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Dr. Elia Bragagna Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik, Psycho-, und Sexualtherapeutin, Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG)

 

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Prof. Dr. Kurt Loewit Ehemaliger Leiter der sexualmedizinischen Ambulanz, Universitäts-Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, Innsbruck

 

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Prof. Dr. Michaela Bayerle-Eder Universitätsklinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien; erste europäisch geprüfte Sexualmedizinerin Österreichs

 
Gesundheitspolitik 30. Juni 2014

Standpunkte: Ärzte wissen zu wenig über Sexualmedizin

Experten fordern die Implementierung einer spezifischen Basisausbildung in das Curriculum und Sexualmedizin als fixen Bestandteil der Turnus- und Fachärzteausbildung.

Nahezu jede zweite Frau und mehr als jeder dritte Mann haben in ihrem Leben zumindest vorübergehend sexuelle Probleme. Neben den privaten Einschränkungen, die solche Schwierigkeiten mit sich bringen, können sie gleichzeitig auch Symptome für Krankheiten sein, wie etwa Multiple Sklerose, ein drohender Herzinfarkt oder Schlaganfall. So leiden etwa neun von zehn Männern, die von einer koronaren Herzerkrankung betroffen sind, auch an einer erektilen Dysfunktion. Depressionen wiederum führen bei 83 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen zu vermindertem sexuellen Verlangen. Trotz dieser hohen Zahlen von Betroffenen und der bekannten Korrelationen würden jedoch „nur rund zehn Prozent der Patienten von Medizinern zu ihrer sexuellen Gesundheit befragt, das ist ein viel zu tabuisiertes Thema“, findet Dr. Elia Bragagna. Schuld daran sei in vielen Fällen fehlendes Fachwissen der behandelnden Ärzte. „Wenn man nicht geschult wird, kann man als Arzt auch nicht mit dem Thema umgehen“, sagt die Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit und fordert daher eine bessere Ausbildung der Jungmediziner im Rahmen ihres Studiums. Für die Umsetzung dieser Forderung hat die Akademie nun eine Petition gestartet. Die Österreichische Ärztekammer hat bereits die Notwendigkeit erkannt, die sexualmedizinische Wissensvermittlung internationalen Qualitätsnormen anzupassen. Sie vergibt als erstes Land der Welt seit dem Jahr 2011 ein Zertifikat für das sexualmedizinische Basismodul und ein Diplom für die umfassende sexualmedizinische Fortbildung.

Beschämende Notlösungen

„Verantwortung, sexualmedizinisches Wissen zu vermitteln, wird von den Universitäten nicht übernommen.“

Dr. Elia Bragagna Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik, Psycho-, und Sexualtherapeutin, Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG)

Sexuelle Gesundheit sollte integraler Bestandteil jeder ärztlichen Handlung sein, und immer als Teil der Gesamtgesundheit gesehen und angesprochen werden, lautet das Statement WHO 2000. Wie sollen das unsere Kollegen erfüllen? 46 Prozent geben an, keine Zeit und 54 Prozent kein sexualmedizinisches Wissen dafür zu haben. Je weniger Wissen vorhanden ist, desto unsicherer geht man mit dem Thema um, desto mehr Zeit brauchen die unstrukturierten Anamnesegespräche und desto unseriöser wird die Behandlung der Patienten mit sexuellen Problemen; ganz zu schweigen von der verpassten Chance, durch das Erstsymptom „Sexualstörung“ eine schwerwiegende, systemische Erkrankung zu detektieren und anschließend therapeutisch gegenzusteuern.

Wir Ärzte können nur das sexualmedizinische Wissen anwenden, das uns während unseres Medizinstudiums vermittelt wurde und das wir uns während der Facharztausbildung angeeignet haben. Diese Verantwortung, den Kollegen sexualmedizinisches Wissen zu vermitteln, wird von den Universitäten nicht übernommen. Unsere Kollegen müssen sich, wenn sie die Empfehlungen der WHO erfüllen möchten, in ihrer Freizeit und mit eigenen finanziellen Mitteln sexualmedizinisches Wissen aneignen. Das ist nicht nur den Ärzten gegenüber verantwortungslos, sondern auch den ihnen vertrauenden Patienten.

Die Verantwortung, Patienten mit Sexualstörungen „State of the Art“ zu behandeln, kann unter den derzeitigen Bedingungen von den Ärzten nicht übernommen werden. Wer haftet unter diesen Bedingungen bei Schadensansprüchen von Patienten?

Die Vermittlung sexualmedizinischen Basiswissens gehört nicht in die Hände von privaten Institutionen. Das sind beschämende Notlösungen, ebenso wie postgraduelle Lehrgänge für Sexualmedizin. Diese Angebote werden wieder nur von wenigen, sexualmedizinisch interessierten Kollegen besucht und tragen nicht dazu bei, die Masse der Medizinstudenten an den Universitäten auszubilden. Daher mein Appell an die gesundheitspolitisch Verantwortlichen Österreichs: Bilden Sie unsere Ärzte endlich so aus, dass sie die Empfehlungen der WHO erfüllen können, denn unsere Gesundheitspolitik sollte Ärzte und Patienten gleichermaßen schützen!

Ganzheitliches Konzept nötig

„Sexuelle Gesundheit bedeutet viel mehr als lediglich die Abwesenheit von funktionellen Störungen.“

Prof. Dr. Kurt Loewit Ehemaliger Leiter der sexualmedizinischen Ambulanz, Universitäts-Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, Innsbruck

Sexuelle Gesundheit spielt im öffentlichen Gesundheitssystem nicht die Rolle, die sie für Gesundheit und Lebensqualität von Einzelnen und Paaren – und für die Kosten des Systems! – tatsächlich hat. Verbesserungen sind dringend erforderlich. Dazu müss(t)en zunächst selbstständige, interdisziplinär und fächerübergreifend ausgerichtete sexualmedizinische Einheiten für Forschung und Lehre an den Medizinischen Universitäten errichtet werden.

Die „Gretchenfrage“ dabei ist, was unter sexueller Gesundheit verstanden wird. Der WHO-Report 1975 (!) beschreibt sie als „... the integration of the somatic, emotional, intellectual, and social aspects of sexual being, in ways that are positively enriching and that enhance personality, communication, and love. Fundamental to this concept are the right to sexual information and the right to pleasure“. Wenn man dieser umfassenden, biopsychosozialen Sichtweise als Richtschnur folgt, kann die Forderung nach sexualmedizinischer Ausbildung im regulären Medizinstudium nur voll unterstützt werden. Ohne ganzheitliches Konzept brächte sie allerdings keine Verbesserung für die Patienten. Fachwissen allein bewirkt noch keine Umsetzungsfähigkeit.

Frau Dr. Bragagna hätte ihren Appell zusätzlich durch Hinweise auf frühere Erfahrungen mit sexualmedizinischen Lehrveranstaltungen untermauern können: So gab es beispielsweise in Innsbruck bereits zwischen 1979 und 1999 eine zweisemestrige Sexualmedizin-Vorlesung als Wahlfach, begleitet von studentischen Balintgruppen. Damals gewonnene Erkenntnisse haben ihren Niederschlag in der Sexualtherapie gefunden (Red. Anmerkung: siehe Beier/Loewit, Praxisleitfaden Sexualmedizin, Springer 2011), ebenso in der postpromotionellen Weiterbildung (ÖÄK-Zertifikat und ÖÄK-Diplom Sexualmedizin seit 2009).

Neue Forschungsergebnisse haben die salutogenen oder pathogenen Auswirkungen von nicht sexuellen wie sexuellen Beziehungen nachgewiesen, sodass biopsychosozial verstandene sexuelle Gesundheit als integraler Bestandteil von Gesundheit an sich zu betrachten ist. Dem haben die Ausbildung zum Arzt und die Patientenversorgung Rechnung zu tragen.

Probleme bleiben ungelöst

„Sexualmedizinische Ausbildung sollte universitär implementiert werden, um WHO-Kriterien gerecht zu werden.“

Prof. Dr. Michaela Bayerle-Eder Universitätsklinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien; erste europäisch geprüfte Sexualmedizinerin Österreichs

Obwohl die geplante Schließung der Akademie für sexuelle Gesundheit sehr bedauerlich ist, kann die Verantwortung für die sexualmedizinische Ausbildung in Österreich nicht in die Hand von Privaten gelegt werden und dies muss daher als Hilferuf der Betreiberin, Dr. Elia Bragagna, an die politisch Verantwortlichen verstanden werden.

Bis zu 42 Prozent der Frauen und über 30 Prozent der Männer leiden an Sexualfunktionsstörungen (SFS) und es gibt in Österreich keine adäquate Betreuung, weil es de facto keine Ärzte gibt, die sexualmedizinisch ausgebildet sind. 80 Prozent aller SFS liegen im somatischen Bereich und können Hinweis oder Folgen schwerer Krankheiten sein. So treten etwa Erektionsstörungen drei bis fünf Jahre vor dem Herzinfarkt auf, ein Warnsignal, das leider oft unbeachtet bleibt. Bis zu 90 Prozent aller Rheumatikerinnen leiden an SFS. Auch viele Medikamente führen zu SFS, insbesondere Antidepressiva, die zu 80 Prozent ohne gesicherte Diagnose verschrieben werden. Diese wiederum verdreifachen das Risiko, an Depressionen zu erkranken, und stellen den zweithäufigsten Grund für das selbstständige Absetzen der Medikamente dar, obwohl es in fast allen Substanzklassen „sexualneutrale“ Medikamente gibt.

Durch das ärztliche Nichtwissen bleiben all diese Probleme ungelöst. Bereits im November 2013 wurde gemeinsam mit Prof. Dr. Christian Dadak, dem Rektorat der MedUni Wien, ein Entwurf für einen postgradualen Lehrgang für Sexualmedizin zum Verständnis der sexuellen Funktionen in Bezug auf die Erkennung und Behandlung von sexuellen Erkrankungen vorgelegt, dessen Curriculum nach den Richtlinien der „European Society of Sexual Medicine“ aufgebaut ist. Eine Umsetzung ist bisher noch nicht erfolgt.

Es wurde unsererseits verstärkt die Sexualmedizin in der Gynäkologie und Psychosomatik im Curriculum der MedUni Wien eingebaut. Da aber in jedem Fach sexualmedizinische Kenntnisse erforderlich sind, um Patienten nach den WHO-Kriterien zu behandeln, sollte jetzt die sexualmedizinische Ausbildung in das gesamte Curriculum der medizinischen Unis implementiert werden. Dafür muss eine breite öffentliche und politische Unterstützung erwirkt werden!

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 27/2014

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