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In der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist der Bedarf deutlich größer als das therapeutische Angebot.
 
Gesundheitspolitik 4. März 2015

Von einer Vollversorgung meilenweit entfernt

Zu wenige Fachärzte, zu wenige Betten, zu wenige Kassenpraxen – das Versorgungsangebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt mit dem steigenden Bedarf nicht mit.

Derzeit erhebt die Wiener Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie erstmalig epidemiologische Daten zur bundesweiten Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Die vorläufigen Ergebnisse wurden am 32. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Salzburg präsentiert.

Nicht nur Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche leiden immer häufiger unter psychischen Störungen, vor allem Angstzuständen, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefiziten/ Hyperaktivitätsstörungen, Störungen des Essverhaltens und Suchterkrankungen. Wie viele davon in Österreich betroffen sind, kann bislang nur geschätzt oder aufgrund internationaler Daten hochgerechnet werden. Wissenschaftlich fundiertes Datenmaterial gab es dazu bisher nicht.

Für Deutschland hingegen hat das Robert Koch-Institut in Berlin erhoben, dass 20 Prozent der Kinder psychische Auffälligkeiten aufweisen und zehn Prozent sogar deutlich erkennbare Störungen haben. Eine ganz aktuelle, erst vor wenigen Tagen publizierte Meta-Analyse, die Daten aus 40 internationalen Studien einbezogen hat, weist einen Wert von 13,4 Prozent Kinder und Jugendliche aus, die weltweit an „diagnostizierten psychischen Störungen“ leiden, erzählt Prof. Dr. Andreas Karwautz, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP), im Ärzte Woche Interview.

Dreizehn Prozent diagnostizierte Störungen

In Salzburg diskutierte Karwautz mit seinen Fachkollegen die bereits vorliegenden Zwischenergebnisse der österreichischen epidemiologischen Studie zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen. Sie wird von der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien durchgeführt und von der Pharmig im Rahmen des Präventions-Förderprogramms zur Kinder- und Jugendgesundheit finanziert.

Im Zuge einer ersten Studienphase wurden 3.600 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren gescreent, verteilt über alle Bundesländer und Schultypen. Die Ergebnisse des Screenings liegen jetzt am Tisch – und sie entsprechen in etwa den internationalen Vergleichswerten. „Wir haben bei knapp 28 Prozent der Mädchen und 22 Prozent der Burschen psychische Auffälligkeiten ermittelt“, erläutert Karwautz. Diese „Verdachtsfälle“ werden nun in einer zweiten, derzeit laufenden Studienphase, mithilfe von Tiefeninterviews detaillierter untersucht. Wie viele davon am Ende tatsächlich als behandlungsbedürftige, psychische Erkrankungen identifiziert werden, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Karwautz erwartet aber, dass man sich irgendwo im Umfeld des internationalen Vergleichswerts von 13 Prozent wiederfinden wird.

Analysiert werden auch die Gründe für die Erkrankungen. „Wir schauen auch auf die Zusammenhänge und suchen nach den Risikofaktoren“, erläutert Karwautz. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Beziehung der Jugendlichen zu ihrem Elternhaus. „Bei gestörten Beziehungen steigt das Risiko für eine psychische Erkrankung um den Faktor sechs. Dahinter folgen Probleme mit der Schule (fünffaches Risiko) und innerhalb der Peergroup oder das Fehlen einer solchen (vierfaches Risiko).

Ob die österreichweiten Zahlen an behandlungsbedürftigen, psychisch kranken Kindern und Jugendlichen am Ende der Studie nun knapp über oder knapp unter dem internationalen Schnitt von 13,4 Prozent liegen werden, ändert in jedem Fall nichts an der Tatsache, dass der Bedarf offensichtlich deutlich größer ist als das therapeutische Angebot. „Der Versorgungsmangel macht uns größte Schwierigkeiten. Uns fehlen zumindest 50 Prozent der benötigten Betten“, resümiert Karwautz, „wobei die Situation in Wien besonders schlecht ist. Von dem deklarierten Ziel einer Vollversorgung sind wir momentan noch meilenweit entfernt.“

Mangelhaftes Therapieangebot

Der Österreichische Strukturplan Gesundheit und internationale Empfehlungen formuliert die Notwendigkeiten einer kinder- und jugendpsychiatrischen Vollversorgung wie folgt: eine stationäre Vollabteilung pro 300.000 Einwohner, eine niedergelassene Kassenstelle pro 80.000 Einwohner.

Der Status quo sieht leider anders aus. „Abgesehen von Kärnten ist die Situation alarmierend“, klagt Dr. Charlotte Hartl, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Bundesfachgruppen-Obfrau der Österreichischen Ärztekammer. Kärnten sei sozusagen der Musterschüler, obwohl sich das Land auch nur am unteren Rand der definierten Vollversorgung bewegt, aber immerhin. Kärnten wird in nächster Zeit auch im extramuralen Bereich von zwei auf fünf Kassenstellen aufstocken, erfüllt damit den Versorgungsschlüssel 1:80.000.

Apropos extramuraler Bereich: Auch hier ist die Situation unbefriedigend. „In allen Bundesländern außer Kärnten haben wir massiven Nachholbedarf“, erläutert Hartl. Österreichweit sind derzeit 20 Kassenstellen besetzt, eine weitere in Niederösterreich ist vakant. In Wien gibt es bis Ende März noch ein Vakuum. Mit 1. April werden aber wenigstens vier Kassenpraxen aufsperren, zwei Einzel- und zwei Gruppenpraxen mit insgesamt sechs Fachärzten. Damit ist laut Hartl „zumindest ein Anfang gemacht, wenn man auch von einer nur annähernd angemessenen Versorgungslandschaft noch lange nicht sprechen kann.“

Problematisch bleibt die Situation in Salzburg, in der Steiermark und im Burgenland, wo es bis dato nicht eine einzige projektierte Kassenstelle gibt, nicht einen ausverhandelten GKK-Kassenvertrag. „Diesen unbefriedigenden Status quo zu überwinden und Kassenverträge für die drei Bundesländer zu erwirken, ist eines von meinen derzeit zwei großen gesundheitspolitischen Anliegen“, sagt Hartl. Erreichen könne sie dieses Ziel letztendlich aber nur dann, wenn es – einmal abgesehen von den dafür benötigten finanziellen Mitteln und der Infrastruktur – gelingt, dem System genug ausgebildete Fachärzte zur Verfügung zu stellen, um die zusätzlichen Angebote im stationären wie im niedergelassenen Kassenbereich auch besetzen zu können. „Und damit bin ich auch schon bei meinem zweiten großen Anliegen“, sagt Hartl. „Es muss gelingen, zusätzliche Ausbildungsplätze für die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu schaffen. Die derzeit geltende Mangelfachregelung hat sich als unzureichend erwiesen. Sie reicht bei Weitem nicht aus, um die seit Jahren bekannten aber bisher weitgehend ungelösten Versorgungsengpässe zu beseitigen und das Versorgungsangebot bedarfsorientiert in die Höhe zu fahren.“

Fehlende Ausbildungsplätze

Dafür bräuchte es rund 350 Fachärzte, hat die Ärztekammer ausgerechnet. Mit Stand 1. Jänner 2015 sind aber gerade einmal 191 registriert, davon 65 in Wien, 26 in Niederösterreich, 24 in Kärnten, 21 in Oberösterreich, 18 in der Steiermark, 15 in Salzburg, neun in Vorarlberg, acht in Tirol und fünf im Burgenland.

„Wir haben jetzt im Rahmen der Vereinbarungen zur ‚Ärzteausbildung neu‘ die einmalige Chance, mittels Verordnung durch die Bundesministerin zu einem neuen Ausbildungsschlüssel zu kommen. Dieser ermöglicht uns so viele zusätzliche Ausbildungsplätze, die wir dringend brauchen, um eine Vollversorgung zu erreichen“, setzt Hartl auf ein entsprechendes Entgegenkommen des Ministeriums in den laufenden Verhandlungen mit der Ärztekammer.

Forensische Therapie

Ein spannendes Thema am Salzburger Kongress widmete sich der forensischen Therapie bei jugendlichen Straftätern. Eine Forensik-Gruppe innerhalb der ÖGKJP hat internationale Modelle studiert – unter anderem in der Schweiz – und ein Curriculum für forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie erarbeitet. Eine fertige Version liegt dem Bundesministerium bereits zur Begutachtung vor und soll in Kürze publiziert werden, erwartet Krawautz: „Das Curriculum wird einen massiven Fortschritt und Qualitätssprung in der forensischen Kinder- und Jugendpsychiatrie in diesem Land bringen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 10/2015

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