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Gesundheitspolitik 15. Dezember 2014

Wie giftig ist HCB?

Die akute Toxizität von HCB ist gering, jedoch wirkt die Substanz kanzerogen.

Ein Umweltskandal erschüttert Österreich. Wie es dazu kommen konnte, dass im Kärntner Görtschitztal seit Jahren eine Fabrik unbeobachtet eine Region verseuchte, die sich bewusst für die Bio-Schiene entschieden hat, wird noch jahrelang viele Ausschüsse beschäftigen. Aktuell muss jedoch vor allem eine Frage beantwortet werden: Wie toxisch ist Hexachlorbenzol (HCB) tatsächlich? Die Ärzte Woche fragte im Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien nach.

Hexachlorbenzol (HCB) ist eine vollständig chlorierte aromatische Ringverbindung und wurde früher in der Landwirtschaft als Fungizid vor allem als Beizmittel für Saatgut eingesetzt. Ende der 1950er Jahre ist es dadurch in der Osttürkei zu einer schweren Vergiftungsepidemie gekommen, als die anatolische Bevölkerung im Zuge einer Hungerkrise auf Saatmittel zur Mehlproduktion zurückgriff.

Der Stoff wurde im Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe (POP-Konvention), welches 2004 in Kraft getreten ist, verboten. Es kommt aber immer noch als Verunreinigung in anderen Pestiziden und in der Produktion von chlorhaltigen Lösungsmitteln vor. Unbeabsichtigt kann HCB auch noch bei der (unvollständigen) Verbrennung chlorhaltiger Materialien entstehen. Bei ausreichend hohen Temperaturen wird es allerdings praktisch vollständig abgebaut.

Haut und Leber betroffen

HCB ist in der Umwelt und im Organismus äußerst beständig. Es ist fettlöslich und reichert sich in der Nahrungskette über fetthaltige Nahrungsmittel stark an. In der Leber bindet es an den Ah-Rezeptor und führt so unter anderem auch zur Enzyminduktion der Cytochrom-Oxidasen. Ein toxikologisch besonders wichtiger Wirkmechanismus ist allerdings die Hemmung der Häm-Biosynthese. Dies führt zu Leberschädigungen sowie zur Anreicherung des phototoxischen Porphyrins. Die Vergiftungen in Anatolien imponierten daher unter dem klinischen Bild einer Porphyria cutanea tarda mit Leberschäden und phototoxischen Hautveränderungen, die man auch als türkische Porphyrie bezeichnet.

In Tierversuchen wurde ein erhöhtes Risiko für Leberkarzinome gezeigt. Die epidemiologischen Daten für den Menschen sind in dieser Hinsicht nicht eindeutig, weil die in den 1950er Jahren betroffene anatolische Bevölkerung in den Nachuntersuchungen keine Auffälligkeiten zeigte und beruflich Exponierte immer auch anderen potenziell krebserregenden Stoffen ausgesetzt waren, war eine Zumessung zu HCB nicht möglich. Aufgrund der Evidenz aus den Tierversuchen wurde aber HCB von der internationalen Krebsforschungsagentur (IARC, 2001) als möglicherweise krebserregend (2B) eingestuft und die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1997) hat die akzeptable tägliche Aufnahme (0,16 µg/kg) prinzipiell für diesen Endpunkt abgeleitet.

Die akute Toxizität von HCB ist gering. Wenn eine Person also nur gelegentlich oder über kurze Zeit kontaminierte Lebensmittel zu sich genommen hat, so sind keine nachteiligen Gesundheitsfolgen zu befürchten. Leider ist über die aktuelle Belastungssituation in Kärnten unbekannt, über welche Zeitdauer diese Belastung bereits bestand. Die Kärntner Landesregierung hat der besorgten Bevölkerung eben erst angeboten, dass Blutproben auf HCB untersucht werden können. Wenn die Auswertung dieser Proben vorliegt, kann beurteilt werden, ob die Belastung zu einem messbaren Anstieg der humanen Belastung im Vergleich zu Kontrollkollektiven geführt hat. Nur in diesem Fall sind weitere individuell abgestimmte diagnostische Maßnahmen sinnvoll.

Die chemische Analyse der Blutproben wird vom Umweltbundesamt und seinem Biomonitoring-Labor in Wien durchgeführt werden. Die individuellen Werte werden sodann von Umweltmedizinern der Medizinischen Universität Wien gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden des Landes Kärnten beurteilt. Zeitgleich sind weitere Untersuchungen vor Ort notwendig, um den Weg der Kontamination genauer einzugrenzen und auch für die Zukunft zu vermeiden.

Doz. Dr. Hanns Moshammer, Prof. Dr. Michael Kundi und Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter sind am Institut für Umwelthygiene, MedUni Wien tätig.

H. Moshammer, M.Kundi und H. P. Hutter, Ärzte Woche 51/52/2014

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