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Der Erstattungskodex informiert über den Zulassungsstatus von Medikamenten. Seit kurzem können sich Ärzte und Patienten mittels der App „EKO2go“ im mobilen Erstattungskodex über Medikamente informieren.
 
Gesundheitspolitik 2. Februar 2015

Kodex bringt Systemordnung

Seit zehn Jahren gibt es den Erstattungskodex. Gedacht ist er als Hilfsmittel, betont Prof. Dr. Klaus Klaushofer, und nicht, „um die Verordner zu quälen“.

Ziel des Erstattungskodex ist laut Eigendefinition, die „Versorgung der Patienten mit hochwertigen Medikamenten zu ökonomisch vernünftigen Preisen“ sicherzustellen – ein einigermaßen ambitionierter Anspruch.

Die moderne Medizin leistet immer mehr – sie kostet aber auch immer mehr. Das gilt in besonderem Maße für neue, innovative Medikamente. Pharmafirmen lassen sich ihre jahrelange Forschungsarbeit und die damit verbundenen zum Teil horrenden Entwicklungskosten natürlich auch entsprechend entlohnen. Welcher Preis für welches Medikament „fair“ oder auch „marktgerecht“ ist, liegt dann oftmals alleine im Auge des Betrachters.

Immer wieder tritt diese Problematik offen zutage, führt zu hitzigen Debatten über Zwei-Klassen-Medizin, soziale Verantwortung und Geschäftemacherei auf den Rücken der Patienten. Erst in der letzten Ausgabe berichteten wir über einen solchen Fall. In den Standpunkten wurde von Experten darüber diskutiert, ob für ein neues Präparat mit dem Wirkstoff Sofosbuvir, das bei chronischen Hepatitis-C-Patienten eine hohe Heilungsrate binnen weniger Monate und ohne nennenswerte Nebenwirkungen verspricht, die enorm hohen Kosten gerechtfertigt seien oder es sich dabei vielmehr um eine „irrationale“ Preispolitik handelt, wie es Dr. Michael Jonas, Präsident der Ärztekammer Vorarlberg und Obmann der Bundessektion Fachärzte in der ÖÄK, ausdrückt (siehe Ärzte Woche, Ausgabe 5 / 2015, Seite 2).

Damit teure Medikamente im Sinne des Solidarprinzips des österreichischen Gesundheitssystems möglichst allen zur Verfügung stehen, müssen sie zuvor Aufnahme in den Erstattungskodex finden. Er löste am 1. Jänner 2005 das bis dahin bestehende Heilmittelverzeichnis ab.

Die Heilmittel-Evaluierungs- kommission entscheidet

Die meisten neuen Medikamente werden von den europäischen Behörden zentral zugelassen, sofern sie von diesen als grundsätzlich wirksam und sicher beurteilt wurden. Erst danach kann das Pharmaunternehmen um Aufnahme in den Erstattungskodex ansuchen und damit die wirtschaftlich nicht unbedeutende Frage abklären lassen, ob ihr Präparat von den Kassen ersetzt wird. Diese Frage wird dann von der Heilmittel-Evaluierungskommission geklärt, ein Gremium unabhängiger Experten, das monatlich zusammentritt.

Die Kommission müsse die Frage beantworten, „ob das Medikament auch einen entscheidenden Vorteil für die Patienten bringt“, erläutert deren Vorsitzende Prof. Dr. Brigitte Blöchl-Daum von der Uni-Klinik für Klinische Pharmakologie an der MedUni Wien. Die Kommission stehe in diesem Sinne „immer auf der Seite der Patienten“. Sie ermittelt den Stellenwert des neuen Medikaments bezüglich vergleichbarer, bereits zugelassener Medikamente. „Nur weil etwas neu ist, heißt das noch nicht, dass es auch besser ist“, sagt Blöchl-Daum. 2014 wurden etwa 82 neue Medikamente zugelassen, aber „nicht alle davon bringen den Patienten auch einen entscheidenden Vorteil. Wir haben auch zu beurteilen, wie hoch der Innovationsgrad des Medikaments ist und ob wir uns diesen auch leisten können.“ In Österreich könne jedenfalls „jeder, der ein Medikament benötigt, sicher sein, dieses auch ersetzt zu bekommen.“

Derzeit sind in Österreich 7.700 Medikamente zugelassen, 4.800 davon werden von der Kasse ersetzt. Im Kodex werden die Medikamente in ein Boxensystem eingeteilt. In der grünen Box sind die frei verschreibbaren Arzneimittel, in der gelben Box die Bewilligungspflichtigen und in der Roten jene Medikamente, für deren Aufnahme in den Kodex ein Antrag gestellt wurde.

Hilfsmittel für Ärzte

Der Kodex soll auch den Ärzten als nützliches Hilfsmittel dienen. „Der Kodex hat Ordnung ins System gebracht. Er ist nicht dazu da, die Verordner zu quälen, sondern ihre Arbeit als sinnvolles Hilfsmittel zu erleichtern“, erläutert Prof. Dr. Klaus Klaushofer, Primarius der 1. Medizinischen Abteilung und ärztlicher Direktor des Hanusch-Krankenhauses. Nicht die Ökonomie sei dessen Hauptrichtung, sondern die Sicherheit. „Viele Länder beneiden uns um dieses Tool. Es gibt den Ärzten die Sicherheit, dass alles, was im Kodex steht, wissenschaftlich geprüft wurde.“

Klaushofer plädiert dafür, dass der Kodex auch von den klinischen Ärzten in den Krankenhäusern konsequent verwendet wird, weil deren Entlassungsbriefe für die niedergelassenen Ärzte eine Vorgabe darstellen. „Ich empfehle meinen Mitarbeitern, sich an den Kodex zu halten, das erleichtert dann die Arbeit der niedergelassenen Ärzte, weil in Folge etwa keine nachträglichen Umstellungen auf Generika notwendig sind. Das sollten alle Kliniken tun.“

Kostenkontrolle

Wenn auch Ökonomie nicht die Hauptzielrichtung des Kodex ist, so soll er doch die Ärzte auch dazu motivieren, nach Möglichkeit das wirkstoffgleiche, aber günstigere Medikament zu verschreiben und damit „die Sozialversicherung in ihrem Kampf gegen steigende Medikamentenpreise zu unterstützen“, hofft der neue Hauptverbands-Vorsitzende Mag. Peter McDonald. Das sei gerade jetzt umso wichtiger, weil der Markt zuletzt wieder deutlich „angezogen“ und Dynamik gezeigt hätte. „Der medizinische Fortschritt nimmt wieder Fahrt auf. Das ist gut für die Patienten, aber auch eine große Herausforderung für den Hauptverband in seinem Bestreben, neue, innovative Medikamente rasch, finanzierbar und qualitätsgesichert zur Verfügung zu stellen.“

Allein im letzten Halbjahr lag der Anstieg der Medikamentenkosten bei acht Prozent, obwohl die Anzahl der Verschreibungen mit rund 122 Millionen seit Jahren stabil ist. Kostentreiber sind vor allem sehr teure Medikamente mit einem Kassenverkaufspreis von mehr als 700 Euro pro Packung. Hier stiegen die Ausgaben zwischen 2010 und 2013 um 51,8 Prozent. Diese sehr teuren Produkte hatten 2010 noch einen Anteil von 15,6 Prozent an den Gesamtausgaben, 2013 verursachten sie bereits 22,4 Prozent – und das mit nur 0,35 Prozent der Verschreibungen.

Man müsse daher jetzt „besonders genau auf die Medikamentenausgaben schauen“, meint McDonald und setzt hier vor allem auf die „eigenverantwortliche Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient“. Letztendlich müsse es im Sinne aller Beteiligten sein, das günstigere, wirkungsgleiche Medikament zu verschreiben, um „so die Finanzierbarkeit des Solidarprinzips nachhaltig zu sichern“.

In diesem Sinn appelliert McDonald an die Ärzte, noch stärker als bisher Generika zu verordnen. Immerhin sei man in diesem Bemühen zuletzt aber schon einen großen Schritt weitergekommen. So ist der Anteil der Generika an den Verschreibungen von 30 Prozent im Jahr 2005 auf 50 Prozent im Jahr 2013 doch deutlich gestiegen.

Einigkeit zwischen Ärzten und Sozialversicherung herrscht jedenfalls darin, dass eine Kostenkontrolle grundsätzlich sinnvoll ist, bestätigt auch Klaushofer, weil andernfalls ein „unkontrolliertes Explodieren der Kosten die Solidargemeinschaft sprengen könnte“.

Jetzt neu: Mobiler Erstattungskodex als App

Speziell für niedergelassene Ärzte unterwegs, etwa im Rahmen von Hausbesuchen, wurde die App „EKO2go“ entwickelt. Mithilfe dieses mobilen Erstattungskodex können Ärzte via Smartphone oder Tablet jederzeit nach den geeigneten – und natürlich auch günstigsten – Medikamenten suchen. Monatlich wird die App automatisch upgedatet.

Auch Patienten können sich die App downloaden und etwa mittels Einscannens der Verpackung eines Medikaments Infos dazu abrufen oder auch eine Liste wirkstoffgleicher Präparate erstellen. Der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Christian Husek hat die App bereits getestet und bezeichnet sie als einen „guten Beginn mit Ausbaupotenzial“. Positiv sei vor allem, dass das System auch offline funktioniert, also keine Internetverbindung notwendig ist. Husek regt eine eigene „Publikumsversion“ der App für die Patienten an, etwa mit Fotos der Verpackungen oder einer individuell zusammenstellbaren Medikamentenliste, die auch auf mögliche Wechselwirkungen hinweist.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 6/2015

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