, bei denen der Notarzt aus einem benachbarten Bezirk anrücken musste. Die Lage ist angespannt – und wenn nicht alle Verantwortlichen effektiv an einer Lösung arbeiten, wird sie sich noch weiter verschlechtern.

Das notarztgestützte Rettungssystem in Österreich ist ein bewährtes Modell, das die beste Versorgung bietet. Die Arbeitszeitbeschränkung für angestellte Ärzte bringt dieses Modell ins Wanken. Wenn die Richtlinie umgesetzt wird und Ärzte maximal 48 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, werden sie in dieser Zeit primär im Krankenhaus und nicht für den Notarztdienst eingeteilt, damit die Versorgung in den Spitälern gesichert ist. Wir glauben, dass genügend Notärzte zur Verfügung stehen und wir – wie bis vor einigen Jahren – den Notarztdienst auf Werkvertragsbasis ausreichend besetzen können. Allerdings ist das nach Ansicht der Gebietskrankenkassen und des Sozialministeriums rechtlich nicht möglich. Bis zum Jahr 2010 war das freiberufliche Modell kein Problem, seither wird es allerdings blockiert. Beim freiberuflichen Notarztdienst geht es nicht darum, Mediziner auszubeuten oder ihre Überarbeitung zu forcieren. Durchschnittlich kommen auf einen Notarztstützpunkt des Roten Kreuzes drei Einsätze in 24 Stunden. Das bedeutet für Patienten eine hochqualitative Versorgung durch Notfallmediziner mit klinischem Hintergrund und gleichzeitig für die Ärzte wertvolle Erfahrungen in der präklinischen Notfallmedizin.

Für das weitere Funktionieren des Notarztsystems ist eine rasche österreichweite Regelung notwendig, mit der tragbare Arbeitsbedingungen für Ärzte geschaffen werden und gleichzeitig die Möglichkeit besteht, zusätzlich zur Arbeit im Krankenhaus Notarztdienste zu übernehmen.

Die flächendeckende Versorgung mit Notärzten ist Verantwortung der Politik. Deshalb muss, im Sinne von allen Notfallpatienten, hier ein Umdenken stattfinden.

Grundlegende Reformen nötig

„Wenig oder nicht indizierte Notarzteinsätze reduzieren“

Die aktuelle Reform des KA-AZG hat die Diskussion um den zu befürchtenden Notarztmangel zweifellos um eine Facette bereichert. Leider ist es aber nicht so einfach, dass diese Probleme mit einer „kleinen Änderung des ASVG“ gelöst werden können. Dazu bedarf es grundlegender Reformen, die weit über die Frage des Anstellungsverhältnisses hinausgehen. Sie müssten sich vor allem mit folgenden Eckpunkten beschäftigen:

1. Attraktivität des Berufsbildes Notarzt/Notärztin: Dazu zählen die längst überfällige Reform des § 40 ÖÄG für eine zeitgemäße Notarzt-Ausbildung ebenso wie eine stärkere Einbindung des notärztlichen Dienstes in klinische Versorgungseinrichtungen. Für die differenzierten Bedürfnisse unterschiedlicher Organisationsformen im österreichischen Notarztwesen sind darüber hinaus auch tragfähige Modelle der freiberuflichen Leistungserbringung erforderlich. Grundvoraussetzung muss natürlich eine adäquate Abgeltung der notärztlichen Leistung sein, für die auch rechtlich einwandfreie Modelle geschaffen werden können, ohne „Hintertüren“ zu benötigen.

2. Eine klare Trennung zwischen Notarztdienst und ärztlichem Bereitschaftsdienst: Visitentätigkeit fällt in den hausärztlichen Bereich bzw. in dafür geschaffene Ersatzstrukturen (Ärztenotdienst). Qualifizierte Notärzte werden für diese Tätigkeiten mittelfristig nicht zur Verfügung stehen.

3. Evaluierung der Standortdichte unter Einbeziehung des nichtärztlichen Rettungsdienstes: Durch Erhöhung des Qualifikationsniveaus in diesem Bereich könnte die hohe Anzahl an wenig oder nicht indizierten Notarzteinsätzen deutlich reduziert werden. Auch die Einsatzdisposition hat hier wesentlichen Anteil.

Das sich verändernde Gesundheitswesen braucht neue Organisationsformen. Auch die Änderungen der Ärzteausbildungsordnung werden neue Herausforderungen für die Sicherstellung der Notfallversorgung bringen. Angesichts der seit Jahren rückläufigen Verfügbarkeit von Ärzten im öffentlichen Gesundheitswesen besteht dringender Handlungsbedarf. Will die Politik eine qualifizierte notärztliche Versorgung nachhaltig sicherstellen, wird es also mehr bedürfen als einer „kleinen Änderung des ASVG“.

Zwei Notarzt-Typen

„Es dürfen nur arbeitsrechtliche, aber keinerlei verdienstrechtliche Unterschiede bestehen.“

Die Problematik des Anstellungsverhältnisses von Notärzten ist seit Längerem bekannt. Die politisch Verantwortlichen haben es verschlafen, rechtzeitig die Rahmenbedingungen zu schaffen, um auch in Zukunft eine reibungslose Funktion zu garantieren. Im Referat für Rettungs- und Notfallmedizin der ÖÄK wurde diese Problematik bereits 2010 diskutiert und eine Änderung des ASVG als mögliche Lösung angedacht. Allerdings ist die Situation differenzierter: Ein Notarzt im Angestelltenverhältnis ist sozialversichert, während er bei einem Werkvertrag selber dafür sorgen muss. Andererseits steigen die Kosten für den Betreiber durch die Arbeitgeberabgaben überproportional an. Erschwert wird die Situation durch das neue KAAZG und die Ruhezeitenregelungen, sofern diese Tätigkeit zur Arbeitszeit hinzugerechnet wird und neben einem hauptberuflichen Krankenhausjob ausgeübt wird.

Doch sollten diese Überlegungen in den Hintergrund treten vor der grundlegenden Überlegung, dass es nur zwei Typen des Notarztes geben kann und soll: den hauptberuflichen Notarzt, der allen Regelungen des Angestelltenverhältnisses unterliegt, und den nebenberuflichen Notarzt, der diese Tätigkeit eigenverantwortlich und freiberuflich ausübt. Die ÖÄK vertritt den Standpunkt, dass hier natürlich nur arbeitsrechtliche, aber keinerlei verdienstrechtliche Unterschiede bestehen dürfen. Hauptberuflich in Krankenanstalten tätigen Ärzten sollten außerberufliche Tätigkeiten nicht angerechnet werden können, wobei es selbstverständlich ist, dass diese zu keinen Einschränkungen im Hauptberuf führen dürfen. Freiberufliche Freizeittätigkeiten sollten unabhängig vom Inhalt (Fallschirmspringen, Shoppen, Familienleben, Notarzttätigkeit, Privatpraxis) nicht als Arbeitszeiten kumuliert werden. Die hierfür nötigen gesetzlichen Regelungen sind zu schaffen, um eine notfallmedizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Unabhängig davon stellt sich für die ÖÄK die Frage, ob der Gesetzgeber es schafft, die Grundlagen zu etablieren, damit Notärzte weiterhin ihren Job ausüben können, ohne durch realitätsferne Gesetzeslagen an der Akutversorgung behindert zu werden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 12/2015

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