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Prof. Dr. Christian Lampl
Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Bernd Hirnschrodt

Mag. Jan Pazourek
Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖÄK/Christian Jungwirth

Dr. Johannes Steinhart
Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 11. Juni 2014

Standpunkte: Im Stich gelassen

Experten fordern eine bessere – vor allem extramurale – Versorgung von Schmerzpatienten. Die Zielsteuerungsverträge wecken aber kaum Optimismus.

In Österreich leiden mindestens 1,5 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen, darunter sind rund 200.000 sogenannte problematische Schmerzpatienten mit einem sehr hohen Chronifizierungsgrad. Es sei absurd, klagte Christian Lampl erst unlängst im Rahmen der Wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft, deren Präsident er ist, dass heute zwar mehr wirksame schmerztherapeutische Methoden als je zuvor zur Verfügung stehen, diese jedoch nicht konsequent bei allen Patienten eingesetzt werden könnten. Neben mangelndem politischem Willen orten Schmerzexperten Untätigkeit und Ignoranz seitens der Krankenkassen und Sozialversicherungsträger. Das sei insofern nur schwer nachvollziehbar, als die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch chronischen Schmerz verursacht werden, auf 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt werden.

Auch die Ärztekammer fordert vehement eine Verankerung der Schmerztherapie in den Leistungskatalogen der Krankenkassen. Derzeit würden solche Schmerztherapien nicht einmal „auch nur annähernd realistisch“ honoriert, kritisiert die Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte. Diese könnten ihre Leistungen daher nur privat anbieten, was eine flächendeckende Versorgung von Schmerzpatienten automatisch verhindern würde. Die Kassen sprechen zwar von einem insgesamt guten Versorgungsniveau, räumen aber durchaus Verbesserungspotenzial ein. In Niederösterreich sollen Experten jetzt im Rahmen eines regional begrenzten Pilotprojekts ein Konzept für eine komplexe Schmerzbehandlung im extramuralen Bereich erarbeiten.

 

Extramurale Versorgung fördern

„Gesundheitspolitik ignoriert die Bedürfnisse von Schmerzpatienten und die Vorschläge der Schmerzexperten.“

Prof. Dr. Christian Lampl, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz

Die österreichische Gesundheitspolitik ignoriert die Bedürfnisse von Schmerzpatienten und die Vorschläge von Schmerzexperten für eine Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgung leider konsequent. Im Bereich der Schmerzdiagnostik und -therapie wurden Konzepte entwickelt, die chronischen Schmerzpatienten eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität ermöglichen. Deren Umsetzung scheitert jedoch vielfach an den Sozialversicherungsträgern und am nicht vorhandenen politischen Willen. Die Versorgung chronisch Schmerzkranker ist in diesem Land heute nicht einmal ansatzweise gewährleistet.

Die Probleme beginnen schon bei der Gesundheitsplanung: Im Bundeszielsteuerungsvertrag kommen chronische Schmerzkrankheiten überhaupt nicht vor. In nur drei Landeszielsteuerungsverträgen ist der chronische Schmerz als zumindest „berücksichtigungswürdig“ verankert. Nachhaltige Verbesserungen sind jedoch nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Es gibt nicht einmal in jedem Bundesland eine Einrichtung, die eine multimodale Schmerztherapie ermöglicht. Es ist medizinisch und ethisch inakzeptabel, dass es nicht zuletzt vom jeweiligen Wohnort abhängt, ob ein Schmerzpatient angemessen behandelt wird oder nicht.

Derzeit gibt es für Patienten, wenn sie überhaupt einen Behandlungsplatz finden, viel zu lange Wartezeiten auf Untersuchungs- und Behandlungstermine. Und statt die Versorgung auszubauen, werden Schmerzambulanzen und -dienste an vielen Orten reduziert oder ganz eingestellt.

Was wir brauchen, ist klar: Erforderlich sind unter anderem eine einheitliche Definition des chronischen Schmerzes, eine eigene ISD-Codierung für Schmerz, Kriterien für eine interdisziplinäre Betreuung sowie eine flächendeckende Versorgung mit schmerztherapeutischen Einrichtungen inklusive Schmerzrehabilitation. Die Politik muss endlich nicht nur unseren Krankenhäusern ausreichend Personal und Mittel für die Schmerzbehandlung zur Verfügung stellen, sondern insbesondere auch im extramuralen Bereich spezialisierte Versorgung fördern.

 

Es gibt Verbesserungsbedarf

„Wir planen, ein entsprechendes Angebot für komplexe Schmerzbehandlung zu schaffen, zunächst als Pilotprojekt.“

Mag. Jan Pazourek, Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse

Erstansprechpartner für Patienten mit Schmerzen ist der Arzt ihres Vertrauens. Die Abklärung der Ursachen von Schmerzen und deren Behandlung sind Teil der ärztlichen Ausbildung. Betroffenen steht daher durch die flächendeckende Versorgung mit Vertrags(fach)ärzten, die vielfältige medikamentöse und nicht medikamentöse Methoden einsetzen können, ergänzt um das punktuell in einigen Bezirken vorhandene spitalsambulante Angebot, eine gute Basisversorgung zur Verfügung.

Wenn der Schmerz seine physiologische Funktion längst verloren hat und den Betroffenen in seiner Lebensqualität beeinträchtigt, wenn der Arzt des Vertrauens mit seinem Wissen und den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Behandlungsmethoden an seine Grenzen stößt, spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem es eines multidisziplinären Behandlungskonzeptes bedarf, das derzeit in Niederösterreich nicht flächendeckend angeboten wird.

Die niederösterreichischen Krankenversicherungsträger und das Land Niederösterreich tragen dem Bedarf, ein entsprechendes Angebot für komplexe Schmerzbehandlung zu schaffen, Rechnung und haben im Landeszielsteuerungsvertrag eine entsprechende Maßnahme geplant. Demnächst wird eine Gruppe von Experten mit der Erarbeitung eines Konzeptes betraut werden, das als Pilotprojekt zunächst in einer Region umgesetzt werden wird. Auf den Erfahrungen aus dem Pilotprojekt und den Evaluierungsergebnissen wird die Planung für ein flächendeckendes Angebot aufsetzen.

Abgesehen von der Behandlung des Schmerzes ist uns Prävention ein großes Anliegen. Oft stehen chronische Schmerzen in einem kausalen Zusammenhang mit Erkrankungen des Bewegungsapparates oder haben eine metabolische Genese, das Präventionsangebot ist hier breit gefächert und reicht von betrieblicher und schulischer Gesundheitsförderung bis zu diversen Veranstaltungen bzw. Kursen, wo eine Teilnahme kostenlos oder mit einem sehr geringen Beitrag möglich ist.

Ja, es gibt im Bereich der Schmerztherapie noch Verbesserungsbedarf, aber ausgehend von einem für die überwiegende Zahl der Betroffenen bereits ausgezeichneten Niveau.

 

Untragbare Situation

„Die Sozialversicherung muss begreifen, dass es sich rechnet, Schmerztherapie in die Kassenkataloge aufzunehmen.“

Dr. Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer

Von chronischen Schmerzen sind 1,7 Millionen Österreicher sind betroffen, können aber nicht flächendeckend von niedergelassenen Ärzten versorgt werden, weil die Kassen die Kosten für eine zeitgemäße – also multimodale und individuell abgestimmte – Schmerztherapie nicht übernehmen. Ob ein Patient mit chronischen Schmerzen adäquat ambulant betreut wird, hängt letztendlich davon ab, ob er diese Privatleistung selbst finanzieren kann. Das ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für uns Ärzte auf Dauer eine untragbare Situation. Einige der Schmerztherapien, die derzeit nur im stationären Bereich durchgeführt werden, könnten jedenfalls auch ambulant oder tagesklinisch angeboten werden. Das wäre eine durchaus sinnvolle Möglichkeit, teure Spitalsbetten einzusparen und das Krankenhauspersonal massiv zu entlasten.

Auch volkswirtschaftliche Gründe sprechen dafür, dass Österreich in eine zeitgemäße Versorgung von Schmerzpatienten investiert. Ich bin überzeugt, dass sich die Kosten rechnen würden, wenn man berücksichtigt, dass zum Beispiel ein Drittel aller Anträge auf Berufsunfähigkeitspension auf chronische Schmerzen zurückgeht, elf Prozent der Schmerzpatienten arbeitsunfähig sind und immerhin die Hälfte angibt, durch die Krankheit beruflich beeinträchtigt zu sein.

Die Sozialversicherung muss daher endlich begreifen, dass es sich hier nicht um ein Minderheitenproblem handelt und dass es sich durchaus rechnen würde, moderne, multiprofessionelle Schmerztherapie in die Kassenkataloge aufzunehmen und diese auch angemessen zu honorieren. Derzeit sind wir davon allerdings noch meilenweit entfernt.

Die „Schmerzplattform“, die mehrere ärztliche Fachgesellschaften und Selbsthilfegruppen umfasst, erarbeitet derzeit Vorschläge zur Steigerung von Behandlungsergebnissen, sowohl im niedergelassenen als auch im stationären Bereich. Ziel ist es, in Kombination mit Präventivmaßnahmen den Medikamentenverbrauch zu senken und die Zahl an Untersuchungen, Krankenständen und therapiebedingten Nebenwirkungen zu reduzieren.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2014

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