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Prävention als Hebel für mehr Gesundheitsökonomie funktioniert in Österreich noch nicht ausreichend.
 
Gesundheitspolitik 11. Juni 2014

Unabhängige Daten für transparente Entscheidungen

Judit Simon ist die erste Professorin für Gesundheitsökonomie an einer österreichischen Medizinuniversität. Über ihre Ansichten und Ziele sprach sie mit der Ärzte Woche.

Für die heimischen MedizinUnis ist die Gesundheitsökonomie ein neues Feld. Die Kombination von Medizin- und Ökonomieexpertise fand sich bisher auf dieser Ebene nicht. Die ausgebildete Ärztin und Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Judit Simon will die – zweifelsohne bestehenden – unterschiedlichen Blickwinkel in einen gemeinsamen Rahmen bringen.

Erstmals wurde an einer heimischen MedinzinUni eine Professur für Gesundheitsökonomie eingerichtet. Hat die Ökonomisierung in der Medizin längst das Kommando übernommen oder will man den Ökonomen das Feld nicht kampflos überlassen?

Simon: Die Professur ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass dieses wichtige Thema jetzt auch in Österreich die Bedeutung erhält, die es international schon seit geraumer Zeit genießt. Es geht hier nicht darum, jemand anderem das Wasser abzugraben, sondern vielmehr um Zusammenarbeit und die Schaffung von gegenseitigem Bewusstsein. Das funktioniert nur auf Basis eines multidisziplinären Ansatzes und enger Kooperationen zwischen den verschiedenen Wissenschaftsbereichen. Darum will ich mich besonders bemühen. Aufgrund meiner Ausbildung kenne ich beide Blickwinkel auf das Thema, den medizinischen und den ökonomischen. Ich habe die letzten zehn Jahre in einer vergleichbaren Position in Oxford gearbeitet. Das hat wunderbar funktioniert. Ich bin mir sicher, dass die enge Anbindung der Abteilung an die MedUni Wien und der dadurch mögliche Zugang zu den Ärzten sehr hilfreich und produktiv sein werden.

Nähern sich Mediziner und Ökonomen dem Thema auf unterschiedliche Weise?

Simon: Ja, das denke ich schon. Die Mediziner richten ihren Blick auf den einzelnen Patienten, die volkswirtschaftliche, gesellschaftliche Dimension spielt für ihre Arbeit eine ebenso untergeordnete Rolle wie in ihrer Ausbildung. Das wird in Zukunft so nicht mehr funktionieren. Auf der anderen Seite haben wir die Ökonomie als klassische Sozialwissenschaft, die Maßnahmen und Handlungen immer auf einer gesellschaftlichen Ebene betrachtet, dabei aber bisweilen das Individuum aus den Augen verliert. Für die Entwicklung des Gesundheitssystems wäre es gut, wenn beide Seiten verstehen, wie die jeweils andere denkt. Die beiden Betrachtungsebenen Individuum und Gesellschaft näher aneinander zu führen, betrachte ich als eines der Hauptziele meiner Arbeit in Wien.

Wie „gefährlich“ für die Versorgungsqualität ist die stetige Ökonomisierung des Gesundheitssystems aufgrund immer knapperer finanzieller Mittel?

Simon: 1960 hat Österreich 4,3 Prozent des BIP für Gesundheit ausgegeben, 2010 waren es elf Prozent. Es muss allen klar sein, dass das so nicht ewig weitergehen kann. Das Missverhältnis zwischen dem, was gebraucht oder gewünscht wird beziehungsweise dem, was möglich ist und wofür Geld vorhanden ist, wird immer größer. Ich würde in dem Zusammenhang nicht von gefährlich, sondern eher von unausweichlich sprechen, ein Faktum, dem wir uns stellen müssen. Unter diesen Rahmenbedingungen kommt für eine strategische Gesundheitspolitik, aber auch für ganz konkrete Versorgungsplanungen, dem Setzen von Prioritäten ein zentraler Stellenwert zu. Das ist bisher nicht passiert – oder auf eine sehr intransparente, informelle Weise. Zukünftig müssen solche Entscheidungen viel expliziter und transparenter werden – und sie müssen auf Evidenzen aufbauen, nachvollziehbar sein.

Bedeutet mehr Geld im System automatisch bessere Gesundheitsdaten?

Simon: Geld bringt nicht automatisch einen besseren Output, es gibt hier keine klare Korrelation. Das hat damit zu tun, dass Gesundheit nicht nur vom Versorgungssystem, sondern auch von vielen anderen Faktoren beeinflusst wird, von den sozialen Verhältnissen etwa, aber auch vom Lifestyle, von gesellschaftlichen Werten, individuellem Verhalten, ja sogar von den Genen. Wir müssen also immer auch hinter das eigentliche Versorgungssystem blicken, nach diesen anderen Einflussfaktoren suchen. Da gäbe es viele Hebel mit einem herausragenden „Return of Investment“. Ein konkretes Beispiel: Österreich ist eine große Rauchernation, bei den Jugendlichen sogar international an der Spitze. Die negativen Auswirkungen daraus kann kein noch so teures Gesundheitssystem der Welt wettmachen.

Apropos Return of Investment – Präventionsprogramme zählen wohl auch zu diesen Hebeln. Warum funktioniert die Prävention in Österreich nur so unzureichend?

Simon: Tatsächlich steht Österreich in puncto Prävention international schlecht da. Während Europa durchschnittlich drei Prozent der Gesundheitsausgaben in die Prävention investiert, sind es in Österreich nur 1,5 Prozent. Dieser Anteil hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Ein Grund dafür ist aus meiner Sicht das Fehlen einer relevanten nationalen Steuerungseinheit, einer Organisation, die Prävention koordiniert und auch entsprechend promotet. Auch die derzeitige Ausbildung der Ärzte ist nicht dazu geeignet, um die geringe Quote zu steigern. Ich hoffe, durch die aktuellen Reformbemühungen wird sich die Situation mittelfristig verbessern. Auch meine Abteilung soll hier unterstützend wirken, zum Beispiel, indem sie wissenschaftlich fundierte Daten liefert, auf denen sich wirksame Präventionsprogramme aufbauen lassen.

Was sind die ganz persönlichen Forschungsschwerpunkte auf Ihrem Institut?

Simon: Wir werden international und multiprofessionell arbeiten. Wir werden internationale Vergleiche anstellen und uns Systeme und Methoden aus anderen Ländern genau ansehen, dort, wo etwas besonders gut funktioniert. Dann werden wir untersuchen, ob und wie diese Systeme und Methoden auf das spezifische österreichische Setting übertragbar wären. Wie werden uns zudem um bessere Outcome-Messungen im Gesundheitssystem bemühen und wollen transparente Daten zur Verfügung stellen. Hier sehe ich den größten Nachholbedarf.

Wenn Sie an drei Punkten ansetzen könnten, um das österreichische Gesundheitssystem fit für die Anforderungen im Jahr 2020 zu machen, welche Punkte wären das?

Simon: Erstens, die Prävention stärken. Zweitens, natürlich die Transparenz der Leistungs- und Kostenmessung verbessern. Wie schon anfangs erwähnt, kann die Kostenentwicklung im Gesundheitssystem nicht immer so weitergehen wie bisher. Daher werden Priorisierungen in immer stärkerem Maße notwendig sein. Um solche Entscheidungen jedoch treffen zu können, brauchen wir fundiertes und transparentes Datenmaterial auf Basis einer unabhängigen Forschung. Drittens: Mögliche Konsequenzen veränderter Rahmenbedingungen aufzeigen und bewerten. Zum Beispiel verändert sich der Versorgungsschwerpunkt von der Akutversorgung immer stärker in Richtung Versorgung von chronischen Erkrankungen. Was bedeutet das für das System, für den intramuralen wie für den extramuralen Bereich und vor allem für die Schnittstellen dazwischen?

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni.

Judit Simon

Prof. Dr. Judit Simon hielt vor wenigen Tagen am AKH Wien ihre Antrittsvorlesung. Sie ist seit Oktober Inhaberin der ersten Professur für Gesundheitsökonomie an einer österreichischen MedUni überhaupt. Davor arbeitete die gebürtige Ungarin über zehn Jahre als Gesundheitsökonomin an der Universität Oxford, Großbritannien.

Judit Simon hat ein Doktorat in „Public Health“ (Universität Oxford), einen Master of Science in Gesundheitsökonomie (Universität York), ist weiters Doktorin der Medizin, hat einen Bachelor in Wirtschaft und einen für „Medical Translation“ (alles an der Universität Szeged).

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2014

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