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Selber Schuld? Nicht jeder Dicke erkrankt an Diabetes – es kommt auch auf die genetische Ausstattung an.
 
Gesundheitspolitik 7. April 2014

FACE DIABETES – Entschlossen gegen die Krankheit

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft fordert eine bessere Wahrnehmung der Diabetes-Erkrankung als gesellschaftliche Aufgabe im Sinne der Prävention und optimalen medizinischen Versorgung.

Der Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt sich zu einer Volkskrankheit, deren dramatische Konsequenzen von Politik und Gesellschaft nicht in ihrer Dringlichkeit wahrgenommen werden. Der mangelhaften Versorgungssituation von Patienten mit Typ-2-Diabetes, die darüber hinaus in Beruf und Alltag mit Diskriminierungen konfrontiert werden, versuche die Gesundheitspolitik zwar mit viel Papier, aber wenig tatsächlich wirkungsvollen Ansätzen zu begegnen, bedauert die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG). Mit FACE DIABETES möchte die medizinische Fachgesellschaft der Diabetesexpertinnen und -experten nun die Wahrnehmung von Diabetes und seiner Prävention in der Öffentlichkeit schärfen.

Diabetes mellitus wird in seiner gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Dimension seit Jahren ignoriert, betont die Österreichische Diabetes Gesellschaft. Die Politik schaffe in Planung und Umsetzung Stückwerk und Papierfriedhöfe oder aber plakative Aktionen ohne Nachhaltigkeit und wissenschaftlicher Fundierung.

„Im Rahmen der aktuellen Gesundheitsreform sollen im Bereich Diabetes sogenannte „Best Points of Service“ (BPOS) eingerichtet werden – und das bei unzureichenden Versorgungsstrukturen und nachdem jahrelang verabsäumt wurde, das existente Disease Management Programm (DMP) „Therapie Aktiv“ als einen solchen Best Point of Service auszubauen“, kritisiert Prof. Dr. Thomas C. Wascher von der 1. Medizinischen Abteilung des Hanuschkrankenhauses und Präsident der ÖDG. Die Passagen im neuen Regierungsprogramm, die den Diabetes mellitus betreffen, erinnern im Wortlaut verblüffend an den Diabetesplan, der im Rahmen des österreichischen EU Rats-Vorsitzes im 1. Halbjahr 2006 erstellt wurde und seither keine Umsetzung erfahren hat.

Trügerische Statistik

Grund für die mangelnde Wahrnehmung in Öffentlichkeit und Politik sind auch Statistiken, die die Situation nur unzureichend beleuchten, da als Todesfälle aufgrund von Diabetes mellitus nur jene Fälle aufscheinen, die AM Diabetes – also etwa der Ketoazidose oder der Hypoglykämie – verstorben sind. Das waren im Jahr 2012 laut Statistik Austria beispielsweise 2.972 Todesfälle. Zählt man jene Todesfälle wegen Diabetes, also seiner Folgeerkrankungen dazu, sind es rund 10.000 Sterbefälle.

Mangelhafte Versorgungs- situation bei Typ-2-Diabetes

Während die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes weitgehend zufriedenstellend ist, bestehen bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes-Erkrankten nach wie vor Defizite.

„Typ-2-Diabetespatienten gelten als Domäne der Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner. Aufgrund der steigenden Zahl von Erkrankten, dem hohen Zeit- und Beratungsaufwand und der inadäquaten Honorierung reichen die Allgemeinmediziner diese Patienten aber vermehrt an Diabetesambulanzen weiter. Dies führt vor allem im städtischen Bereich – aufgrund der kurzen Anfahrtszeiten – zur Überlastung solcher Spezialeinrichtungen. Die Patienten werden allerdings weiterhin von den Hausärzten betreut, was zur paradoxen Situation einer doppelten Inanspruchnahme von Behandlungsressourcen führt“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Vorstandsmitglied der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Im ländlichen Bereich wiederum findet man wenige Diabetesambulanzen – die Erreichbarkeit dieser Einrichtungen ist also regional sehr unterschiedlich.

„Therapie Aktiv“ – ein Schritt in die richtige Richtung

Um die erwähnte Ineffizienz und Doppelgleisigkeit in der Behandlung des Typ-2-Diabetes in den Griff zu bekommen, wurde 2007 das Disease Management Programm „Therapie Aktiv“ ins Leben gerufen. Dabei werden Typ-2-Diabetes-Patienten in einem personalisierten Schema von eigens geschulten DMP-Ärzten und Spezialeinrichtungen betreut und der Therapieverlauf engmaschig dokumentiert. Damit wird versucht, die Folgeerkrankungen des Diabetes zu vermeiden.

Da dieses DMP allerdings für die Ärzteschaft einen hohen bürokratischen Aufwand und geringe Entlohnung bedeutet und die Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Stellen nicht klar geregelt ist, wird „Therapie Aktiv“ von den Ärztinnen und Ärzten in nur geringem Maße angenommen.

Lifestyle-Versager?

Dem Typ-2-Diabetes haftet die Charakterisierung als „Wohlstandserkrankung“ an: Die meisten Menschen vertreten die Auffassung, dass nur wer fett und faul ist, daran erkrankt. „Bei dieser Stigmatisierung, die sowohl die Erkrankten als auch die Erkrankung selbst betrifft, geht vollkommen unter, dass es eine genetische Disposition braucht, um an Typ-2-Diabetes zu erkranken, immerhin gibt es ja viel mehr dicke Menschen als an Diabetes Erkrankte. Trotzdem findet sich in der Bevölkerung, vor allem aber auch bei vielen Ärzten und Diabetes-Beratern und sogar bei den Patienten selbst die Haltung, dass, wer an Typ-2-Diabetes erkrankt, lediglich ein „Lifestyle-Versager“ sei“, erklärt Dr. Claudia Francesconi, Diabetes- und Stoffwechselambulanz, Gesundheitszentrum Wien-Mitte der WGKK, Erster Sekretär der ÖDG.

Alltags-Diskriminierung

Vor allem im Berufsleben werden vom Diabetes Betroffene ausgegrenzt, wobei die Diskriminierung viele Facetten hat: Arbeitgeber scheuen davor zurück, chronisch kranke Menschen zu beschäftigen, weil sie sich vor häufigen Ausfällen wegen Arztbesuchen und Krankenständen, verminderter Leistungsfähigkeit und der viel zitierten Gefahr einer Unterzuckerung fürchten. Auch herrscht die Meinung vor, dass die regelmäßigen Blutzuckermessungen den Arbeitsprozess aufhalten würden. Diese Vorurteile basieren großteils auf Fehl- oder mangelnder Information.

Aber auch im Alltag werden Diabetespatienten diskriminiert – sei es bei der Erstattung eines Führerscheins, denn die Fahrerlaubnis wird jedenfalls befristet erteilt, – sei es im sozialen Umfeld, weil Betroffene bei geselligen Aktivitäten nur eingeschränkt mitmachen können.

FACE DIABETES – dem Diabetes ins Auge sehen

Mit FACE DIABETES will die Österreichische Diabetes Gesellschaft in der Öffentlichkeit die Wahrnehmung für Diabetes und seine Prävention schärfen. FACE DIABETES versteht sich weder als Kampagne noch als Projekt, da diese zeitlich begrenzt sind. Stattdessen möchte FACE DIABETES kontinuierlich auf die Bedeutung der Erkrankung für die Betroffenen, ihre Angehörigen, das Gesundheitssystem, die Politik und die Gesellschaft hinweisen. Derzeit ist FACE DIABETES ein optischer Anker für die Anliegen der ÖDG in der Öffentlichkeit. In weiterer Folge sollen eine interaktive Website, Awareness-Kampagnen und Info-Veranstaltungen organisiert werden, sowie öffentlich sichtbare Materialien wie Beach Flags, Banner, Plakate und T-Shirts für Veranstaltungen und den alltäglichen Gebrauch.

 

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