zur Navigation zum Inhalt

 

© RuthEhrmann

Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner leitet seit März 2011 die Sektion III, Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Gesundheit. Nach ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien und London habilitierte sie an der MedUni Wien. Sie forschte in den Bereichen Infekti- onsepidemiologie, Vakzinprävention und Reisemedizin; seit 2008 Gastprofessur an der Tel Aviv University, Israel; seit 2011 Gastdozentur an der MedUni Wien./ © Ruth Ehrmann

 
Gesundheitspolitik 17. Februar 2015

„Impfen ist ein solidarischer Akt“

Derzeit gibt es innerhalb der Gesundheitsberufe überdurchschnittlich viele Impfskeptiker.

Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionschefin im Gesundheitsministerium für Public Health im Ärzte-Woche-Exklusivinterview über die „ethisch moralische Verpflichtung zur Impfung“ für alle Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen, über ein entsprechendes Addendum zum Nationalen Impfplan und das Scheitern an föderalen Zuständigkeiten.

In Österreich gibt es überdurchschnittlich viele Impfskeptiker – und in vielen Bereichen entsprechend unterdurchschnittliche Durchimpfungsraten.

Rendi-Wagner: Eine aktuelle Umfrage zum Impfverhalten belegt, dass etwa vier Prozent der österreichischen Bevölkerung sehr kritisch gegenüber Impfungen eingestellt sind und meinen, dass die Nachteile stark überwiegen. Weitere fünf Prozent sind gemäßigt kritisch und geben an, dass die Nachteile des Impfens nur etwas überwiegen. Über 60 Prozent der Bevölkerung sehen Vorteile in Impfungen. Diese nationalen Zahlen weichen nicht sehr von internationalen Erfahrungen ab. Tatsache ist, dass man mit gezielten Aufklärungsinitiativen, wie etwa unserer Kampagne „Masern sind, kein Kinderspiel“, diese Gruppe der gemäßigt skeptischen Leute erreichen sollte. Die aktuellen Impfraten-Schätzungen zeigen, dass wir damit erfolgreich waren – in allen öffentlichen Impfprogrammen konnten Steigerungen dokumentiert werden.

Trotzdem ist der Anteil jener, die impfskeptisch, ablehnend oder einfach impfmüde sind, für viele Experten besorgniserregend. Warum ist das so?

Rendi-Wagner: Impfgegner argumentieren immer wieder, dass die meisten Infektionskrankheiten praktisch verschwunden sind. Tatsächlich sind diese zwar infolge der Impfungen stark reduziert, allerdings nicht verschwunden. So blieb die Bevölkerung der industrialisierten Länder gerade in den letzten Jahrzehnten aufgrund der hohen Impfraten von weitreichenden Krankheitsepidemien verschont. Leider ging infolge einer daraus resultierenden „Sorglosigkeit“ beziehungsweise der Verharmlosung einer realen Bedrohung auch oft das Wissen über die Bedeutung derartiger Maßnahmen in unserer Gesellschaft verloren. Daher sehe ich als wesentlichen Aspekt einer erfolgreichen Impfpolitik auch die verständliche öffentliche Information der Bevölkerung über die Gefahren, die Erkrankungen mit sich bringen können, sowie über den Nutzen und allfällige Risiken der Impfung. Es ist unser Ziel, die Menschen zu unterstützen, eine informierte, selbstbestimmte Impfentscheidung treffen zu können. Wir müssen dabei auch klarmachen, dass Impfen nicht nur individuell nützt, sondern auch ein solidarischer Akt ist.

Was noch auffällt: Überdurchschnittlich viele Impfskeptiker oder -gegner finden sich gerade in den gut ausgebildeten, gut informierten Schichten. Wie erklären Sie dieses Phänomen?

Rendi-Wagner: Menschen, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen, beziehen ihre Informationen zu Impf- und Gesundheitsfragen oft über soziale Kontakte und moderne Medien, nehmen wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch nicht oder nur sehr selektiv zur Kenntnis. Da die Inhalte moderner Medien, etwa dem Internet, so gut wie keiner Qualitätssicherung unterliegen, ist es nicht verwunderlich, dass sich auch unwissenschaftliche Erklärungen in hohem Maße dort wiederfinden. Es ist für Nicht-Experten fast unmöglich, seriöse von unseriöser Information zu unterscheiden. Das ist ein Dilemma.

Den Gesundheitsberufen, allen voran den Ärzten, kommt nicht nur bei der Aufklärung über Nutzen und Risiken von Impfungen eine wesentliche Rolle zu, sondern sie sind auch als potenzieller Überträger in einer besonders exponierten Position. Trotzdem finden sich auch innerhalb der Gesundheitsberufe überdurchschnittlich viele Impfskeptiker.

Rendi-Wagner: Gesundheitspersonal hat einerseits ein höheres Risiko, im Kontext der Arbeit Infektionen zu akquirieren, und stellt andererseits selbst eine Infektionsgefahr für Patienten und Patientinnen dar. Leider stimmt es, dass die Durchimpfungsraten des Gesundheitspersonals in Österreich – insbesondere im Krankenhausbereich – als nicht ausreichend zu bewerten sind. Gesundheitsberufe haben zweifellos eine quasi ethisch moralische Verpflichtung zur Impfung. Aufgrund dessen haben wir gemeinsam mit Experten und Expertinnen des nationalen Impfgremiums kürzlich ein Addendum zum Impfplan namens „Impfempfehlungen für das Gesundheitspersonal in Österreich“ erstellt. Es ist auf unserer Homepage veröffentlicht.

Impfpflicht gibt es in Österreich keine. Sind Szenarien vorstellbar, wo eine solche Verpflichtung partiell Sinn machen könnte?

Rendi-Wagner: Eine Impfpflicht steht in Österreich nicht zur Diskussion. Die Grundrechte werden nicht in Frage gestellt.

In manchen Ländern sind gewisse Impfungen Voraussetzung, um etwa einen Job oder auch einen Kindergartenplatz zu erhalten – ein Weg, der für Sie vorstellbar ist?

Rendi-Wagner: Es gibt immer wieder den Vorschlag seitens diverser Fachleute auf nationaler wie internationaler Ebene, die Aufnahme in Kinderbetreuungseinrichtungen vom Nachweis eines ausreichenden Impfschutzes abhängig zu machen. Derzeit haben wir keine Regelung dieser Art.

Stichwort HPV-Impfung: Zahlen der ÖÄK zur Durchimpfungsrate weichen von Schätzungen des Ministeriums weit ab, liegen laut steirischer Impfdatenbank bei den Neun- bis Zehnjährigen unter 20 Prozent. Die ÖÄK fordert jetzt den Aufbau einer bundesweiten Impfdatenbank und einheitliche Impfmöglichkeiten in allen Bundesländern. Werden Sie das unterstützen?

Rendi-Wagner: Die Umsetzung des nationalen Kinderimpfkonzeptes ist Ländersache: neun Länder, neun Möglichkeiten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die steirischen Impfzahlen nicht mit den Bundeszahlen übereinstimmen – wir sehen jedes Jahr signifikante Schwankungen zwischen den einzelnen Bundesländern. Nichtsdestotrotz ist die Frage der Impfdokumentation seit geraumer Zeit konkretes Thema zwischen Bund und Ländern. Eine einheitliche Vorgangsweise bei der Erfassung und Dokumentation der Impfungen wird seitens BMG immer wieder gefordert. Da scheitern wir derzeit leider an der föderalen Zuständigkeit. Daher planen wir heuer bundeslandunabhängig eine systematische Erhebung gemeinsam mit der AGES zur Erfassung der Durchimpfungsraten in Österreich.

Prävention findet sich als Generalthema in fast allen zehn Gesundheitszielen wieder. Impfen gilt unter Experten als wirkungsvollste und wichtigste Präventionsmaßnahme. Welche politischen (und finanziellen) Möglichkeiten hat das BMG, um das Thema voranzutreiben?

Rendi-Wagner: Im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat Impfen in Österreich immer einen sehr hohen Stellenwert eingenommen. Für keine andere Präventionsmaßnahme werden jährlich so große Budgetmengen veranschlagt wie für das kostenlose Impfprogramm. Auch unsere bereits erwähnte bundesweite Masernkampagne oder aber auch unsere neue Empfehlung zur HPV-Impfung zeugt davon, dass dieses Thema von höchster politischer Relevanz ist.

Abschließend nachmals zurück zur Masernkampage. Gibt es neben den gewonnenen Auszeichnungen dafür auch schon Datenauswertungen über ihre nachhaltige Wirksamkeit?

Rendi-Wagner: Derzeit können nur erste Schätzungen dargestellt werden: Bis Mai hatte man ungefähr eine 33-prozentige Steigerung der Impfstoff-Abrufmengen, über das ganze Jahr etwa 15 Prozent. Die endgültige Statistik wird aber erst fertiggestellt.

Planen Sie in absehbarer Zeit weitere Kampagnen?

Rendi-Wagner: Das kann man jetzt noch nicht sagen, denn die Analyse der Durchimpfungsraten erfolgt nach Fertigstellung der Impfstatistik. Danach wird überlegt, welche Maßnahme geeignet erscheint, um die Durchimpfungsraten weiter zu erhöhen. Hier warten wir auch die Ergebnisse der AGES-Erhebungen ab.

Das Gespräch führte Mag. Volkmar Weilguni.

zur Person

Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner leitet seit März 2011 die Sektion III, Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Gesundheit. Nach ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien und London habilitierte sie an der MedUni Wien. Sie forschte in den Bereichen Infektionsepidemiologie, Vakzinprävention und Reisemedizin; seit 2008 Gastprofessur an der Tel Aviv University, Israel; seit 2011 Gastdozentur an der MedUni Wien.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben