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Gesundheitspolitik 17. April 2014

Im Zweifel Vorrang für die Privatsphäre

Beim 4. Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung war das Recht auf Datenschutz Thema bei einer Podiumsdiskussion.

Eine frühzeitige und umfassende Diagnostik von Sucht und ein multiprofessioneller Therapieansatz würden die Kosten der zweitteuersten Erkrankung in der Psychiatrie für die Gesellschaft wesentlich reduzieren. Zudem würde dies für die Betroffenen einen langen Leidensweg bis hin zur Kriminalität ersparen. Allerdings wird die Sucht in Österreich nach wie vor nicht als integraler Bestandteil der psychiatrischen Erkrankungen betrachtet. Bestehende föderalistische Parallelstrukturen verursachen einen finanziellen Aufwand, der für höhere Betreuungsqualität eingesetzt werden könnte.

170 Experten waren nach Grundlsee gekommen. Auf der Tagesordnung des Symposiums stand ein weit gefächertes Themenspektrum, mit dem Fokus auf Suchtdiagnostik und -therapie, die Auswirkungen von Komorbiditäten auf den Behandlungsverlauf, finanzielle Konsequenzen für die Gesellschaft, das Thema Jugend und Suchterkrankung sowie strafrechtliche Probleme bei der Abgabe psychotroper Medikamente unter Berücksichtigung des Dosierungswunsches des Patienten.

Die Auswirkungen übermäßigen Alkoholkonsums auf die Gesellschaft sind laut Prof. Dr. Michael Soyka, Universität München sehr groß, jede dritte Gewalttat unter Alkoholeinfluss ausgeübt. Auch die Unfallhäufigkeit korreliert mit jenen Regionen, in denen größere Mengen Alkohols konsumiert werden – beispielsweise in den Weinbaugebieten. Soyka berichtet aber auch über den Paradigmenwechsel in der Alkoholtherapie, bei der ein kontrolliertes Trinken angepeilt wird, anstatt wie bisher die völlige Abstinenz.

Dass der Missbrauch von Alkohol und illegalen Drogen unter Personen mit psychiatrischen Störungen signifikant häufiger als in der Gesamtbevölkerung ist, berichtete Dr. Konstantinos Papageorgiou von der MedUni Wien. So weisen 46 Prozent der Patienten mit einer bipolaren Störung auch substanzbezogene Suchterkrankungen auf, was dem Sechsfachen der Allgemeinbevölkerung entspricht.

Zum Thema Jugend und Suchterkrankung erklärte Dr. Ralf Gößler, Krankenhaus Hietzing, Rosenhügel, dass etwa 47 Prozent der Jugendlichen zwei Mal pro Woche Substanzen missbräuchlich verwenden. Nur ein Zehntel der Eltern wissen vom Konsum Ihrer Kinder Bescheid. Die Prävalenz psychiatrischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen liegt bei 15-22 Prozent, wobei etwa acht Prozent behandlungsbedürftig sind. Strukturverlust, unerklärliches Verhalten, Wesensveränderungen und völlige Perspektivenlosigkeit weisen auf eine psychiatrische Erkrankung hin. Durch die starke Überlagerung mit adoleszenten Phänomenen ist die Diagnose einer Suchterkrankung bei Jugendlichen schwierig. Internalisierende Verhaltensweisen sind eher den Mädchen, externalisierende eher den Burschen zuzuordnen. Weibliche Jugendliche kommen daher oft erst spät oder gar nicht in Behandlung .

Im Zweifel für die Privatsphäre

Die Diskussion „Die Weitergabe patientenbezogener Daten im Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsschutz psychiatrisch Kranker und Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft“ beschäftigte sich mit der Verschwiegenheitspflicht für Gesundheitsberufe. Für psychiatrische Erkrankungen besteht eine besondere Sorgfaltspflicht. Aus rechtlicher Sicht bezieht sich der Anspruch auf Geheimhaltung schutzwürdiger personenbezogener Daten sowohl auf die Ermittlung von Daten als auch auf den Schutz vor ihrer Weitergabe. Die Datenweitergabe darf nur bei berechtigtem öffentlichen Interesse, etwa im Zuge von Strafverfahren, geschehen oder bei einer akuten und gravierenden Gefährdung von Dritten. Im Zweifel hat das Grundrecht auf Privatsphäre des Patienten Vorrang vor dem öffentlichen Interesse.

Quelle: 4. Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung, 7. bis 8. März 2014 , Grundlsee / Welldone PR

H. Leitner, Ärzte Woche 17/2014

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