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(c) privat

Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, FA f. Neurologie und Psychiatrie, Leiter des Spezialbereichs für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen am AKH Wien, Universitätsklinik für Neurologie, MedUni Wien, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(c) privat

Mag. Antonia Croy, Präsidentin des Vereins Alzheimer Angehörige Austria, Selbsthilfegruppe

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(c) Mike Ranz

Mag. (FH) Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich

 
Gesundheitspolitik 28. November 2014

Demenz: Weiterhin keine nachhaltige Strategie in Sicht?

Sozialexperten sowie Angehörige der Pflege- und Medizinberufe erinnern die Politik an ihre Vorwahl-Zusagen bezüglich eines verbesserten flächendeckenden Unterstützungsangebotes für Demenzkranke und deren Angehörige.

Etwa 130.000 Menschen leiden in Österreich an Demenz, jeder Fünfte steht mit Pflegenden in naher Verbindung oder pflegt selbst eine demenzkranke Person. Laut aktuellem Volkshilfe-Sozialbarometer, der vor Kurzem in Wien präsentiert wurde, kennt allerdings nur ein Drittel der Befragten die speziell dafür zur Verfügung stehenden Angebote. Selbst innerhalb der mit der Erkrankung vertrauten Personen – also Kranke und Pflegende – zeigten sich 40 Prozent nicht über Hilfseinrichtungen informiert. Sind Angebote verfügbar, so werden diese von der Hälfte der Befragten (und fast zwei Drittel der Betroffenen) für nicht ausreichend und nicht leistbar bewertet.

Experten und Selbsthilfegruppen wünschen sich vor allem ein verbessertes Tagesangebot – besonders dringend in den ländlichen Regionen – sowie mehr Unterstützung und Verständnis für pflegende Angehörige seitens der Arbeitgeber. Neben mehr finanzieller Unterstützung sei auch eine „zeitgemäße Pflege“ notwendig, wie es Antonia Croy, Präsidentin des Vereins Alzheimer Austria, formuliert: „Das Sauber-und-Satt-Prinzip entspricht nicht dem heutigen Stand. Heimhilfen brauchen auch mehr Zeit für das Gespräch mit den Menschen.“ Neben den Sozialdienstleistern wie etwa der Caritas fordert auch die Patientenanwaltschaft von der heimischen Politik die Umsetzung des längst versprochenen „Nationalen Aktionsplans Demenz“ ein. „Die Bundesregierung hat sich im Rahmen des Koalitionsabkommens darauf geeinigt, eine gemeinsame Demenzstrategie vorlegen zu wollen“, sagt Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger. „Doch bisher fehlt von dieser Strategie jede Spur.“

Präventionskatalog für den Alltag

„Begutachter müssen bei Pflege- stufenzuteilung das Fassadenver- halten Demenzkranker erkennen.“

Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, FA f. Neurologie und Psychiatrie, Leiter des Spezialbereichs für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen am AKH Wien, Universitätsklinik für Neurologie, MedUni Wien, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft

Betroffene brauchen Sicherheit, dass für individuelle Pflegebedürftigkeit eine kompetente Betreuung und Pflege geboten wird. Die Wahlfreiheit muss für häusliche Pflege durch Angehörige und ambulante professionelle Dienste oder betreute Wohnformen gegeben sein. Der Verbleib in der gewohnten Umgebung ist zu fördern, um den Anteil ambulant betreuter Pflegegeldbezieher über 80 Prozent zu halten. Die Verfügbarkeit ärztlicher, therapeutischer und pflegerischer Leistungen zur Vermeidung unnötiger Spitalsaufenthalte muss verbessert, einer mobilen Betreuung Vorrang gegenüber einer stationären eingeräumt werden, um die Selbstständigkeit älterer Menschen länger zu erhalten und betreuende Angehörige zu unterstützen. Hausbesuche bei Pflegegeldempfängern zur Beratung Angehöriger sollen ausgebaut, die Qualität der 24-Stunden-Betreuung weiterentwickelt werden. Neue Förderschwerpunkte für barrierefreies Sanieren sind ebenso zu begrüßen wie der Ausbau von „Assisted Living Programmen“. Besonders dringend erforderlich ist eine Schulung der Pflegegeld-Begutachter! In der „Demenzstrategie“ sollen umsetzbare Empfehlungen für Bewusstseinsbildung, Versorgungsstrukturen und Früherkennung sowie Schulung und Unterstützung von betreuenden Angehörigen erarbeitet und ein alltagstauglicher Präventionskatalog entwickelt werden. Im Rahmen einer Rehabilitations-Gesamtstrategie muss sichergestellt werden, dass ab 2015 Rehabilitation für alle Senioren von der Pensionsversicherung angeboten wird. Die Ausbildung muss verbessert werden. Ziel ist eine modulare einheitliche Ausbildung quer durch sämtliche Gesundheits- und Sozialberufe mit Durchlässigkeit. Die Langzeitpflege soll einen höheren Stellenwert bekommen. Ein interaktives Informationsportal soll Pflegebedürftige und Angehörige über Pflegeleistungen informieren. Betreuende Angehörige müssen bei „Amtswegen“ unterstützt werden. Die Finanzierung muss sichergestellt werden, wobei Pflegegeldmodelle und -fonds als zentrale Säulen der Finanzierung von Bund, Ländern und Gemeinden beibehalten und weiterentwickelt werden sollen.

Angehörige als Bittsteller

„In zahlreichen Ländern werden bewährte und evaluierte Demenzstrategien eingesetzt.“

Mag. Antonia Croy, Präsidentin des Vereins Alzheimer Angehörige Austria, Selbsthilfegruppe

Die Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria berät, begleitet und vertritt Menschen mit Demenz und deren Angehörige. In Österreich leben derzeit circa 130.000 Menschen, die an einer demenziellen Erkrankung leiden und zu 80 Prozent von ihren Angehörigen im häuslichen Umfeld betreut und gepflegt werden. Die Angebote professioneller Dienste sind trotz staatlicher Förderung weder leistbar noch flächendeckend vorhanden. Angebote für jüngere Menschen mit Demenz und deren Familien fehlen gänzlich. Die beschlossene Erschwernis beim Zugang zum Pflegegeld ist daher nicht akzeptabel. Die pflegenden Angehörigen sind der größte Pflegedienst Österreichs und werden trotz ihrer Leistungen vielfach als Bittsteller behandelt. Sie betreuen und pflegen unentgeltlich und oft auf Kosten der eigenen Gesundheit. Sie verzichten auf Freizeit und Urlaub und müssen finanzielle Einbußen und Beeinträchtigung ihrer Berufstätigkeit hinnehmen.

Bedauerlicherweise hat Sozialminister Hundstorfer die Erstellung der im Regierungsabkommen beschlossenen Demenzstrategie erneut verschoben und dadurch die informelle Pflege und das Engagement vieler Organisationen abgewertet. Alzheimer Austria tritt seit Jahren gegen die Stigmatisierung der von Demenz betroffenen Menschen und die Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft auf. Wir fordern von der Politik die Umsetzung von Verbesserungen in der Versorgung von Menschen mit Demenz und die Anerkennung ihrer Rechte. Um diesen Forderungen gerecht zu werden, bedarf es besserer Arbeitsbedingungen und adäquater Aus- und Fortbildungen der in diesem Bereich tätigen Berufsgruppen. Alzheimer Austria ist an einem intensiven interdisziplinären Austausch mit Haus- und Fachärzten interessiert, insbesondere an einer Sensibilisierung der Ärzte für die Rolle der Angehörigen im Diagnose- und Therapieprozess. In zahlreichen europäischen Ländern werden seit Jahren bewährte und evaluierte Demenzstrategien eingesetzt. Diese könnten als Vorbild dienen, um eine schnelle Umsetzung in Österreich zu erreichen. Nur mithilfe einer multidisziplinären Zusammenarbeit werden die Herausforderungen der kommenden Jahre bewältigbar sein.

Verdrängung beenden

„Ein Satz ist immer wieder gekommen: Ich fühle mich alleine gelassen und hilflos.“

Mag. (FH) Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich

Unangenehmes wird gerne verdrängt. Wer denkt schon gerne daran, einmal krank oder pflegebedürftig zu werden. Aber so wie das Individuen tun, scheint es auch in der staatlichen Politik einen Verdrängungsmechanismus zu geben, denn sonst wäre die Demenzstrategie nicht gleich auf das nächste Jahr verschoben worden. Dabei tut Handeln not.

Die Herausforderung ist bekannt, gesellschaftliche Veränderungen wie die steigende Frauenerwerbstätigkeit, der Trend zu Single-Haushalten und individuellen Lebensformen gemixt mit der ständig steigenden Lebenserwartung bringen eine Zunahme an demenziellen Erkrankungen und damit einhergehend erhöhten Pflegebedarf. Werden Krankheiten im Normalfall durch Versicherungen abgedeckt, so ist Pflegebedürftigkeit immer noch ein persönliches Risiko. Aber derzeit sind weder Krankenhäuser noch Pensionisten- oder Pflegeheime auf den Umgang mit einer Vielzahl von demenzkranken Personen eingestellt.

Daher bleibt ein großer Teil der Betreuungsarbeit bei den pflegenden Angehörigen, die allerdings aufgrund der enormen Belastungen Gefahr laufen, selbst krank zu werden. Die Entlastung der pflegenden Angehörigen muss also integraler Bestandteil der Demenzstrategie sein. Dazu zählen flächendeckende, kostenlose, niederschwellige Beratungs- und Schulungsangebote, Rechtsanspruch auf Pflege-, Betreuungs- und Beaufsichtigungsleistungen sowie Sachleistungen und ein Rechtsanspruch auf stundenweise Betreuungsdienste. Aber es braucht auch Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflegetätigkeit und Berufstätigkeit sowie Unterstützung beim beruflichen Wiedereinstieg nach Abschluss der Familienpflege, unter Berücksichtigung der geleisteten Pflegetätigkeit.

In den vielen Gesprächen mit Betroffenen und pflegenden Angehörigen im Zuge der Arbeit für das Buch „Ich bin, wer ich war. Leben mit Demenz“ ist ein Satz immer wieder gekommen: Ich fühle mich alleine gelassen und hilflos. Dazu kommen soziale Isolation und Vereinsamung, die ihnen zu schaffen macht. Die Maßnahmen müssen darauf abzielen, diesen Menschen in ihrem Schicksal beizustehen und die gesellschaftliche Verdrängung zu beenden.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 49/2014

  • Herr Dr. Wilhelm Margula, 04.12.2014 um 19:20:

    „Alltagstauglicher Präventionskatalog: Sollen wir der Bevölkerung jetzt weis machen, dass die Einhaltung eines solchen (erst zu schaffenden) Kataloges die Garantie geben wird von Demenz verschont zu bleiben? Interaktives Informationsportal (wie vom Hr. Sozialminister in seinem jüngsten Entwurf zur Novellierung des Pflegegeldgesetzes angekündigt): Ich frage mich wie der Pflegebedürftige (Demenzkranke) ein solches Portal nützen soll. "Begutachter müssen bei Pflegstufenzuteilung das Fassadenverhalten Demenzkranker erkennen": Bei allem Respekt, Gutachter teilen niemals eine Pflegestufe zu, das ist immer eine rechtliche Entscheidung. Auch klingt das so, als wären die (schlecht geschulten) Gutachterärzte schuld daran, dass die Pflegestufen 1 und 2 den Löwenanteil der Pflegegeldempfänger ausmachen. Vielleicht ist es wichtiger den Niedergelassenen Ärzten die Information zu geben - die sie dann auch an Patienten und Angehörige weitergeben können - dass auch dafür nicht die Gutachter verantwortlich sind, sondern nur das Pflegegeldgesetz. Und schließlich sei noch angemerkt: Fassadenverhalten durch Gutachter zu erkennen oder auch im Gutachten festzuhalten bedeutet keineswegs eine höhere Pflegestufe. Auch die attestierte Diagnose Demenz berechtigt nicht in jedem Fall und zwangsläufig den Erschwerniszuschlag mit 25 h/Mo ins Kalkül aufzunehmen. Wie sollen Gutachterärzte vor Ort von Patienten oder von deren Angehörigen verlangen, dass die Dinge so sehen wie sie tatsächlich sind, wenn der Kollegenschaft (wie in diesem Artikel) erklärt wird, dass die Gutachterärzte schlecht geschult sind, oder unwillig sind höhere Pflegestufen zuzuteilen.“

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