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Lange Wartezeiten in den Ambulanzen werden bald der Vergangenheit angehören, wenn es nach den Projektbeteiligten geht.
 
Gesundheitspolitik 2. Februar 2015

Zwei Wiener Pilotprojekte zu Primary Health Care

Nachdem sich Stadt, Gebietskrankenkasse und Ärztekammer kurz vor Weihnachten auf die Eckpunkte einigen konnten, werden schon bald zwei neue PHC-Versorgungszentren ihren Betrieb aufnehmen.

Neue Strukturen in der Primärversorgung zu schaffen, ist nicht nur eines der wesentlichen Ziele in der Umsetzung der Gesundheitsreform, sondern auch ein Schwerpunktthema der Landeszielsteuerung in Wien. Es geht darum, zukünftig Versorgungsstrukturen im niedergelassenen Bereich anzubieten, die den veränderten Bedürfnissen der Patienten besser entsprechen.

Ziel der Pilotprojekte ist es also in erster Linie, der Wiener Bevölkerung einen verbesserten, bedarfsorientierten Service im niedergelassenen Bereich anzubieten, etwa in Form von bedarfsgerechten Öffnungszeiten vor allem in den Tagesrandzeiten und an den Wochenenden. Gleichzeitig sollen damit aber auch Steuerungseffekte erzielt werden, um die viel teureren Spitalsambulanzen endlich zu entlasten.

Zudem erfordern andere Krankheitsbilder, vor allem chronische Erkrankungen, neue Formen der Betreuung, interdisziplinär oder auch multiprofessionell. Dem können Einzelpraxen immer weniger gerecht werden. Gruppenpraxen sind zwar schon seit langer Zeit möglich, die Nachfrage der Ärzte war bisher aber enden wollend, was laut Ansicht der Standesvertretung nicht auf fehlenden Willen oder mangelnden Teamgeist der niedergelassenen Ärzte schließen lässt, sondern vielmehr mit unzureichenden gesetzlichen und – vor allem – finanziellen Rahmenbedingungen zu tun hat. Das machte Gruppenpraxen im Kassenbereich bisher offenbar wenig attraktiv.

Die beiden Pilotprojekte in Wien sollen neue Möglichkeiten aufzeigen und testen, wie Strukturen zukünftig aussehen müssen, um Primary-Health-Care-(PHC-)Versorgungszentren sowohl für Ärzte als auch für Patienten attraktiv zu machen. Nur wenn dies gelingt, wird es möglich sein, ein modernes und leistungsstarkes Primärversorgungskonzept flächendeckend zu implementieren.

Attraktives Angebot für Ärzte und Patienten

Die strukturellen Grundlagen für die neuen Versorgungszentren wurden in den vergangenen Monaten in durchaus zähen Verhandlungen zwischen Stadt Wien, der Wiener Gebietskrankenkasse und der Wiener Ärztekammer entwickelt und in Form der beiden Pilotprojekte konkretisiert. „Mit den ersten zwei Pilotprojekten bringen wir ein weiteres wichtiges Projekt der Gesundheitsreform erfolgreich auf Schiene“, schreibt die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely in einer Aussendung. „Es ist gelungen, auch in dieser Frage bei allen unterschiedlichen Interessen partnerschaftlich eine gemeinsame Lösung zu finden. Daher bin ich sicher, dass wir mit diesen beiden Piloten sowohl den Patientinnen und Patienten als auch den Gesundheitsberufen ein attraktives Angebot machen können.“

Auch Wehselys Verhandlungspartnerin Mag. Ingrid Reischl, die Obfrau der WGKK, hält das Übereinkommen für einen „echten Durchbruch“, obwohl noch viele Details vereinbart werden müssten. Das sollte aber jetzt sehr rasch geschehen, hofft Reischl, damit die Projekte noch in diesem Frühjahr starten können. Spätestens dann werde „die Gesundheitsreform durch eine umfangreichere Versorgung bei längeren Öffnungszeiten, die die Pilotprojekte bieten, für die Bevölkerung in Wien spürbar“, ist Reischl zuversichtlich.

Die Projekte würden sich am Modell für Gruppenpraxen mit freiberuflichen Ärzten orientieren und „auch sonst behutsam in die bisherige Systematik der kollektiven Vertragsverhandlungen und die bestehenden Versorgungsstrukturen eingebettet“, bleibt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte, doch deutlich zurückhaltender. Auf Nachfrage der Ärzte Woche, was „behutsam einbetten“ zu bedeuten habe, nachdem die Ärztekammer bislang sämtliche Vorschläge sowie die bestehenden Finanzierungsangebote der Krankenkassen für Gruppenpraxen als unzureichend und unternehmerisch nachteilig für die Ärzte kritisiert hat, sagt Steinhart: „Genau dies ist Gegenstand weiterer Verhandlungen bezüglich der Detailplanung.“ Dem wolle er als Verhandler nicht vorgreifen.

Wie schwierig die Verhandlungen noch werden könnten, lässt sich aus einem kleinen Nebensatz Steinharts herauslesen: Die Ärztekammer werde sich sehr genau ansehen, wie die Piloten von den Patienten aufgenommen werden, denn wir wissen, „dass der klassische Hausarzt das Versorgungsmodell ist, das die Wienerinnen und Wiener am liebsten haben. Dieses große Vertrauen wird auch Maßstab für die Arbeit in den beiden Primary-Health-Care-Pilotprojekten sein.“

Neue Zentren im 6. und 22. Bezirk

Eines der zwei neuen Zentren, das „Primary Health Care SMZ-Ost“ wird in unmittelbarer Nähe des gleichnamigen Krankenhauses angesiedelt sein. Es soll in sehr enger Abstimmung mit dessen Ambulanzen und in direkter Absprache mit den Spitalsärzten klassische Aufgaben der Primärversorgung übernehmen und die Ambulanzen entlasten. Geplanter Projektstart ist April 2015.

„Primary Health Care Medizin Mariahilf“, das zweite Modellprojekt, wird als Vertragsgruppenpraxis im sechsten Wiener Gemeindebezirk angesiedelt sein und soll erste Erfahrungswerte sammeln, wie „die Primärversorgung in einem dicht verbauten innerstädtischen Gebiet ihren Versorgungsauftrag optimal erbringen kann“.

Was beide Pilotprojekte gemeinsam haben werden, sind deutlich längere Öffnungszeiten als gewohnt. In den beschlossenen Allgemeinen Prinzipien wurde festgeschrieben, dass die Zentren zumindest zehn Stunden an fünf Tagen – jeweils zwischen 7:00 und mindestens 19:00 Uhr am Abend – geöffnet haben müssen. Eine entsprechende Personalplanung soll sicherstellen, dass immer ausreichend viele Ärzte vor Ort sind. Damit werden Patienten nicht nur von den längeren Öffnungszeiten, sondern auch von kürzeren Wartezeiten profitieren.

Beide Pilotprojekte kümmern sich insbesondere um die kontinuierliche Versorgung von chronisch Kranken, multimorbiden und geriatrischen Patienten. Ein Schwerpunkt des PHC-SMZ-Ost widmet sich der Versorgung von Diabetes-Patienten, die bisher auf die Spitalsambulanz angewiesen waren. Das soll Spitalsärzte und Patienten gleichermaßen zeitlich entlasten. Zusätzliche Behandlungsschwerpunkte könnten in den laufenden Gesprächen noch definiert werden, heißt es aus Kreisen der Wiener Ärztekammer.

Evaluierung und Qualitätsmanagement

Ein zentraler Aspekt der Pilotprojekte ist in beiden Fällen die verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen – ganz im Sinne der viel zitierten, aber bislang leider nicht immer erreichten, Patientenorientierung. Neben Ärzten werden den Teams auch diplomierte Krankenpfleger und medizinische Ordinationsassistenten angehören. Sie werden „enger als bisher“ zusammenarbeiten, sich zum Beispiel auch um die Abstimmung mit mobilen Diensten kümmern, heißt es in einer Stellungnahme der Wiener Ärztekammer. „Wir erwarten, dass die neue interne Arbeitsteilung den behandelnden Ärzten mehr Zeit für die Patienten bringen wird. Wie weit dies realisierbar ist, wird Gegenstand der kommenden Evaluierung sein.“

Diese begleitende Evaluierung wird über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt und soll den Projektpartnern „wertvolle Erkenntnisse für die Umsetzung des Primärversorgungskonzeptes bringen“. Was genau evaluiert werden soll, sei derzeit noch nicht fixiert, erläutert Steinhart, die laufenden Erfahrungen aus der Evaluierung sollen aber auch unmittelbar dafür genützt werden, um das Projekt laufend zu adaptieren und zu verbessern. Vereinbart wurde außerdem ein verpflichtendes Qualitätsmanagement. Es umfasst, soweit heute bereits bekannt ist, unter anderem regelmäßige Aus-, Fort- und Weiterbildungen für sämtliche Mitarbeiter des Teams.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 5/2015

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