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Apotheker füllen den Fragebogen mit den Kunden aus.
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Gesundheitspolitik 23. Mai 2014

Apotheker berechnen Allergierisiko ihrer Kunden

Mit einem kostenlosen Allergie-Risiko-Check wollen die Apotheken einen Beitrag zu Früherkennung und Bewusstseinsbildung leisten.

Allergische Atemwegserkrankungen zählen zu den häufigsten chronischen Krankheiten, dennoch werden sie immer noch ignoriert, unterschätzt oder inadäquat behandelt. Daher bieten die Apotheken in Niederösterreich, Wien, Burgenland und Salzburg gemeinsam mit der Österreichischen Lungenunion jetzt einen Allergie-Risiko-Check mittels Online-Fragebogen an. Wird dabei eine festgelegte Punktezahl überschritten, wird den Kunden eine ärztliche Abklärung empfohlen. Die in das Projekt eingebundenen Mediziner beurteilen die Aktion äußerst positiv, die nicht involvierte Standesvertretung reagiert jedoch skeptisch.

Ein Viertel der österreichischen Bevölkerung leidet an allergischer Rhinitis, rund 700.000 Personen an allergischem Asthma bronchiale. Dazwischen ist die Bandbreite allergischer Erkrankungen und ihrer Ausprägungen groß. Die Zahl der von allergischen Symptomen Betroffenen nimmt massiv zu, nicht zuletzt aufgrund von Allergenen, die durch Umwelteinflüsse und Zivilisation begünstigt werden wie etwa Hausstaubmilben, Schimmelpilze, aber auch exotische Früchte oder auch Antibiotika. Laut Prognose wird innerhalb der nächsten Jahre fast jeder zweite Europäer an einer allergischen Erkrankung der Atemwege leiden.

Das Risikobewusstsein der Bevölkerung hat sich dieser Entwicklung bisher noch nicht angepasst. Immer noch wird etwa bei fast der Hälfte aller Patienten keine Diagnose erstellt. Dabei wäre besonders das frühzeitige Erkennen einer Allergie ein wichtiger erster Schritt für eine wirkungsvolle Prophylaxe bzw. Grundlage für eine kausale Therapie, mit deren Hilfe weitere Schäden vermieden werden könnten.

Um das Risikobewusstsein zu steigern, führen die Apotheken in einigen Bundesländern dieses Frühjahr die Früherkennungs-Aktion „Allergie-Risiko-Check“ durch. Bereits im Vorjahr lief ein vergleichbares Programm als Pilotprojekt in Wien und erreichte die beachtliche Anzahl von 2.300 Teilnehmern, die ihr persönliches Asthma/Allergie-Risiko testen ließen. Nun wurde die Aktion regional deutlich verbreitert, die Initiatoren erhoffen sich dadurch eine deutlich größere Resonanz in der Bevölkerung.

Kunden in der Apotheke aktiv ansprechen

„Viele Patienten erhalten erst zu einem viel zu späten Zeitpunkt, oft erst Jahre, nachdem die ersten Symptome aufgetreten sind, eine Therapie“, skizziert Mag. Heinz Haberfeld, Präsident der Apothekerkammer Niederösterreich, den Status quo. Viele würden es außerdem bei einer symptomatischen Therapie belassen, die zwar momentan wirkungsvoll sei, das Risiko von chronischen Folgeschäden aber nicht wesentlich reduzieren würde. Dazu werde eine kausale Therapie benötigt.

Im Rahmen der aktuellen Aktion werden potenzielle Patienten in der Apotheke auf ein mögliches Allergie-Risiko hingewiesen. Dies erfolgt einerseits über aufklärende Broschüren und bewusstmachende Plakate, andererseits aber auch über ein direktes Ansprechen von Kunden mit allergischen Symptomen durch die Apotheker. Dafür wurden im Vorfeld der Aktion mehr als 200 Mitarbeiter durch medizinische Spezialisten speziell geschult.

Gemeinsam mit den solcherart identifizierten Kunden füllt der Apotheker unmittelbar am PC, an der Tara oder auch an einem dafür zur Verfügung stehenden Beratungsplatz einen international anerkannten Screening-Fragebogen aus und berechnet den individuellen Allergie-Risiko-Wert.

Dafür wurde ein Webtool entwickelt, das nicht nur die Antworten unmittelbar auswertet, sondern die Daten der Tests auch in anonymisierter Form sammelt, um sie später auswerten zu können. Dafür werden zusätzlich zu den validierten Fragen auch noch demografische Daten wie Alter oder Geschlecht, aber auch Wohnort und Schulbildung erhoben sowie einige Gesundheitsdaten, etwa das Rauchverhalten oder frühere Allergieerkrankungen. Alle Daten zusammen werden nach Abschluss der Aktion von externen Spezialisten auf bestimmte Korrelationen und Gewichtungen überprüft – etwa, ob sich eine Korrelation zwischen Allergierisiko und Wohnumgebung, urban oder ländlich, ergibt – und mit internationalen Ergebnissen verglichen. Die Ergebnisse sollen im Herbst publiziert werden.

Individuelle Risikobewertung

Die Apothekenkunden werden allerdings unmittelbar nach dem Test über ihr individuelles Ergebnis informiert. Ergibt der Fragebogen ein erhöhtes Risiko für eine Allergie (ab dem Wert 7 auf einer Bewertungsskala von 0 bis 24), wird dem Patienten eine ärztliche Abklärung empfohlen, erläutert Haberfeld: „Es handelt sich bei dem Testverfahren um keine medizinische Diagnose, sondern um eine Risikoeinschätzung. Wird ein höheres Risiko festgestellt, dann sollte eine entsprechende ärztliche Diagnose erfolgen.“

Die Aktion sei jedenfalls gut gelaufen, berichten die Apotheker in Niederösterreich. Zuletzt sei das Interesse der Apothekenkunden vor allem aufgrund des schlechten Wetters etwas abgeflaut. „Wir hoffen, dass in den letzten Wochen der Aktion die Frequenz noch einmal deutlich zunimmt, denn insgesamt könnten es durchaus noch etwas mehr sein“, wünscht sich Haberfeld.

Keine Akkordierung mit der Ärztekammer

Im Gegensatz zur Aktion „10 Minuten für Ihre Gesundheit“ der Niederösterreichischen Apothekerkammer im vorigen Jahr ist der Allergie-Check diesmal nicht mit der Ärztekammer akkordiert, weil es dafür auch „keinerlei Anlass“ gäbe, wie es Haberfeld formuliert. „Wir nehmen den Ärzten ja nichts weg, im Gegenteil, wir bringen ihnen zusätzliche Patienten.“

Auch Prof. Dr. Wolfgang Popp vom Geriatriezentrum Am Wienerwald und Leiter des Ambulatoriums „Gesunde Lunge“, Institut für Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sieht in der Aktion kein Konfliktfeld zwischen Ärzten und Apothekern, sondern vielmehr einen Mehrwert für alle Beteiligten. „Jede Maßnahme zur Früherkennung allergischer Erkrankungen ist willkommen. Die Apotheke ist sicherlich ein geeigneter Ort dafür. Der Fragebogen ist valide und international gut abgesichert.“ Es handle sich dabei um eine „Vorfeldabklärung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es passiert hier keine Diagnoseerstellung, keine Messung und schon gar keine ‚geheime‘ Behandlung“.

Die Apotheker überschreiten hier laut Popp jedenfalls in keiner Weise ihre Fachkompetenz, sondern „helfen uns Ärzten, Personen herauszufiltern, die bisher möglicherweise unzureichend oder gar nicht behandelt wurden“. Popp spricht von einer dreifachen Win-win-win-Situation: Der Arzt profitiert, weil ihm dadurch potenzielle Patienten zu einer wirkungsvollen Behandlung zugeführt werden, der Apotheker profitiert, weil er zusätzliche Kompetenz erwirbt und diese Kompetenz auch gegenüber seinen Kunden vermitteln kann und schließlich – und in erster Linie – profitiert natürlich der Patient selbst, weil er früher zum Arzt kommt und die Chancen auf eine gute Behandlung dadurch steigen.

Nicht alle ärztlichen Standesvertreter sehen die Aktion allerdings so uneingeschränkt positiv. „Wir halten es nicht für sinnvoll, wenn in öffentlichen Apotheken ein Allergie-Risiko-Check angeboten wird“, sagt etwa Dr. Max Wudy, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Niederösterreich, denn „Diagnose und Therapie von Allergien gehören in ärztliche Hand“. Auch wenn im konkreten Fall der rezeptfreie Produktverkauf in den meisten Fällen zu keinen negativen Auswirkungen führen dürfte – „außer fürs Geldbörserl des Kunden“ – so sei ein „vereinzeltes Risiko durch nicht fachgerechte Beratung durch Apothekenpersonal sicherlich nicht auszuschließen“, fürchtet Wudy. Was durch die Aktion keinesfalls passieren dürfe, sei eine „Verzögerung der ärztlichen Intervention. Dies kann zu lebensbedrohlichen Situationen führen“.

Die Aktion der Apotheken läuft noch bis 30. Juni 2014.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 22/2014

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