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Prof. Dr. Michael Kunze, Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Robert Rockenbauer, Bundesleiter der Österreichischen Schutzgemeinschaft für Nichtraucher

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Rudolf Schoberberger, Zentrum für Public Health, MedUni Wien, Organisator des Tabaksymposiums des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP)

 
Gesundheitspolitik 11. April 2014

Standpunkte: Machen uns Schockbilder rauchfrei?

Österreich ist laut der soeben veröffentlichten „Tabak-Kontroll-Skala 2013“ Schlusslicht beim Nichtraucherschutz in Europa. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Dieser wird wohl über die Umsetzung der vor Kurzem beschlossenen Schockbild-Verordnung der EU hinausgehen müssen.

Ab Jahresbeginn 2016 müssen mindestens 65 Prozent der Vorder- und Rückseiten von Zigarettenschachteln mit „abschreckenden Fotos“ bedeckt sein. Mit einem Formalakt in Brüssel wurde vor wenigen Tagen eine schon vor längerer Zeit erzielte politische Einigung nun endgültig beschlossen. Mit Fotos von Krebsgeschwüren oder verfaulten Zähnen sollen zukünftig vor allem Jugendliche und Noch-Nichtraucher vom verhängnisvollen Griff zur ersten Zigarette abgehalten werden. Verharmlosende Begriffe wie „mild“ oder „natürlich“ sowie bestimmte Aromastoffe sind dann ebenso verboten wie besonders „verführerisch“ gestaltete Verpackungen. Außerdem werden ab 2020 Mentholzigaretten verboten, weil sie unter Experten als „Einstiegszigaretten“ bei den Jugendlichen gelten.

Fast zeitgleich mit diesem Beschluss wurde eine europaweite Studie zum aktuellen Stand beim Nichtraucherschutz veröffentlicht. Die „Tabak-Kontroll-Skala 2013“ bewertete 24 Länder nach Kriterien wie etwa wie Zigarettenpreise, Rauchverbote an Arbeitsstätten und öffentlichen Orten, Ausgaben für Informationskampagnen, Werbeverbote, die Größe von Warnungen auf Zigarettenpackungen sowie Angebote zur Raucherentwöhnung. Am besten schnitt Großbritannien ab, gefolgt von Irland, Island; Deutschland lag am vorletzten Platz, am schlechtesten war Österreich. Die Experten kritisierten ein niedriges Niveau bei allen Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums. Das Land sei bereits 2007 und 2010 am letzten Platz gelegen und es habe wenige Anzeichen einer Verbesserung gegeben, hieß es in dem Bericht.

 

Effekte sind „überschaubar“

„Wir verweigern uns der Erkenntnis, dass es eine therapiewürdige Tabakabhängigkeit gibt.“

Prof. Dr. Michael Kunze, Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien

Ob Österreich das Schlusslicht ist, wie in einer Studie berichtet wird, hängt auch von der Gewichtung der Faktoren ab, die für die Reihung herangezogen werden. Bei der Therapie hochabhängiger Raucher sind wir sicher besser als so manch andere Länder, aber wie dem immer auch sei: Wir sind nicht gut in der Tabakkontrolle!

Wobei der Nichtraucherschutz, so wichtig er auch ist, nur ein Problembereich ist. Andere sind mindestens ebenso wichtig, zum Beispiel die Preis- und Steuerpolitik sowie die bereits genannte Betreuung entwöhnungswilliger Raucher.

Wir verweigern uns in Österreich konsequent noch immer der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis, dass es eine therapiewürdige Tabakabhängigkeit gibt, mit allen Konsequenzen für das Gesundheitswesen. Die Integration des Therapieangebotes in die Versorgung der Patienten ist nur ansatzweise durchgeführt, die präventiven Maßnahmen sind vor allem in einer Preispolitik (Erhöhung) zu sehen, hier ist vor allem auch die internationale Zusammenarbeit gefordert, um den Schmuggel einzudämmen.

Dass man die Kinder erreichen will, ist lobenswert, aber man darf dabei nicht auf die bereits abhängigen Tabakkonsumenten vergessen, viele davon brauchen unter Umständen auch ein alternatives Nikotinangebot, aber da scheiden sich die Geister (Fundis versus Realos). Kein Arzt kann gegen Warnhinweise oder sogenannte Schockbilder sein, aber die Effekte sind „überschaubar“. Viel wichtiger ist, wie erwähnt, eine international koordinierte Preispolitik, das Therapieangebot und die Substitutionstherapie, wenn die Entwöhnung nicht möglich ist. Diese Konzepte haben eine wissenschaftliche Basis, aber wie so oft ist die politische Umsetzung schwierig.

Noch ein Wort zur „Wirtshausdebatte“ (Nichtraucherschutz in Gaststätten auf österreichisch): Da muss man sich an die Vertreter der Wirtschaft halten, die weder den Wirten noch dem Publikum einen Dienst erwiesen haben. Sie haben uns das schlechte Abschneiden in jedem Vergleich beschert, oder dazu wesentlich beigetragen. Übrigens: Ich habe noch nie mit einem Gastronomen gesprochen, der mit der derzeitigen Lösung zufrieden war!

 

Schutz nicht ernst genommen

„Kein Wunder, wenn Österreich bei der Tabakkontrolle an letzter Stelle steht!“

Robert Rockenbauer, Bundesleiter der Österreichischen Schutzgemeinschaft für Nichtraucher

Hängen Politiker am Gängelband der Tabakindustrie? Ja, denn wie sonst ist es zu erklären, dass der Nichtraucherschutz trotz Tabakgesetz seit 2009 noch immer nicht in der Praxis angekommen ist? Wäre es dem Gesetzgeber ernst, müsste er eine flächendeckende Kontrolle veranlassen, denn rund 80 Prozent der Wirte verstoßen in irgendeiner Form gegen das Tabakgesetz: Der Hauptraum müsste rauchfrei sein, ist aber in vielen Fällen weiterhin der Raucherraum, die Türen zum Raucherraum stehen meist offen und die Kennzeichnungsverordnung scheint vielen Wirten völlig fremd zu sein. Am Land ist es schlimmer als in der Stadt.

Diese mangelhafte Umsetzung hat der Verwaltungsgerichtshof aufgrund eines konkreten Anlassfalls erkannt und im Juli 2013 eine weitreichende Entscheidung getroffen: Es ist unzulässig, dass Nichtraucher durch Raucherräume gehen müssen, um zum Nichtraucherraum oder zur Toilette zu gelangen. Damit wurde erstmals der Nichtraucherschutz in Österreich gestärkt! Doch was macht die Wirtschaftskammer? Sie bekämpft diese Entscheidung und sorgt dafür, dass ein höchstgerichtliches Erkenntnis per Verfassungsausschuss annulliert wird. Ein Skandal ohnegleichen! Es ist ein Armutszeugnis, wenn sich Politiker von der Wirtschaftskammer als Interessenvertretung der Tabakindustrie, der Trafikanten und der Wirte so unter Druck setzen lassen. Kein Wunder, wenn Österreich in der Tabakkontrolle an letzter Stelle steht!

Was die Schockbilder auf Zigarettenpackungen betrifft, ist dies nur eine von vielen Maßnahmen, die bewirken können, dass vorwiegend Jugendliche vom Rauchen abgehalten werden. Aber auch erwachsenen Rauchern fällt es dadurch leichter, mit dem Rauchen aufzuhören. Es handelt sich also um eine wirkungsvolle Aufklärungsmaßnahme. Die Tabakindustrie muss froh sein, wenn sie überhaupt noch die weltweit schädlichste Droge Nikotin herstellen darf. Denn das In-Verkehr-Bringen darf nur für gesundheitlich unbedenkliche Produkte erfolgen. Bei bestimmungsmäßigem Gebrauch von Zigaretten sterben aber jährlich weltweit über sechs Millionen Menschen, durch Passivrauchen etwa 600.000 Menschen, davon alleine 165.000 Kinder.

 

Tendenz zur Verdrängung

„Ob die Wissensvermittlung mit Schockbildern besser funktioniert, ist nicht in jedem Fall geklärt.“

Prof. Dr. Rudolf Schoberberger, Zentrum für Public Health, MedUni Wien, Organisator des Tabaksymposiums des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP)

Österreich ist sicher ein Land, in dem man den Nichtraucherschutz nicht so sehr durch Verbote und Strafen, sondern durch Aufklärung und Appelle an die Bevölkerung erreichen möchte. Dies hat zu unglücklichen Verordnungen hinsichtlich des Tabakkonsums im Gastronomiebereich geführt, mit denen Lokalbetreiber verunsichert wurden und womit Nichtraucher, aber auch viele Raucher, unzufrieden sind. In diesem Zusammenhang schneidet Österreich in der europäischen Tabak-Kontroll-Skala mit Recht nicht gut ab und die Politik ist hier gefordert, Maßnahmen zu setzen, die dem Standard vieler anderer Staaten entsprechen.

Die Behandlungsmaßnahmen scheinen mir in diesem Ranking jedoch etwas unterbewertet. Vertretungen von Gesundheitsberufen, wie etwa der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) oder die Ärztekammer, setzen verstärkt Maßnahmen, damit fachgerechte Raucherbehandlung angeboten werden kann. Das beginnt etwa beim Rauchertelefon, setzt sich über die beim niedergelassenen Klinischen Psychologen auf Krankenscheinbasis zur Verfügung stehende Raucherdiagnostik fort und reicht hin bis zur stationären Raucherbehandlung für stark nikotinabhängige Tabakkonsumenten.

Obwohl ein relativ gutes Basiswissen über mögliche Tabakschäden in der Bevölkerung vorhanden ist, ist es sinnvoll, darüber immer wieder Informationen zu vermitteln. Bei (zukünftigen) Rauchern besteht die Tendenz zur Verdrängung. Ob diese Wissensvermittlung mit Schockbildern besser funktioniert, ist nicht in jedem Fall geklärt. Wenn diese Abbildungen zu sehr „überzeichnen“, könnte eine hohe Ängstigung den Verdrängungsmechanismus verstärken und gemeinsam mit einem „optimistischen Fehlschluss“ („Mir kann das nicht passieren!“) die Identifikation verringern. Bildliche Warnhinweise – ohne ausgeprägte Schockfunktion – in Verbindung mit Textinformation und konkreten Hinweisen für Hilfestellungen sind ein wirksames Mittel der Tabakprävention. Studien belegen, dass diese Maßnahmen junge Menschen davon abhalten, das Rauchen zu beginnen, für Raucher eine Initialzündung für die Entwöhnung sein können und Ex-Rauchern helfen, rauchfrei zu bleiben.

V. Weilguni, Ärzte Woche 16/2014

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