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Pädiatrie – ein typischer Arztberuf für Frauen?

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Chirurgie – ein typischer Arztberuf für Männer?

 

 

Veränderungen im Ärztinnenanteil

 
Gesundheitspolitik 24. Februar 2014

Die Medizin wird weiblich, die Karrieren sind männlich

Im Rahmen des 6. Wiener Symposiums der Österreichischen Ärztekammer wurde über mögliche Auswirkungen der Feminisierung des Arztberufs auf die medizinische Leistungserbringung diskutiert und darüber, welcher Handlungsbedarf daraus abzuleiten wäre.

Immer mehr Ärztinnen arbeiten in Spitälern wie im niedergelassenen Bereich. In den kommenden Jahren werden die Frauen die Mehrheit bilden, bei Studierenden und TurnusärztInnen ist das bereits heute der Fall. Lediglich in den Führungspositionen wird dieser Prozess – wie fast überall sonst im Berufsleben auch – noch länger dauern. Weil sich Ärztinnen aber sowohl in der Wahl als auch in der Ausübung ihres Berufs teilweise signifikant von ihren männlichen Kollegen unterscheiden, muss das Gesundheitssystem auf ihre Bedürfnisse und die geänderten Anforderungen auch entsprechend reagieren. Dass es einen akuten Handlungsbedarf gibt, etwa was die Flexibilisierung oder auch Vernetzung im niedergelassenen Bereich betrifft, liegt klar auf der Hand, konkrete Initiativen gehen aber bisher über vollmundige Lippenbekenntnisse selten hinaus. Politik, Arbeitgeber und Ärztevertretung sind hier gefordert.

300 vor Christus musste sich die Athenerin Agnodike noch als Mann verkleiden, um Medizin studieren und im Arztberuf praktizieren zu können. Im deutschsprachigen Raum dauerte es dann nochmals weit mehr als 1.000 Jahre, bis die Mystikerin und Naturforscherin Hildegard von Bingen im 11. Jahrhundert Werke für die Heilkunde verfasste und damit heute inoffiziell als erste deutsche Ärztin der Geschichte angesehen wird. Während in der Schweiz das Medizinstudium 1863 für Frauen erstmals geöffnet wurde, ließen sich die Regenten in Deutschland und Österreich lange darum bitten, bis zum Jahr 1900. Die beiden Länder waren damit europaweit Nachzügler. Schon zuvor erwarben hierzulande allerdings vereinzelt Frauen große Verdienste um die Heilkunde, etwa Rosa Kerschbaumer-Putjata, die ab 1890 dank einer Sondergenehmigung von Kaiser Franz Joseph als Augenärztin in Salzburg praktizierte, oder Gabriele Possanner. Sie eröffnete 1897 eine Praxis in Wien und wurde 1904 als erstes weibliches Mitglied in die Ärztekammer aufgenommen.

Seither hat sich in puncto Geschlechterverhältnisse in der Medizin doch Gravierendes geändert. Bei den Studierenden und Berufseinsteigern haben die Frauen ihre männlichen Kommilitonen und Kollegen inzwischen klar überflügelt. In Deutschland sind heute 64 Prozent aller Medizinstudierenden weiblich, in Österreich sieht es ganz ähnlich aus. Auch bei den Berufseinsteigern wurde die 60-Prozent-Marke bereits überschritten. Das heißt, die aktiven Ärztinnen, die derzeit mit einem 47-Prozent-Anteil noch knapp zurückliegen, werden in den kommenden Jahren die Männer zahlenmäßig überflügeln.

Längerfristig sei dann eine mehr oder weniger synchrone Entwicklung zu erwarten, prognostiziert der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Artur Wechselbergerr: „Der Aufholprozess der Frauen ist nahezu abgeschlossen. Zukünftig wird es einen parallelen Verlauf geben, immer ein bisschen mehr Frauen als Männer.“

Attraktivitätsverlust

Im deutschen Bundesland Thüringen ist die Wachablöse, zumindest in die Hausärzte betrifft, jedenfalls schon längst vollzogen, berichtete Dr. Anette Rommel, 1. Vorsitzende des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, am Symposium in ihrem Vortrag „Die Medizin wird (ist) weiblich“. 1.062 Hausärztinnen stehen 659 Hausärzte gegenüber. Einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung sieht Rommel in der Tatsache, dass der Beruf des Hausarztes bei Ärzten deutlich an Attraktivität verloren hat. Die Schuld dafür trage in erster Linie das ehemals „starke Geschlecht“ selbst: „Wer immer nur über die schlechten Bedingungen in seinem Beruf jammert, der darf sich auch nicht wundern, wenn die Attraktivität des Berufsbildes leidet.“

Typische Frauenfächer?

Während bei den Allgemeinmedizinern die Frauen sowohl in Deutschland also auch in Österreich an ihren männlichen Kollegen vorbeigezogen sind, ist deren Anteil bei den Fachärzten mit 33 Prozent insgesamt noch relativ gering. In den einzelnen Fachgebieten zeigen sich bei näherer Betrachtung aber zum Teil sehr unterschiedliche Entwicklungen. So haben sich regelrechte „Frauenfächer“ etabliert, etwa Physikalische Medizin, Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie und Neurologie, Dermatologie oder Anästhesie. Klassische „männliche Fächer“ sind nach wie vor die Innere Medizin, Unfallchirurgie, Urologie und Orthopädie. Gerade aber in der männlichen Domäne Innere Medizin wird in den kommenden Jahrzehnten der Bedarf an Nachwuchs am höchsten sein. Bis zum Jahr 2030, so schätzt die Ärztekammer, werden 2.500 Positionen in der Inneren Medizin zu besetzen bzw. nachzubesetzen sein. Um diesen Bedarf decken zu können, wird es also unbedingt notwendig sein, Frauen verstärkt zu einer einschlägigen Facharztausbildung zu motivieren.

Männer dominieren Führungspositionen

„Die Medizin wird weiblich, die Karrieren sind männlich“, ortet Rommel allerdings nach wie vor ein starkes hierarchisches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. In Deutschland, erzählt Rommel, „sind bundesweit nur zwölf Prozent aller Professorenstellen mit Frauen besetzt, nur fünfzehn Prozent aller leitenden Klinikärzte sind weiblich und auch in der Standespolitik sind Ärztinnen noch in der Minderzahl.“

Das liege, so die Diagnose von Rommel, weniger an mangelndem Durchsetzungsvermögen der Frauen als vielmehr an dem nach wie vor bestimmenden Rollenklischee – aber auch an einem differenzierten Selbstverständnis des Arztberufs. So würden Frauen „eine andere Medizin als Männer machen“ sagt Rommel und zitiert dazu Dr. Regine Rapp-Engels vom Deutschen Ärztinnenbund. Demnach investieren Frauen mehr Zeit in Gespräche, akzeptieren eher Präventionsangebote, beziehen Lebenskontext und psychosoziale Themen stärker in ihre Arbeit ein, sind teamfähiger und eher bereit, Netzwerke zu bilden als ihre männlichen Kollegen.

Systemanpassungen

Geschlechterunterschiede zeigen sich auch, was die Lebensplanung betrifft. So ist die Lebensarbeitszeit bei Ärztinnen durch die Mutterschaft kürzer, Weiterbildungszeiten hingegen länger. Zudem kommt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Frauen signifikant größere Bedeutung zu als bei ihren männlichen Kollegen – zumindest „noch“, denn der Wunsch nach einer ausgewogeneren Life Balance im Arztberuf nimmt auch bei den jüngeren Ärzten deutlich zu, Stichwort „Generation Y“. Auf diese Ansprüche müsse sich das Gesundheitssystem jedenfalls entsprechend einstellen, fordert Wechselberger, um JungärztInnen auf ihrem Weg zwischen Familie, Privatleben und Karriere nicht zu verlieren. So sei es etwa notwendig, zusätzliche Kinderbetreuungsplätze in Krankenhäusern zu schaffen sowie familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, um Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern. Aber auch spezielle Wiedereinstiegsprogramme mit Vorbereitungsseminaren und unterstützendem Coaching schlägt Wechselberger vor. Um Frauen eine Berufstätigkeit neben der Familie zu ermöglichen, brauche es vor allem im niedergelassenen Bereich neue Formen der Zusammenarbeit, aber auch eine Entlastung von Bereitschaftsdiensten.

„Uns wird jedenfalls schnell etwas einfallen müssen, weil die Zeit läuft“, ortet der Ärztekammer-Präsident dringenden Handlungsbedarf. Voraussetzung dafür sei aber auch ein „Umdenken bei Verantwortungsfragen in der Standespolitik“, ergänzt Rommel und appelliert am Symposium an die versammelten Standesvertreter: Ärztinnen bräuchten nämlich nicht nur mehr Flexibilisierung und Kreativität sowie gute Rahmenbedingungen vom Gesetzgeber, sondern eben auch eine „starke Interessenvertretung“.

Und sie brauchen vor allem Handlungskompetenz, denn, wie ein Tagungsteilnehmer in der Abschlussdiskussion so selbstkritisch wie treffend formulierte: „Wir sind zwar in der Analyse stark, das Problem ist aber, dass wir nicht stark genug sind in der Umsetzung von Lösungen.“

Quelle: 6. Internationales Symposium: Medizin wird weiblich, Österreichische Ärztekammer, am 25. Jänner 2014

V. Weilguni, Ärzte Woche 9/2014

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