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Gesundheitspolitik 9. März 2014

Lenkung der Patientenströme durch attraktivere Angebote

VLKÖ-Präsident Dr. Otto Traindl zur Diagnose und zu möglichen Therapievorschlägen gegen akute Krankheitsherde im heimischen Spitalswesen.

Der VLKÖ, der Verband der Leitenden Krankenhausärzte Österreichs, ist eine interdisziplinäre, freiwillige Interessenvertretung mit rund 300 Mitgliedern. 98 Prozent davon sind Primarärzte, das entspricht rund einem Fünftel aller Primarärzte Österreichs. Der Verband will sich unter Traindls Führung zukünftig noch stärker als bisher „aktiv und konstruktiv“ in die Gesundheitspolitik einbringen, nicht nur mit der Expertise seiner Mitglieder als erfahrene Ärzte, sondern auch als zentrale Führungskräfte im Krankenhausbetrieb.

Primarius Dr. Otto Traindl, Präsident des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs, im Gespräch mit der Ärzte Woche zu den Zielen, die er mit dem VLKÖ erreichen möchte.

Herr Primarius, an den zuletzt ausgebrochenen Konflikten und Ärzte-Protesten am Wiener AKH zeigen sich wohl nicht nur punktuelle, sondern strukturelle Probleme im Spitalsalltag. Woran krankt der Krankenhausbetrieb?

Traindl: Es gibt sicher mehrere Krankheitsherde. Da wäre an erster Stelle die Personalsituation zu nennen, der Mangel an Ärztestunden. Der zweite Problemkreis, der natürlich mit dem Ersten eng verbunden ist, hat viel mit dem enormen und immer weiter steigenden Kostendruck in den Spitälern zu tun, der zu einer massiven Ressourcenverknappung auf allen Ebenen führt. Drittens kämpfen wir mit Patientenströmen, die unter den zu Verfügung stehenden Ressourcen oft kaum mehr zu bewältigen sind, Stichwort: freier Zugang zu den Notfallambulanzen.

Soweit die Diagnose: Welche Therapiekonzepte hat nun der Verband der Leitenden Spitalsärzte dagegen anzubieten?

Traindl: Bleiben wir gleich beim letztgenannten Punkt. Wir wissen aus Untersuchungen, dass etwa 50 Prozent der Patienten, die heute in die Notfallambulanzen kommen, diese aufgrund ihrer Akuterkrankung auch tatsächlich benötigen. Das heißt aber auch, dass die andere Hälfte im niedergelassenen Bereich ebenso gut versorgt wäre.

Es gelingt aber offensichtlich nicht, die Ströme entsprechend kosten- und ressourcenschonend umzuleiten. Viele meinen, das liegt auch am fehlenden Angebot beziehungsweise an der fehlenden Qualität im niedergelassenen Bereich.

Traindl: Das ist für mich keine Frage der Qualität. Wir haben zwei ausgezeichnete Versorgungssysteme, sowohl im stationären wie im niedergelassenen Bereich, die parallel auch gut funktionieren. Bei der Vernetzung der Systeme sehe ich persönlich aber noch massiven Handlungsbedarf. Das Problem sind die getrennten Zuständigkeiten und Finanzierungssysteme. Die Gesundheitsreform ist zwar bemüht, hier eine gewisse Harmonisierung zu erreichen, die Geldflüsse bleiben aber nach wie vor getrennt. Die Folge davon sind völlig unterschiedliche Entscheidungsprozesse. Wir sollten tatsächlich ernsthaft versuchen, die Geldflüsse und Entscheidungsstrukturen noch besser als bisher zu verzahnen.

Ich halte darüber hinaus eine gewisse Lenkung der Patientenströme für durchaus sinnvoll. Solange wir ein komplett öffentlich finanziertes Gesundheitssystem haben – das ich im Übrigen sehr befürworte –, bin ich nicht für einen absolut freien Zugang zu den Ambulanzen. Es muss gelingen, dass Patienten bis zu einem gewissen Grad im niedergelassenen Bereich versorgt werden müssen und erst ab bestimmten Kriterien zur Akutbehandlung ins Krankenhaus überwiesen werden.

Voraussetzung dafür ist in jedem Fall eine verbesserte Kommunikation und Kooperation zwischen den Bereichen, zwischen niedergelassenen Ärzten und Spitälern. Das ist ein großes Anliegen unseres Verbandes, wofür wir uns starkmachen. Nur durch eine bessere Kommunikation wird es uns gelingen, das System insgesamt nachhaltig effizienter zu machen.

Auf Änderungen reagieren

Der Obmann der Spitalsärzte in der Ärztekammer, Dr. Harald Mayer, tritt auch vehement für eine Lenkung der Patientenströme ein. Sein Vorschlag einer Ambulanzgebühr wurde aber von vielen Seiten, auch innerhalb der Ärztevertretung, postwendend zurückgewiesen. Was sagen Sie dazu?

Traindl: Natürlich kann man darüber diskutieren, solange die Selbstbehalte sozial verträglich gestaltet werden. Eine andere Möglichkeit wäre es aber, den betroffenen Patienten, die in überfüllten Ambulanzen warten, zeitlich attraktive Angebote zu machen, wie das einige niedergelassene Kollegen bereits praktizieren. Denn außerhalb der bisherigen Kernzeiten der Ordinationen sind Notambulanzen am stärksten frequentiert. Man darf nicht vergessen, es hat sich Vieles im Alltag geändert, vor allem auch im Arbeitsalltag der meisten Menschen. Es ist für arbeitstätige Patienten heute oft nicht einfach möglich, während ihrer Arbeitszeit zum Arzt zu gehen. Darauf sollte das bestehende und sonst gut funktionierende duale Gesundheitssystem noch stärker Rücksicht nehmen. Man könnte das zeitliche Versorgungsangebot beispielsweise entsprechend erweitern. Dazu sind wir als Verband auch im Dialog mit den Kollegen des niedergelassenen Bereichs, um so ärztliche Versorgungsprogramme auch weiter patientenfreundlicher gestalten zu können und die Wartezeiten zu verkürzen. Meiner Meinung nach ließen sich Patientenströme besser lenken, wenn spezielle Versorgungszentren den Krankenhäusern vorgelagert und eine klare Rollenverteilung im Versorgungssystem festgelegt wären.

Sie weisen immer wieder auf den drohenden Ärztemangel quer durchs Land hin. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Traindl: Wir haben schon jetzt beinahe flächendeckend, ausgenommen vielleicht noch einige Spitäler in Wien, eine Unterversorgung. Die ehemaligen Wartelisten auf einen Turnusplatz sind längst leer. Das hat einerseits damit zu tun, dass immer weniger Jungmediziner promovieren – an der MedUni Wien etwa ging die Zahl der Absolventen von rund 1.000 auf 600 pro Jahr zurück, der Bedarf allein in Wien und Niederösterreich beträgt aber schon 450 neue Ärzte pro Jahr –, andererseits aber auch mit einem verstärkten Abgang ins Ausland. Nun habe ich nichts gegen einen internationalen Austausch, das kann durchaus befruchtend sein, viele kommen aber nicht mehr zurück, gehen unserem System dauerhaft verloren. Das hat nicht nur mit attraktiven finanziellen Angeboten zu tun, sondern auch mit familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen, modernen Arbeitszeitmodellen und besseren Karrieremöglichkeiten. Dem aktuellen Mangel an Turnusärzten wird in wenigen Jahren ein Mangel an Assistenzärzten und bald danach auch an Fachärzten folgen.

Kein Selbstläufer

Bei den Gesundheitsgesprächen im Vorjahr in Alpbach wurde viel über eine zukünftig notwendige Priorisierung in der Medizin diskutiert, weil nicht alles, was medizinisch heute möglich ist, morgen auch leistbar sein wird. Wer entscheidet zukünftig über die Gesundheit?

Traindl: Was wir uns in Zukunft medizinisch leisten wollen, ist eine rein politische Fragestellung. Wollen wir weiterhin ein soziales Gesundheitssystem, wo jedem alles offen steht, dann muss ausreichend Geld in das System fließen – natürlich immer unter der Prämisse, dass innerhalb des Systems darauf geachtet wird, die Abläufe möglichst kostengünstig zu gestalten. Bevor wir also nach zusätzlichen Mitteln verlangen, müssen wir zuerst einmal darauf schauen, wie wir das System optimieren und möglichst effizient machen und wo wir noch Synergien heben können.

Aber eines ist klar: Wenn die Ressourcen nicht mehr werden, dann werden auch die Leistungen nicht mehr werden können. Meiner Meinung nach muss die Gesundheitspolitik insgesamt einen höheren Stellenwert bekommen, als es derzeit der Fall ist. Im jüngsten Regierungsprogramm finden sich dazu gerade einmal ein paar dürre Seiten. Die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Systems ist kein Selbstläufer. Dazu braucht es noch deutlich größere Anstrengungen als bisher.

Das Gespräch führte V. Weilguni

V. Weilguni, Ärzte Woche 10/2014

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