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Gesundheitspolitik 24. Oktober 2014

Klares Zeichen, um Ärzte zu halten

In Graz wurde das neue Dienstrecht für steirische Spitalsärzte vorgelegt. Die Zugeständnisse der Arbeitgeber sind durchaus beachtlich und zeigen, wie angespannt die Personalsituation inzwischen geworden ist.

Die Steiermark hat als erstes Bundesland neue Arbeitszeiten für Ärzte fixiert. Land, KAGes und Ärztekammer verständigten sich auf ein gemeinsames Modell und zeigen sich mit dem erzielten Kompromiss äußerst zufrieden. Damit sollen nicht nur die Grundgehälter, sondern auch die Arbeitsbedingungen deutlich attraktiver werden – so attraktiv, dass mehr Jungärzte als bisher im Land bleiben, vielleicht auch wieder zurückkehren.

Mancher neutrale Beobachter kam beinahe ins Staunen angesichts der Zahlen, die der steirische Gesundheitslandesrat Mag. Christopher Drexler und der Vorstandsvorsitzende der KAGes Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg präsentierten. Sie finden sich allesamt im neuen Dienst- und Besoldungsrecht, das ab 1. Jänner 2015 an den steirischen Landespitälern für alle angestellten Ärzte gelten wird.

Es legt unter anderem fest, dass der Anteil des Grundgehalts gegenüber den Journaldiensten – derzeit 66 Prozent – signifikant auf 75 Prozent erhöht wird. Das Lohnschema wird zukünftig in vier Lohngruppen je nach Funktion unterteilt: Turnusärzte, Assistenzärzte, Stationsärzte, Fach- und Oberärzte. Die Grundgehälter werden je nach Lohngruppe um 10, 11 beziehungsweise 18 Prozent erhöht. Dazu kommen in höheren Stufen pauschale monatliche Abgeltungen. Ärzte in der neu geschaffenen Gruppe „Funktionsoberarzt“, die zukünftig für einen medizinischen und organisatorischen Spezialbereich fachlich bereichsverantwortlich sein werden, sowie geschäftsführende Oberärzte erhalten für diese Tätigkeit eine Zulage.

KAGes-Zentralbetriebsrat Dr. Michael Tripolt ist mit dem erzielten Verhandlungsergebnis jedenfalls sehr zufrieden und verweist auf einen bereits vorliegenden einstimmigen Beschluss des Betriebsrates dazu. „Bei den Gehältern der steirischen Spitalsärzte hat es einen signifikanten Schub nach vorne gegeben, das war auch das Ziel“, resümiert Tripolt. Bisher sei die Steiermark österreichweit bei den Ärzteeinkommen in Landesspitälern im hinteren Drittel gelegen, auf Basis der neuen Vereinbarungen werde ein Sprung ins vordere Drittel gelingen.

Finanzielle Zugeständnisse

Dieser Sprung koste zwar „viel Geld“, repliziert Drexler, räumt aber dessen Notwendigkeit ein, um „die Patientenversorgung auf gewohnt hohem Niveau langfristig sicherzustellen“. Für das Jahr 2015 entstehen aufgrund der neuen Regelung Mehrkosten von 28 Millionen Euro, ab dem Jahr 2016 werden es 35 Millionen jährlich sein. Die 28 Millionen für 2015 müsse die KAGes „aus eigener Kraft stemmen“, erwartet Drexler, ab 2016 „müssen wir in den Budgetverhandlungen Wege finden, wie das Geld sicherzustellen ist“.

KAGes-Finanzvorstand Dipl.-KHBW Ernst Fartek, MBA, erläutert auch gleich seinen Finanzierungsplan 2015: „Wir haben die wirtschaftliche Effizienz unserer Spitäler in den letzten Jahren steigern können und verzeichneten die geringsten Kostenzuwächse aller landeseigenen Spitäler in Österreich. Dadurch können wir die eingesparten Mittel nun für die Erhöhungen bei den Ärztebezügen einsetzen und das Geld kommt wiederum in der Patientenversorgung an.“

Lebensmodell Spitalsarzt

Das neue Besoldungs- und Dienstrecht wird von einem bereits 2013 gestarteten Reformpaket flankiert, das sich mit der Modellierung eines künftigen, modernen Arbeitsplatzes unter bestmöglichen Bedingungen für Ärzte auseinandersetzt. In sieben Teilprojekten wurde im Rahmen der Programminitiative „Lebensphasenorientierung ÄrztInnen“ eine Vielzahl an Maßnahmen fixiert, die zum Teil heute bereits umgesetzt wären oder deren Umsetzung im Laufen beziehungsweise in konkreter Vorbereitung sei, erläutert Tscheliessnigg. So wurde etwa als direkter Output dem Wunsch nach besserer Information und Koordination Rechnung getragen und am 1. September 2014 eine neue Anlaufstelle für Ärzte unter dem Titel „Ärzteservice“ eröffnet. Ab 2015 wird an jeder Abteilung ein Ausbildungsoberarzt bestellt und für diese Funktion auch honoriert. Fortbildungen – etwa die Ausbildung zum Notarzt – werden finanziell und durch zweckgebundene Fortbildungstage unterstützt. Für die Prüfung zum Arzt der Allgemeinmedizin werden künftig fünf Tage Sonderurlaub gewährt, die Fortbildungsbudgets werden erhöht. Verantwortlichkeiten zwischen Ärzteschaft und Pflege zu Dokumentation und Administration werden klargestellt, Verfügbarkeiten des Schreibdienstes erweitert, diesbezügliche Hotspots sofort entschärft. Angebote in der Kinderbetreuung werden ausgeweitet, der Wiedereinstieg nach Karenz erleichtert und Telearbeit im ärztlichen Bereich ermöglicht.

Erst durch diesen einjährigen Vorsprung konnte die Steiermark jetzt hinsichtlich einer EU-konformen Umsetzung des neuen Ärzte-Arbeitszeitgesetzes rechtzeitig und österreichweit federführend eine Lösung erzielen, ist Tscheliessnigg überzeugt. „Wir haben gewusst, dass wir in Zeiten des Ärztemangels als Dienstgeber attraktiver werden müssen, weil wir einem Wettbewerb unterliegen. Da hat es uns sehr geholfen, dass wir, als der Brief aus Brüssel kam, bereits ein Jahr an Vorarbeit geleistet hatten.“

Zufriedene Ärztekammer

Mit diesem Reformpaket, das weit über den finanziellen Aspekt hinausreicht, „treten wir in der Steiermark der Ärzteflucht offensiv entgegen“, zeigt sich auch der Obmann der Kurie Angestellte Ärzte in der Steirischen Ärztekammer, ÄK-Vizepräsident Dr. Martin Wehrschütz mit der Entwicklung zufrieden, denn „gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte haben einen starken Anreiz, in der KAGes zu bleiben“.

Ebenfalls positiv beurteilt der Präsident der steirischen Ärztekammer, Dr. Herwig Lindner, das erzielte Verhandlungsergebnis. „Da ist uns sozialpartnerschaftlich etwas Großes gelungen, wo wir gegenüber anderen Bundesländern – ein oder eineinhalb Jahre – Vorsprung haben.“ 35 Millionen zusätzlich seien „in diesen Zeiten ein mehr als bemerkenswertes Ergebnis. Die KAGes ist, wenn das alles greift, ein deutlich attraktiverer Arbeitgeber für die gesamte Spitalskarriere. Im Detail gibt es immer Wünsche, aber es ist eine zukunftsorientierte Lösung, die bereits die Entwicklungen bis 2021 berücksichtigt.“

Mit den beschlossenen Maßnahmen soll es also gelingen, die massive Ärzteflucht zu stoppen (Details dazu siehe beistehender Kasten). Linder wagt abschließend sogar eine vorsichtige Prognose: „Wenn wir mit der neuen Arbeitszeitrichtlinie und dem neuen Gehaltsschema nur die Hälfte der heimischen ÄrztInnen und Ärzte zurückgewinnen, die derzeit in Deutschland arbeiten, haben wir das Problem des Ärztemangels weitgehend gelöst.“

1.166 weiße Mäntel am Grazer Hauptplatz

410 Ärzte haben ihren Spitalsjob mit einer Wahlarztpraxis getauscht. 407 Fachärzte und 349 Turnusärzte haben von 2010 bis 2014 entweder die Steiermark verlassen oder überhaupt den Arztberuf an den Nagel gehängt. In Summe sind das 1.166 Ärzte (ohne Pensionierungen), die den steirischen Landeskrankenhäusern nicht mehr zur Verfügung stehen.

Eine Groß-Installation am Grazer Hauptplatz mit 1.166 weißen Mänteln, alle mit dem Slogan „Ärzteflucht – wir stoppen sie!“ wies am Dienstag symbolisch auf dieses drängende Problem hin, gleichzeitig aber auch auf den gemeinsamen Willen von Land, KAGes und Ärztekammer, den Trend zu stoppen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 44/2014

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