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Dr. Afshin Assadian Vorstand der Gefäßchirurgie, Wilhelminenspital Wien, Wissenschaftlicher Sprecher des Gefäßforums Österreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© UniKlinikum Hamburg/Sebastian Schulz

Prof. Dr. Sebastian Debus Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin

 
Gesundheitspolitik 24. April 2014

Standpunkte - Schwachstellen im Gefäß: Wo bleibt das Screening?

Seit Jahren kämpft das Österreichische Gefäßforum für ein kassenabrechenbares Vorsorgeprogramm zur Erkennung eines lebensbedrohenden Bauchaorten-Aneurysmas – bislang vergebens, allen Leitlinien und international erfolgreichen Beispielen zum Trotz.

Abdominelle Aorten-Aneurysmen (AAA) entstehen auf dem Boden einer chronischen Entzündung der Aortenwand, prädisponierend sind vor allem höheres Lebensalter, männliches Geschlecht, Nikotinabusus und familiäre Häufung. Das AAA stellt eine häufige Erkrankung bei Männern ab dem 65. Lebensjahr dar, entwickelt sich in aller Regel langsam von einem kleinen Aneurysma zu einem rupturgefährdeten AAA und kann mittels Ultraschall – den Goldstandard stellt die B-Bild-Sonografie mit einem 3,5-5 MHz Sektorschallkopf dar – einfach und mit hoher Zuverlässigkeit diagnostiziert werden. Die Indikationen zur offenen oder endovaskulären Operation der abdominellen Aorta sind klar definiert, notwendige Eingriffe können in gefäßchirurgischen Zentren mit ausgewiesener Expertise mit einer sehr niedrigen Komplikationsrate durchgeführt werden. Nach erfolgter Therapie erwartet die Patienten eine nahezu normale Lebenserwartung. Das Gefäßforum Österreich setzt sich seit 2011 für ein Screening-Programm ein, das in anderen Ländern schon seit Jahren mit Erfolg praktiziert wird. Trotz ursprünglich großer Unterstützung der Ärztekammer ist es bisher nicht gelungen, die Kassen von der medizinischen und volkswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit einer solchen Vorsorge-Initiative zu überzeugen. Die Ärzte Woche bemühte sich daher auch um eine Stellungnahme des Hauptverbandes sowie der Ärztekammer, wo sich aufgrund der „Komplexität des Themas“ (Zitat ÖÄK) jedoch niemand für einen Kommentar zur Verfügung stellen wollte.

Unnötige Todesfälle durch geplatzte Aortenaneurysmen

„Die vorliegenden Zahlen sprechen für dringende Maßnahmen zur Prävention.“

Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie, Wilhelminenspital Wien, Wissenschaftlicher Sprecher des Gefäßforums Österreich

 

Die aktuelle Meldung, dass nun auch Deutschland dem Beispiel der skandinavischen Länder, der USA und Großbritanniens folgt und flächendeckend das Screening der Bauchaorta von über 65-Jährigen als Gesundenvorsorge einführen wird, unterstreicht die Ernsthaftigkeit dieser Erkrankung sowie die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit von Vorsorgemaßnahmen. Schwerwiegende Gefäßerkrankungen, zu denen das Bauchaortenaneurysma zählt, sind in den entwickelten Ländern aufgrund von demografischen Veränderungen stark steigend. Besonders betroffen sind die über 65-Jährigen. In Österreich haben geschätzte 70.000 Menschen eine gefährliche Aussackung der Bauchschlagader auf über das 1,5-Fache des normalen, gesunden Gefäßdurchmessers. Unnötige Todesfälle und schwerwiegende Komplikationen infolge des Platzens der Bauchaorta können aber durch regelmäßige Screenings in der über 65-jährigen Bevölkerung und durch eine geeignete und rechtzeitige Therapie verhindert werden. In Bezug auf die Behandlung gibt es sowohl im chirurgischen als auch im endovaskulären Bereich (katheterbasierte Therapie) enorme Veränderungen und Verbesserungen. Die Therapien sind mittlerweile schonender, mit geringeren Komplikationen und nachhaltig guten Langzeitergebnissen durchführbar. Die Bauchultraschalluntersuchung ist völlig schmerzfrei und birgt keinerlei Risiken.

Allein die vorliegenden Zahlen sprechen für dringende Präventionsmaßnahmen: Die Sterblichkeitsrate infolge eines geplatzten Bauchaortenaneurysmas liegt trotz allen medizinischen Fortschrittes bei mehr als 80 Prozent.

Nur 200 Menschen in der Zielpopulation der über 65-Jährigen mit erhöhtem Blutdruck und einer Raucheranamnese oder einem Herzkranzgefäßleiden müssen untersucht werden, um einen Todesfall infolge eines Platzens der Bauchschlagader pro Jahr zu vermeiden. Im Vergleich dazu müssen im Jahr 2.000 Menschen koloskopiert und 2.000 Frauen mammografiert werden, um einen Todesfall pro Jahr an Dickdarmkrebs oder Mammakarzinom zu verhindern.

Das Gefäßforum Österreich, eine Initiative von führenden österreichischen Persönlichkeiten aus Medizin, Wirtschaft und Politik, fordert schon seit seiner Gründung im Jahr 2011 gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (ÖGG) die flächendeckende Ultraschalluntersuchung zur Erfassung von Bauchaortenaneurysmen als kassenabrechenbare Gesundenvorsorge bei über 65-jährigen Menschen.

Bereits im Jahr 2011 startete das Gefäßforum Österreich eine landesweite Gesundheitskampagne zum Thema „Bauchaortenaneurysma“. Neben kostenlosen Informationsbroschüren für Betroffene organisiert das Gefäßforum Österreich auch dieses Jahr wieder Informations- und Screeningtage in der Zeit von 20. bis 24. Oktober 2014 an mehreren Gefäßambulanzen in Österreich.

Warum wir ein AAA-Ultraschallscreening brauchen

„Derzeit wird ein nationales AAA- Ultraschall-Screening-Programm für Deutschland evaluiert.“

Prof. Dr. Sebastian Debus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin

Die Prävalenz eines AAA mit einem maximalen Querdurchmesser von › 3,0 cm liegt bei mindestens 65-jährigen Frauen und Männern bei 1,3 bzw. 5,5 Prozent. Ab einem Querdurchmesser von 4,5 (Frauen) bzw. 5 cm steigt das Rupturrisiko steil an, eine prophylaktische Ausschaltung wird notwendig. In Deutschland wurden 2012 knapp 14.000 Patienten mit einem nicht-rupturierten AAA und 2.160 Patienten mit einem rupturierten stationär behandelt. Mehr als 50 Prozent aller Patienten mit Aortenruptur versterben, wobei die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt (6.000 bis 10.000), da nur ein Teil aller Patienten mit geplatztem AAA lebend ein Krankenhaus erreicht.

Die Metaanalyse randomisierter Studien zum Ultraschall-Screening des AAA aus England, Dänemark und Australien konnte eine signifikante Reduktion der AAA-assoziierten Mortalität und der Gesamtmortalität nach sieben bis 15 Jahren nachweisen. Das Screening führte zu einer deutlichen Zunahme elektiver Operationen und zu einer signifikanten Reduktion von Not-OPs.

Alle aktuellen Leitlinien empfehlen, Männer ab dem 65. Lebensjahr zu screenen, bei Vorliegen einer positiven Familienanamnese oft auch schon früher. In vier Leitlinien wird auch für Frauen ein AAA-Screening empfohlen, insbesondere beim Vorliegen multipler Risikofaktoren (positive Familien-, Raucheranamnese, kardiovaskuläre Risikofaktoren).

Für England wurde 2009 ein Screening-Programm beschlossen, welches 2014 flächendeckend umgesetzt sein soll. Alle Männer werden zu ihrem 65. Geburtstag eingeladen. Frauen können gescreent werden, wenn eine familiäre Belastung besteht. Auch in Schottland, Nordirland und Wales sollen ähnliche Programme implementiert werden. Seit 2007 werden in den USA 65- bis 75-jährige Männer, die in ihrem Leben mindestens 100 Zigaretten geraucht haben, sowie Männer und Frauen mit einer familiären Belastung zu einem einmaligen Screening eingeladen. In Schweden startete ein entsprechendes Programm schon 2006.

Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin hat 2010 folgende Empfehlungen veröffentlicht: Einmaliges Screening der abdominalen Aorta bei Männern ab dem 65. Lebensjahr und bei Frauen ab dem 65. Lebensjahr mit Nikotinabusus und/oder kardiovaskulärer Vorgeschichte bzw. bei Männern und Frauen aller Altersstufen mit positiver Familienanamnese. Bei einem Querdurchmesser von 3-4 cm sollte eine Kontrolluntersuchung nach zwölf Monaten erfolgen, bei 4-4,5 cm nach sechs Monaten. Ab 4,5 cm sollte eine gefäßchirurgische Expertise sowie eine CT-Angiografie hinzugezogen werden. Ab 5 cm (bei Frauen ab 4,5 cm) sollte die Indikation zur operativen Therapie erwogen werden.

Derzeit wird ein nationales Programm für ein AAA-Ultraschall-Screening für Deutschland seitens des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen evaluiert, um tödliche AAA-Rupturen zukünftig besser vermeiden zu können.

V. Weilguni, Ärzte Woche 17/2014

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