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© JIM VARNEY / SPL / Agentur Focus
 
Gesundheitspolitik 23. Juni 2014

Kratzen, Beißen, Treten: Gewalt im Klinikalltag

Eine Minute vor Zwölf: Gewalt ist im Bereich der Gesundheitsversorgung bereits so allgegenwärtig, dass sie von den Betroffenen – Ärzten, Pflegepersonal und Patienten – beinahe schon als „normal“ erlebt wird.

Die Plattform Patientensicherheit will dem wachsenden Gewaltpotenzial in den heimischen Spitälern aktiv entgegenarbeiten. Neben der Bereitstellung von Hilfsmitteln – wie etwa Informationsfolder oder einer „Gewalt-Checklist“ für die Brusttasche und den akuten Notfall – soll dies vor allem über organisatorische Maßnahmen gelingen. Voraussetzung dafür ist aber ein gesteigertes Problembewusstsein aller Beteiligten.

„Kratzen, Beißen, Treten: Wie PatientInnen mit MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen umgehen!“ so lautete der bewusst provokant gewählte Titel eines von der Plattform Patientensicherheit veranstalteten Bildungstages zum Thema Gewalt in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Die Plattform will mit ihrer Initiative einen Beitrag leisten, um die körperliche Sicherheit von Mitarbeitern im Gesundheitswesen ebenso zu verbessern wie die ihrer Patientinnen und Patienten.

Alltägliche Gewalt

Wie notwendig eine solche Initiative ist, belegen Daten aus der Europäischen Union. Demnach sind fünf Prozent der Mitarbeiter in Gesundheitsberufen der einen oder anderen Form von Gewalt ausgesetzt: Kratzen, Beißen oder Treten sind also offenbar nahezu an der Tagesordnung, wenn Patienten mit Ärzten und Pflegepersonal kommunizieren. Am häufigsten wird Gewalt von Patienten oder deren Angehörigen im psychiatrischen Bereich angewandt. Aber auch die Notaufnahmen oder – für manche vielleicht überraschend – die geriatrischen Abteilungen sind immer wieder mit Gewaltakten konfrontiert. Letztendlich droht Gefahr überall dort, wo sich Menschen in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden. Und das ist eben im Klinikalltag eher die Regel als die Ausnahme.

„Wenn Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit auf scheinbar mangelnde Fürsorge und Hilfsbereitschaft aufseiten der Gesundheitsdienstleister treffen, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Diese führen nicht selten zu Gewalt in Form von körperlichen oder verbalen Attacken“, sind sich die Expertinnen Dr. Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin der Plattform Patientensicherheit und Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, einig. Die emotional angespannten Situationen in den Krankenhäusern sowie der allgegenwärtige Zeitdruck und die vielerorts beklagte Arbeitsüberlastung bieten zusätzlichen Nährboden für ein angespanntes Kommunikationsklima. Die Gewalt geht in der Regel eher von Männern aus, Frauen sind dafür häufiger Opfer.

Mehrheit mit Gewalt-Erfahrung

Alarmierend ist die Tatsache, dass Betroffene oft meinen, Gewalt im Gesundheitswesen sei ein übliches Jobrisiko. Verwundern kann dies trotzdem kaum, ist doch die Mehrheit der Beschäftigten zumindest schon einmal mit direkter Gewalt höchstpersönlich konfrontiert worden. Prof. Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Risikoberatung, hat im Rahmen des Bildungstages eine Umfrage bei Mitarbeitern in Notaufnahmen präsentiert, der zufolge 58 Prozent der Befragten bereits Erfahrung mit verbaler Bedrohung gemacht haben, 24 Prozent mit Schlägen und zwei Prozent mit Stich- und Schusswaffen bedroht oder verletzt wurden. „Etwa ein Drittel davon fühlte sich auf die Konfliktsituation nur schlecht vorbereitet“, erläutert Gausmann, „acht Prozent wurden nach einem Gewaltereignis auch nicht ausreichend seitens des Arbeitgebers unterstützt.“

Auf der anderen Seite werden Meldungen an den Arbeitgeber oder gar Anzeigen meist ohnehin unterlassen, weil die Betroffenen diesen Ereignissen entweder keine Bedeutung beimessen oder nicht ausreichend über ihre Möglichkeiten informiert sind. „Aufklärungs- und Handlungsbedarf sind dringend erforderlich“, lautet daher der Anspruch von Kletecka-Pulker.

Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass Gewalt gegen Ärzte und Pflegepersonal auch eine sehr konkrete Ursache haben kann, nämlich jene Gewalt, die von diesen selbst an Patienten ausgeübt wird und damit Aggression und Widerstand schürt. Wenn Patienten in ihrer Scham und Würde verletzt werden, ihre Bedürfnisse nicht richtig artikulieren können oder mit „gut gemeinten“ Pflegemaßnahmen überrollt werden, entsteht ein Klima, das für verbale und physische Angriffe offen ist.

Hauskrankenpflege

Mitarbeiter der Pflegeberufe sind in jedem Fall am häufigsten Aggressionen und Gewaltandrohungen ausgeliefert, innerhalb aber auch außerhalb der Klinikmauern. Gerade in der Hauskrankenpflege werde die Problematik in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen, prophezeit Ursula Frohner. Zum einen würden die Menschen in einem immer rekonvaleszenteren Zustand nach Hause entlassen und dort weiter gepflegt, zum anderen werde Gewalt im häuslichen Bereich noch viel eher toleriert als im öffentlichen. „Auch die Signale der Ablehnung werden wachsen, denn manche therapeutischen Handlungen sind schmerzhaft und der Pflegebedürftige sieht oft keinen anderen Ausweg, als seine Schmerzen in Aggression gegen Pflegende auszudrücken.“

Eine besondere Bedrohung, die in den Kliniken viel seltener auftritt als in der intimen Privatsphäre der häuslichen Pflege seien sexuelle Übergriffe.

Sofortmaßnahmen

Um Ärzte, Pflegepersonal, Therapeuten und andere Mitarbeiter in den Gesundheitsberufen besser als bisher auf solche kritische Situationen vorzubereiten, hat die Plattform unter anderem einen Informationsfolder zur „Kommunikation nach einem Zwischenfall“ erarbeitet. Darin wird anhand von Praxisbeispielen erklärt, wie Missverständnisse und eine Eskalation von unerwünschten Ereignissen vermieden werden können. Zudem wolle sich die Plattform für mehr Bewusstseinsbildung einsetzen und auch „Gesundheitseinrichtungen bei der Umsetzung von personalbezogenen, organisatorischen und patientenbezogenen Maßnahmen aktiv unterstützen“, sagt Kletecka-Pulker.

Dafür brauche es allerdings dringend ein Gesamtkonzept. So müssten etwa Spitalsbetreiber ihren Mitarbeitern passende Ausbildungen anbieten und auch finanzieren, etwa Sicherheitsschulungen. Diese müssten aber nicht nur fragmentarisch stattfinden, sondern „systematisch in der Grundausbildung verankert werden und sich über alle Berufsgruppen ziehen“, fordert Kletecka-Pulker. Für Risikogruppen – etwa Teams der Notaufnahme – fordert Frohner zudem weiterführende Schulungsmaßnahmen, Deeskalationsschulungen und Supervision: „Hier ist es aus meiner Sicht schon eine Minute vor zwölf, denn es kann nicht sein, dass private Security-Firmen in Spitälern fehlendes Fachpersonal ersetzen.“

Präventions-Checkliste für mehr Sicherheit

Was tun für mehr Sicherheit?

  • Halten Sie Gewalt für möglich und entscheiden Sie sich für Selbstschutz.
  • Wenn Sie oder ein/e MitarbeiterIn bedroht werden, stoppen Sie sofort Ihr therapeutisches Tun.
  • Sprechen Sie wachsende Aggression im Team und im Umgang mit PatientInnen sowie Angehörigen an.
  • Analysieren Sie Flucht- und Deckungsmöglichkeiten.
  • Installieren Sie einen Notfallknopf in Reichweite.
  • Ihre wichtigste Abwehrmöglichkeit ist Ihre Kommandostimme.
  • Lernen Sie Deeskalationsstrategien.
  • Proben Sie Ernstfälle, um vorbereitet zu sein!
  • Überprüfen Sie, ob Sie ausreichend versichert sind (Unfall, Betriebsunterbrechung, Rechtsschutz).
  • Wenn es um Ihr Leben geht, dann kämpfen Sie!

Quelle: Die Checkliste wurde am Bildungstag der Plattform Patientensicherheit präsentiert. Modifiziert nach SpringerMedizin.de: Bedroht, beschimpft, geschlagen. Vom Helfer zum Opfer: Gewalt gegen Ärzte

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2014

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